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08.03.2012 |

Solarbranche befürchtet Insolvenzwelle

Schlechte Nachrichten aus der Solarbranche sind in letzter Zeit alles andere als eine Seltenheit. Doch mit einer Adhoc-Meldung ließ die Solarhybrid AG am Mittwoch doch aufhorchen (Bild: view7 - Fotolia.com).
Schlechte Nachrichten aus der Solarbranche sind in letzter Zeit alles andere als eine Seltenheit. Doch mit einer Adhoc-Meldung ließ die Solarhybrid AG am Mittwoch doch aufhorchen (Bild: view7 - Fotolia.com).

Die Solarhybrid AG sieht angesichts der von der Bundesregierung geplanten Förderkürzungen ihr gesamtes Geschäftsmodell in Frage gestellt. Ein Einzelfall? Mitnichten: Die Branche stellt sich darauf ein, dass eine ganze Reihe von Firmen gehörig Federn lassen muss.

von Ursula Quass, Dow Jones Newswires

FRANKFURT (ks)–”Die Marktvolumen werden sich halbieren”, gibt sich Katharina Cholewa, Solar-Expertin bei der WestLB, im Gespräch mit Dow Jones überzeugt. “Dadurch wird es nicht mehr so viel Platz für Unternehmen geben.” Zwar wären kleine, insolvenzgefährdete Unternehmen und Firmen mit großen Schulden irgendwann ohnehin aus dem Markt gefallen. Nun aber beschleunige sich dieser Prozess nach ihren Schätzungen um ein Dreivierteljahr.

“Die ganze Industrie hängt am regulatorischen Umfeld”, so auch Stephan Wulf, Solar-Analyst bei Warburg Research. “Die Unternehmen laufen alle Sturm.” Alle hätten zuletzt relativ schwache operative Zahlen vorgelegt und würden ihre Ausblicke zurückfahren. Warburg Research gehe davon aus, dass die Neuinstallationen in Deutschland in diesem Jahr “nicht viel mehr als vier Gigawatt” an Volumen erreichen werden. 2011 seien es noch 7,3 Gigawatt gewesen.
Wie viele Watt Solarhybrid künftig beitragen kann, steht in den Sternen. Ob und wie die Solarhybrid AG ihr Geschäft in Deutschland fortführen wird, will Finanzvorstand Albert Klein auf Anfrage von Dow Jones nicht kommentieren. Auch wie die Übernahme der US-amerikanischen Aktivitäten der insolventen Solar Millennium AG finanziert werden soll, will er nicht sagen. Die Ausgabe einer Unternehmensanleihe hält das Unternehmen jedenfalls für gefährdet. Der Vorstand prüfe derzeit alternative Finanzierungen und befinde sich diesbezüglich in konkreten Verhandlungen, heißt es lediglich.

Fest steht für Klein jedenfalls eines: “Solarhybrid kann natürlich sein Geschäftsmodell nicht so einfach ändern.” Das Unternehmen versuche bereits, in andere Märkte und Länder vorzudringen. Künftig werde die Photovoltaik in Deutschland jedenfalls eine geringere Rolle spielen. “Es ist ein absoluter Witz, dass die Rahmenbedingungen künftig per Ministerdekret von einem Tag auf den anderen geändert werden sollen. Damit fällt Deutschland als Investitionsstandort weg.”
Kern des Anstoßes für die Beschwerden von Klein ist ein Vorschlag der Bundesminister Philipp Rösler (FDP) und Norbert Röttgen (CDU) von Ende Februar. Dabei hatten sich die beiden Minister unter anderem auf eine drastische Reduzierung der Einspeisungstarife für Solarstrom geeinigt.

Für viele Solarunternehmen ist dies ein Schlag ins Kontor. Auch bei Phoenix Solar kommen die Kürzungen alles andere als gut an. “Planungssicherheit und Verlässlichkeit sind in Deutschland nicht gegeben”, kritisiert Vorstandschef Andreas Hänel im Dow-Jones-Interview. “Dadurch werden sicher viele Investitionen nicht getätigt, wenn ein Minister nach Gutsherrenart die Vergütung anpassen kann.”

Schon jetzt steht bei Phoenix Solar durch die Förderungskürzung die Umsetzung von Projekten im Volumen von 50 bis 60 Megawatt und damit ein “durchaus bedeutsamer Posten” auf dem Spiel. Zum Vergleich: 2010 hatte Phoenix Solar nach Angaben von Hänel insgesamt mehr als 300 Megawatt installiert beziehungsweise verkauft. Sollten die gefährdeten Projekte tatsächlich nicht realisiert werden können, wäre das “nicht lustig für alle Beteiligten”. Es würde eine Lücke bei Umsatz und Ertrag entstehen.

Im Unterschied zu Solarhybrid stellt der Solarfachhändler und Kraftwerksbauer Phoenix Solar aber nicht gleich das gesamte Geschäftsmodell in Frage. Denn Phoenix Solar habe seinen internationalen Anteil von sechs% im Jahr 2009 bis zum Ende des dritten Quartals 2011 auf 60% steigern können. Dennoch: die Ausfälle aus dem deutschen Geschäft könnten “mit Sicherheit nicht eins zu eins” kompensiert werden. Für einige Unternehmen sei die Kürzung der Förderung “sicher existenzgefährdend”.

Auch der Kostendruck wachse enorm. “Angesichts der dramatischen Absenkung der Vergütungen sehe ich für große Freiflächenanlagen mit einer Leistung von meist deutlich mehr als einem Megawatt keine Chancen mehr”, so Hänel. Für dieses Marktsegment sehe die Politik für 2012 insgesamt Kürzungen von 42% vor. “Die Politik braucht nicht zu glauben, dass auch die Kosten so schnell gesenkt werden können. Das geht nicht.”

Auch beim Projektentwickler Juwi, der Öko-Kraftwerke für Sonnenstrom, Windstrom und Biogas plant und finanziert, wird der “Kahlschlag” bei den Förderungen höchst kritisch gesehen. Durch die “radikalen Kürzungen” zusätzlich zur ohnehin geplanten Degression würden Firmen aus dem Markt gedrängt, die wirtschaftlich intakt seien, sagte Vorstand und Mitgründer Fred Jung am Dienstag bei der Vorlage der Zahlen für das Geschäftsjahr 2011. “Ein Super-GAU wären die Subventionskürzungen aber für unsere Firma nicht.”

Allerdings macht das rheinland-pfälzische Unternehmen die Entwicklung der Mitarbeiterzahl von den politischen Entscheidungen abhängig. “Je nachdem, welche Lösung gefunden wird, könnten wir auf bis zu 1.900 Mitarbeiter wachsen oder beim jetzigen Stand bleiben.” Aktuell arbeiten 1.700 Menschen bei Juwi.
Insgesamt sind nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW) rund 150.000 Menschen in der Branche tätig – noch. “Wir rechnen mit einer Insolvenzwelle. Mehrere zehntausende Arbeitsplätze sind gefährdet”, warnt BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig.

Erst ab 2016 könne die Solarbranche unabhängig von den Förderungen bestehen, sagte Körnig Dow Jones. Dass diese nun auf den letzten Metern zur Wettbewerbsfähigkeit zusammengekürzt werden sollen, sei “absurd”. Insgesamt aber, davon ist Körnig auch überzeugt, sei das letzte Wort mit Sicherheit noch nicht gesprochen: “Die Energiewende ist ohne den Solarbereich nicht möglich. Man kann gar nicht anders als nachbessern.

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