07.03.2013 | Forschung & Entwicklung

VDI/VDE puzzelt mit an Industrie 4.0

"Jeder einzelne Beitrag der Wertschöpfungskette in der Anlagenautomation muss als ein Puzzlestein verstanden werden, der am Ende des Tages ein Industrie 4.0-Gesamtbild ergibt", sagt GMA Geschäftsführer Dipl.-Ing. Dieter Westerkamp, links neben Dr. Kurt D. Bettenhausen, Vorsitzender der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik – kurz GMA.      Bild: GMA
"Jeder einzelne Beitrag der Wertschöpfungskette in der Anlagenautomation muss als ein Puzzlestein verstanden werden, der am Ende des Tages ein Industrie 4.0-Gesamtbild ergibt", sagt GMA Geschäftsführer Dipl.-Ing. Dieter Westerkamp, links neben Dr. Kurt D. Bettenhausen, Vorsitzender der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik – kurz GMA. Bild: GMA

Der Vorsitzende der VDI/VDE-Gesellschaft (GMA), Kurt D. Bettenhausen und ihr Geschäftsführer, Dieter Westerkamp, schildern exklusiv in Produktion die Rolle ihrer Gesellschaft bei der Realisierung von Industrie 4.0.

Sabine Spinnarke

Welche Rolle spielt die GMA beim Thema Industrie 4.0?
Dr.-Ing. Kurt D. Bettenhausen: Das Thema Industrie 4.0 ist ein übergreifendes Thema. In der Mess- und Automatisierungstechnik fangen die Hersteller, Anwender und Forschungseinrichtungen nicht bei null an; Wir haben in der Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik verstärkend spezielle Fachausschüsse eingerichtet. Ein Fachausschuss beschäftigt sich ganz konkret mit Cyber Physical Systems in der Automation, ein anderer beschäftigt sich mit der technischen Regelsetzung für Referenzarchitekturen. Das wichtigste Anliegen der GMA ist es, eine neutrale Plattform zu bieten, auf der sich Hersteller und Anwender von Automatisierungstechnik und Forschungseinrichtungen treffen können. Denn nur durch den technischen Dialog im vorwettbewerblichen Umfeld entstehen neue Ideen und werden Anforderungen formuliert, weit bevor es zu eigentlichen Produkten kommt.

Wie ist der Stand der Dinge bezüglich verbandsübergreifender Aktivitäten?
Dipl.-Ing. Dieter Westerkamp: Es ist vorgesehen, dass die drei Verbände ZVEI, VDMA und Bitkom eine gemeinsame Geschäftsstelle zur Industrie 4.0 führen, um die deutschen Aktivitäten zu fokussieren. Der VDI und andere werden in die Aktivitäten eingebunden werden – je nach Fachgebiet und Kompetenz. Wir werden auf der inhaltlichen Seite einer der beteiligten Verbände sein. Der erste Schritt ist getan, jetzt warten wir auf die Implementierung.
Das Projekt heißt ja ‚Industrie 4.0‘, daher sind hier zunächst einmal die Industrieverbände aufgerufen. Es wird sich aber zeigen, dass weitere Kompetenzen benötigt werden. Wir bringen als neutrale Plattform auch die Forschungs- und die Hochschulseite mit ein.

Werden denn diesmal alle an einem Strang ziehen?
Westerkamp: Jedes Unternehmen muss für sich ein paar Jahre vorausdenken; ich glaube nicht, dass dabei heute alle dasselbe sehen. Aber viele haben begriffen, dass wir es letztendlich gemeinsam umsetzen müssen. Jetzt geht es darum die vielen unterschiedlichen Perspektiven konvergent zusammenbringen. Jeder Hersteller ist meines Erachtens gewillt, das auf der Plattform der Verbände zu tun.
Bettenhausen: Betrachtet man die Wertschöpfungsketten in der Anlagenautomation, sieht man, dass dort zwangsläufig viele Player zusammenspielen. Jeder einzelne Beitrag muss als ein Puzzlestein verstanden werden, der am Ende des Tages ein Gesamtbild ergibt. Im Vordergrund steht die Diskussion und Suche nach neuen Lösungen. Ein gegenseitiges Abschotten sehe ich nicht.

Wird es auch Standards geben?
Westerkamp: Die Richtlinie VDI/VDE 2182 zum Thema IT-Security zum Beispiel beschreibt eine Vorgehensweise, wie man IT-Security auf Dauer erreichen und halten kann. Es handelt sich um einen risikobasierten Ansatz, der zyklisch zu wiederholen ist. Auch hier haben alle relevanten Verbände zusammengearbeitet. Ähnliches zeichnet sich bei Industrie 4.0 ab: einen Standard, der bis zum Ende ausdefiniert wird, kann es nicht geben – allein aufgrund der Schnelllebigkeit der IT-Themen.

Wie sieht denn Industrie 4.0 ohne Standards aus?
Westerkamp: Vor einer möglichen Standardisierung werden erste Implementierungen im Feld zu finden sein. In dem Ideenwettstreit um die beste Lösung wird es eine De-facto-Standardisierung durch Implementierung am Markt geben. Die Lösung, die der Kunde eher akzeptiert, wird häufiger implementiert werden. Letztendlich gewinnen wir so Geschwindigkeit. Wir reden bei Industrie 4.0 über eine sehr hohe Komplexität und Dynamik; die vielen zusammengehörenden Bestandteile lassen eine große Bandbreite an Lösungsmöglichkeiten zu.

…aber ein Standard würde doch vieles leichter machen…?
Bettenhausen: Ähnlich wie beim Links- und Rechtsverkehr werden sich vielleicht zwei oder drei Lösungen am Markt etablieren. Fragen Sie heute die Automobilindustrie, ob wir Rechts- und Linkslenker brauchen, würde sich die Industrie auf eine Variante einigen. Auf dem Weg zur Standardisierung von Industrie 4.0 wird es die eine oder andere Diskussion geben, die im Zweifelsfall auch einige Zeit beanspruchen wird – verantwortliches Handeln wird bedeuten, diese zeitliche Verzögerung auf ein Minimum zu reduzieren.

Ist das Thema Industrie 4.0 in den Firmen schon präsent?
Westerkamp: Es gibt Firmen, die das Thema Industrie 4.0 für sich verstanden haben, andere eben nicht. Auch wenn gerade sozusagen die Sau Industrie 4.0 durchs Dorf getrieben wird, sind es erst 20 bis 30 % der Hersteller, bei denen das Thema angekommen ist. In spätestens zwei Jahren sieht die Welt anders aus.

…und wie sieht die Welt dann aus?
Bettenhausen: In diesem Konzert werden auch Netzdienstleister immer wichtiger. Denn die Daten und Informationen müssen schließlich durch irgendwelche Kanäle fließen und das bringt Player mit ins Spiel, die heute auf der Landkarte der Automatisierer und Produktionstechnik-Hersteller noch nicht oder nicht umfangreich vorhanden sind.
Am Ende werden wir zurückschauend feststellen, dass es sich um eine Evolution und nicht um eine Revolution gehandelt haben wird – wir haben eine hervorragende Ausgangsbasis und werden und entsprechend positiv weiter entwickeln.

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