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29.10.2008 |

Frauen boxen sich an die Spitze der Industrie

LANDSBERG. Immer mehr Frauen erobern in Deutschland die Chefsessel. Angela Merkel ist wohl das prominenteste Beispiel für diese Entwicklung. Doch die Bundeskanzlerin ist auch eine Rarität – im Top-Management sind Frauen mit 7,5 % deutlich unterrepräsentiert. Dabei sind gerade die frauengeführten Unternehmen laut einer Studie besonders erfolgreich.

Boxerin

Trotz deutlicher Nachteile im Job behaupten sich immer mehr Frauen in den Top-Etagen.

Laut einer Kienbaum-Studie variiert der Anteil der weiblichen Führungskräfte je nach Position erheblich. Sind Frauen in der Personalentwicklung und im Verkaufsinnendienst mit rund einem Drittel am häufigsten vertreten, findet man sie kaum in technischen Führungspositionen. „Bereits von Kindheit an werden Frauen nicht ermutigt, sich mit Technik auseinander zu setzen“, sagt Dr. Ulla Weber, die an der Technischen Universität München im Frauenbüro arbeitet und ein Mentoring-Projekt für Studentinnen leitet. Oftmals sei das Studium keine ermutigende Erfahrung für technikbegeisterte Frauen. „Der Begriff Technik ist für die Gesellschaft immer noch unvereinbar mit Weiblichkeit. Man erwartet von Frauen keine technischen Fähigkeiten.“

Leitet eine Frau jedoch beispielsweise ein Maschinenbauunternehmen, steht ihr technisches Know-how oftmals auf dem Prüfstand. Diese Erfahrung hat die 36-jährige Miriam Weiler gemacht. Sie wird in der Geschäftsführung der G.D.W Werkzeugmaschinen Herzogenaurach GmbH in die Fußstapfen ihres Vaters treten: „Gerade in technischen Bereichen müssen sich Frauen mit mehr Wissen und Können beweisen. Wir müssen 200 Prozent geben. Bei Männern wird ein technisches Know-how vorausgesetzt – bei uns Frauen erst einmal in Frage gestellt.“ Diesen Standpunkt vertritt auch Aurelia Dehnhard-Muck, Geschäftsführerin und Eigentümerin der MKB Metallguss GmbH. Das ist die einzige Gießerei in Europa, deren Chef eine Frau ist. „Der Weg für Frauen in Führungspositionen ist sehr hart“, sagt Dehnhard-Muck. „Meistens sind es Männer, die Nachwuchskräfte empfehlen und Männer empfehlen meistens Männer.“ Zudem müssen Frauen durch Kompetenz und Fachwissen doppelt überzeugen.

„Fachwissen, Hartnäckigkeit, Einsatzfreude, Disziplin, Teamfähigkeit und Bescheidenheit sind Voraussetzungen, die jeder mitbringen muss, der führen will“, ist Dr. Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung bei Trumpf, überzeugt. „Ganz besonders wichtig ist die soziale Kompetenz, ohne die es nicht gehen kann.“ Laut der Studie ‚Frauen auf Expedition – in das Jahr 2020‘ von DB Research werden ‚soft skills‘ wie interpersonale Fähigkeiten und Kreativität für Führungskräfte zunehmend wichtiger.

„Vielleicht können Frauen besser zuhören und es ist für sie selbstverständlicher, andere zu fördern“, sagt Renate Pilz, Geschäftsführerin der Pilz GmbH. „Führen zu können, heißt für mich, andere fördern zu können.“ Für Aurelia Dehnhard-Muck steht vor allem die Teamorientierung im Vordergrund. Nach der Übernahme der dominant und patriarchalisch geführten Gießerei bildete sie Teams und schweißte die gesamte Belegschaft zusammen. „Frauen neigen dazu, teamorientierter und offener zu führen“, erklärt auch Dr. Leibinger-Kammüller. „Sie betrachten es nicht als Gesichtsverlust, wenn sie – bei Wissenslücken – die entsprechenden Fragen stellen.“

Frauen bewerten anders und sind oft dazu bereit, Geschäftsabläufe zu hinterfragen – zu dieser Erkenntnis kommt DB Research. Diese Eigenschaften sind laut einem Report von Catalyst auch der Grund, aus dem Firmen mit mehr Frauen im Vorstand finanziell schlagkräftiger sind.

Vielleicht nimmt gerade deshalb die Zahl der Frauen in Führungspositionen stetig zu. Der Frauenanteil hat sich von 1995 bis 2007 laut Wirtschaftsinformationsdienst Hoppenstedt verdoppelt. Doch die Zahl der Frauen, die sich an die Spitze eines Unternehmens geboxt haben, liegt immer noch bei bescheidenen 15 %. „In der deutschen Arbeitskultur spielen Anwesenheit und Verfügbarkeit eine große Rolle“, sagt Dr. Ulla Weber. „Um ein Unternehmen führen zu können, braucht eine Frau jemanden, der ihr zu Hause den Rücken frei hält.“ Somit stelle sich für viele Frauen die Entscheidung zwischen Familie und Karriere oder gar Berufstätigkeit.

Wie sie Familie mit Karriere vereinbart, beschreibt Dr. Nicola Leibinger: „Mit viel Einsatz, großer Disziplin, guter Einteilung der verfügbaren Zeit, unter Zurückstellung der eigenen Interessen, die außerhalb des Unternehmens liegen und mit der Unterstützung meiner Mitarbeiter in der Firma und zu Hause. Außerdem habe ich ‚kooperative‘ Kinder, die gelernt haben, dass man für die Firma Opfer bringen muss.“

Hilfreich wäre es laut DB Research, wenn Firmen neben einer familienfreundlicheren Personalpolitik und Anreizen für die Vätern, sich bei der Kindererziehung zu engagieren, auch Bewertungsprozesse einführen, bei denen es auf Ergebnisse und weniger auf Anwesenheit ankommt.

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