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      23.09.2008 | Forschung & Entwicklung

      Volle Auftragsbücher machen Mittelstand innovationsmüde

      LANDSBERG. Der deutsche Mittelstand könnte noch innovativer sein, ginge er systematisch auf Ideensuche, so eine aktuelle Fraunhofer-Studie. Doch nicht mangelnde Organisation, sondern der Erfolg behindert den Erfindungsreichtum.

      Schlafmuetze

      Eine gute Auftragslage lässt die Kreativität der Industrie und ihren Erfindungsreichtum erlöschen.

      Deutschland ist das Land der Erfinder – und des Exports. Im 1. Halbjahr 2008 stiegen die Ausfuhren im Vorjahresvergleich um 6,9 % auf 511,2 Mrd Euro. Der Maschinenbau erwartet einen Produktionsanstieg um 10 %, Robotik und Automation werden laut VDMA einen Umsatzrekord von 8,9 Mrd Euro erreichen – Tendenz in beiden Fällen steigend. Diese Erfolge sind nicht zuletzt auch auf die Innovationskraft des Mittelstandes zurückzuführen. „Der deutsche Mittelstand gehört im Hinblick auf seine Innovationskraft sowohl auf europäischer als auch auf internationaler Ebene zur Spitzengruppe“, sagt Hartmut Schauerte, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Dennoch wird die Innovationsfähigkeit der KMU immer wieder bezweifelt, jüngst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (siehe Produktion 17).

      Jetzt stellte das Fraunhofer IPK fest, dass KMU nicht in der Lage seien, Innovationspotenziale zu erkennen, weil sie Datenmaterial nicht systematisch auswerten und die Kreativität ihrer Mitarbeiter nicht wecken. Dem widerspricht Schauerte: „Die Studie repräsentiert mit 117 Befragten aus 500 Unternehmen nur einen kleinen

      Ausschnitt der rund 3,5 Mio KMU.“ Nach einer Erhebung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung für 2006 bringen in Deutschland 105 000 Mittelständler regelmäßig innovative Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen auf den Markt. Fast 28 000 forschen selbst. Die Innovationsaufwendungen lagen bei ca. 31 Mrd Euro und stiegen 2007 und 2008 an. Doch ist nicht nur die F&E-Quote ausschlaggebend für die reale Innovationskraft einer Branche. So beträgt sie im Maschinenbau nur 3 bis 4 %, jedoch werden hier Neuerungen laut VDMA-Präsident Manfred Wittenstein nicht nur in F&E-Abteilungen entwickelt, sondern „in den Konstruktionsabteilungen realisiert, in Produktion und Design eingeführt“.

      Es ist die technische Kompetenz und die Kundenorientierung, die viele KMU gegenüber dem Wettbewerb auszeichnet, sagt Prof. Dr. Josef Nassauer, Geschäftsführer der Bayern Innovativ GmbH. Dazu gehören in der Regel sowohl ein Chef als auch Mitarbeiter, die ihre Produkte gerade auch technologisch verstehen. Meist zeichnen sich Erfolgsunternehmen durch Einzigartigkeit aus: „Die Guten haben z.B. schwer kopierbare Wertschöpfungsketten und bieten den Kunden sehr oft proaktiv Neues an.“ KMU sind nicht nur kundenorientiert, sondern auch schneller und flexibler als Großunternehmen und daher trotz geringerer finanzieller Ausstattung im Vorteil, so Hans-Jochen Beilke, Vorsitzender der Geschäftsführung der ebm-papst-Gruppe. „Diese organische Entwicklung ist meist erfolgversprechender als die Suche nach Quantensprüngen.“

      Dass KMU technische, wirtschaftliche und politische Veränderungen verschlafen, wie die Fraunhofer-Studie sagt, kann er daher nicht bestätigen. „Gerade KMU werden sehr unterschätzt“, bestätigt Patrick Müller, Geschäftsführer der Technoform Kunststoffprofile GmbH, Preisträger des Wettbewerbs Top 100 Innovatoren. „Ein sehr hoher Prozentsatz von innovativen Produkten entsteht in KMU, nicht in Großunternehmen.“ Jedoch, so Dr. Nikolaus Franke, Professor für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien: „Ein Innovationsklima entsteht nicht über Nacht. Es ist das Ergebnis von Strukturen, Werten und vorbildlichem Verhalten des Managements sowie von Anreizsystemen.“ Regional kann der Kontakt zu einer Hochschule oder einem Forschungsnetzwerk ausschlaggebend sein.

      Doch alle Förderung, jede Organisation läuft ins Leere, wenn volle Auftragsbücher die Kreativität behindern. „Aufgrund des Booms der vergangenen Jahre fühlen sich Mitarbeiter unter einen zu hohen Leistungsdruck gestellt, um kreativ zu sein, während die Inhaber behaupten, ihnen alle Freiräume zu geben“, sagt Volker Wanduch, Stellvertretender Direktor beim VDI. Letzlich sei unvollkommenes Innovationsmanagement nicht ein Problem der Datenlage, sondern ein Kultur- und vor allem ein Kapazitätsproblem.

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