27.03.2012 | CleanTech

Polen setzt auf Schiefergas

Angesichts hoher Ölpreise und wenig effektiver alternativer Energieträger rückt Schiefergas in den Fokus. Bild: eon
Angesichts hoher Ölpreise und wenig effektiver alternativer Energieträger rückt Schiefergas in den Fokus. Bild: eon

Shale Gas (Schiefergas) als Energiequelle der Zukunft wird derzeit heiß diskutiert: Während in Deutschland die Umweltverbände diesen Rohstoff ablehnen, weil bei der Förderung möglicherweise das Trinkwasser vergiftet wird, unterstützt Polen die Erschließung des Gases nach Leibeskräften.

von Sebastian Becker

WARSCHAU (sm). Polen setzt derzeit stark auf die Förderung von Shale Gas, um seine große Abhängigkeit von Russland zu mildern. Allerdings wird jetzt erst einmal die Anfangseuphorie gebremst: Das polnische Geologie-Institut PIG hat eine erste Schätzung über die Vorkommen im Land erstellt, die fast zehn Mal geringer sind als die Prognosen die bislang am Markt bekannt waren. „Die Lager dürften ein Volumen haben, das zwischen 346 und 768 Milliarden Kubikmetern liegt“, sagte der Leiter des PIG, Piotr Woźniak. „Diese Zahlen beruhen auf einer konservativen Annahme und sind sehr glaubwürdig“, fügte der Geologe hinzu. Damit sind die Vorkommen doch offenbar wesentlich geringer als angenommen. Nach den ersten Schätzungen der US-Energie-Agentur EIA lagern in Polen mit 5,3 Billionen Kubikmetern die größten Lager dieses Gases in ganz Europa. Frankreich liegt mit Volumina von 5,1 Billionen Kubikmetern auf dem zweiten Platz. Deutschland verfügt hingegen nur über geringe Reserven.   

Shale Gas gilt weltweit als eine Option, die einen Teil zur zukünftigen Energieversorgung beisteuern kann. In den USA ist der Rohstoff deswegen bereits stark im Kommen und macht 22 Prozent am Gesamtverbrauch aus. Allerdings steht es stark in der Kritik von Umweltverbänden wie Greenpeace. Sie befürchten, dass die Chemikalien, die bei der Förderung eingesetzt werden, das Grundwasser vergiften. Frankreich hat diese Form der Energiegewinnung deshalb schon verboten, und in Deutschland wird sie von Politikern mitunter hart kritisiert. Das kümmert hingegen die Polen wenig. Für sie steht im Mittelpunkt, dass sie sich weniger abhängig vom russischen Gas machen würden, das derzeit einen Großteil ihres Bedarfs deckt. Aus diesem Grund hat die polnische Regierung sehr ehrgeizige Pläne, an denen sie erst einmal festhält – den neuesten Untersuchungen zum Trotz. „Wir wollen 2014 mit einem jährlichen Fördervolumen von mindestens 200 Millionen Kubikmetern beginnen“, nannte der Minister für Staatsvermögen, Mikołaj Budzanowski, sein ambitioniertes Ziel.

Dabei hat die Regierung bisher etwa hundert Such-Konzessionen herausgegeben. Unter den Unternehmen, die hier Probe-Bohrungen durchführen, befinden sich auch solche großen Energiekonzerne wie ExxonMobil und Marathon Oil. „Shale Gas ist jedenfalls eine gangbare Option, vorausgesetzt, man verpflichtet sich, umweltverträgliche Förderungstechnologien einzusetzen“, sagte der Sprecher von KCA DEUTAG Drilling, Carsten Freyer im Gespräch mit „der Produktion“. Der internationale Dienstleister konzentriert sich auf das Management und die Herstellung von Onshore- und Offshore-Anlagen für die Öl- und Gasindustrie. Das Unternehmen führt aktuell für Marathon Oil im Südosten von Polen eine Explorationsbohrung durch. „Polen ist für uns ein interessanter Markt, der langfristig eine Perspektive bietet“, unterstrich Freyer. Ein Vorteil sei die Standortnähe zu der deutschen Niederlassung in Bad Bentheim. Die neue Prognose sieht der Fachmann gelassen, weil die erste Schätzung nur sehr grob gewesen sei. „Viele in der Branche hatten eine Revision erwartet“, sagte Freyer. „Selbst wenn sich nur ein Viertel der Vorkommen in Polen rentabel erschließen ließe, wäre dies eine Förderung, die es in einem solchem Umfang in Europa noch nie gegeben hat“, erklärte er. Der Experte geht davon aus, dass es frühestens Mitte 2013 erste Ergebnisse geben wird, wann mit der Produktionsphase begonnen werden kann. „Ein Pluspunkt ist jedenfalls, dass die polnische Regierung voll hinter der Förderung steht – anders als in Deutschland“, so Freyer. Die Termine, die sie setzt, sind seinen Aussagen zufolge zwar sehr ambitioniert. „Doch zeigen sie, dass das Land positiv dahinter steht – und das ist nur zu begrüßen.“

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