21.11.2011 | Cloud Computing
Cloud Computing in der Produktion kommt langsam in die Gänge

Das neue IT-Betriebsmodell Cloud Computing ist in aller Munde. Von den einschlägigen Instituten werden – wie einst in seligen Dot.com-Zeiten – jährliche WachstumsÂprognosen bis zu 40 Prozent prognostiziert. Wie erfolgreich sind die Anbieter allerdings im Bereich der Fertigungsindustrie?
von Harald Lutz
Einzelne Softwarehäuser und Cloud-AnÂbieter wie Myfactory, Plex Systems, Salesforce.com und SAP werben bereits für den EinÂsatz ihrer On-Demand-, SaaS- oder Cloud-Applikationen auch in der Produktion und FertigungsÂindustrie; andere wie Alpha Business Solutions und PSIpenta verÂweisen auf die CeBIT-Messe im kommenden Frühjahr. Insgesamt tut sich die Hightech-Branche aktuell (Herbst 2011) aber noch eher schwer, im deutschÂsprachigen Raum bereits realisierte ReferenzÂprojekte für die klassischen industriellen KernÂbereiche zu beÂnennen. Experten sind sich aber weitgehend einig: Insbesondere für kleine und mittelÂständische ProduktionsunterÂnehmen (KMU) mit nicht allzu komplexen IT-Anforderungen soll Cloud Computing spätestens 2012 flächendeckend zu einer ernstÂhaften AlterÂnative zu traditionell auf Servern installierter On-Premise-Software werden.
Bereits länger am Markt verfügbar und auch erfolgreich bei mittelständischen ProduktionsÂunternehmen im Einsatz sind Cloud-basierte CRM-Applikationen – so auch bei der auf optische Mess- und SensorÂtechnik spezialisierten Steinbichler Optotechnik GmbH, die sich im Frühjahr 2010 bei der Auswahl ihres neuen CRM-Systems für die Sales Cloud von Salesforce.com entschieden hat. Geschäftsführer Dr. Marcus Steinbichler erläutert: „Die niedrigen Anfangskosten, die schnelle Einsatzfähigkeit, der weltweite ZuÂgriff sowie die unÂkomplizierte Erweiterung von Lizenzen und Standorten waren für uns die durchÂschlagenden Argumente für den EinÂsatz der Cloud.“
Nach drei Monaten war die Implementierung abgeschlossen. „Seitdem arbeiten 58 Nutzer aus Vertrieb, Service und Marketing mit der Salesforce.com-Applikation, alle TochterÂgesellschaften haben Zugriff in Echtzeit“, beÂrichtet der GeschäftsÂführer. Auch die 15 DisÂtributoren sind über ein integriertes HändlerÂportal verÂnetzt und können dort die für sie freiÂgegebenen Vorgänge verÂfolgen und eigene Projekte anlegen.
Insbesondere für KMU mit Serien- oder Stücklistenfertigung bietet die Cloud bereits heute eine ernsthafte Alternative für ihre anÂgestammte ProduktionsÂsoftware: „Wir wollten uns nicht noch zusätzÂlich IT-Probleme ans Bein binden. Daher läuft bei uns von Anfang an alles über Browser“, berichtet Henning Mack, der Geschäftsführer des IndustrieÂzulieferers Nightec GmbH & Co. KG. Der 2006 geÂgründete Produzent von phosphorisierenden Rohstoffen setzte von Beginn  an auf den Software-as-a-Service- / Cloud-Computing-Ansatz von Myfactory. Mack: „Wir sind im Jahr 2007 mit der WarenwirtÂschaft und dem Rechnungswesen gestartet. Das PPS-Modul wurde Mitte 2008 dazuÂgebucht.“ Nach einer individuellen Konfigurationsphase von etwa zwei Wochen produzieren die Bonner seitdem ihre auch nachts leuchtenden Industriewerkstoffe mit IT-Unterstützung über die „Wolke“.
„Ich muss mich bei der IT um nichts kümmern; Backups, Server-Hardware oder SoftwareÂ-Updates gehen uns nichts an“, beÂscheibt der Geschäftsführer die Hauptvorteile seiner über das Internet gemieteten Applikation. Alternativ könnten Unternehmen die Myfactory-Software auch ganz traditionell kaufen und im UnterÂnehmen auf Servern installieren. Mack: „Die Preise sind in etwa identisch, aber man spart das ganze DrumÂherum.“
Beim Industriezulieferer Nightec wird in StückÂlistenfertigung produziert. WeiterÂgehende, komplexere IT-Ansprüche in der Fertigung lassen sich aber offenbar noch immer ausschließlich über klassisch auf Servern installierte On-Premise-Software realisieren: Probleme beim Cloud Computing gebe es vor allem dann, wenn spezifische Hardware wie eine Waage oder Lesegeräte an das Myfactory-System anzuÂbinden seien. Mack: „Wir schränken uns an dieser Stelle etwas ein. Unsere Produktion ist noch nicht übermäßig komplex, sodass wir derzeit damit gut leben können.“ Kritisch werde es dann, wenn das UnterÂnehmen stetig weiter wachse und an die Schnittstellenproblematik heranÂkomme.
Diese Einschätzung teilt man auch im SAP-Umfeld, das sein On-Demand-Komplettsystem für den Mittelstand, SAP Business by Design, z. B. beim Automobilzulieferer Uwe Braun auch in der Fertigung installiert hat. „Wir sehen On-Demand- und Cloud-Computing derzeit überwiegend für Serienfertiger und Dienstleister mit einer wenig komplexen Produktion“, sagt Manfred Haner, PresseÂsprecher beim SAP-Systemhaus Steeb. Insbesondere Variantenfertiger mit komplexen IT-Ansprüchen hätten derzeit noch keinen echten Grund, eine bewährte Produktions-Software aufzugeben und auf eine Cloud-Lösung umzusteigen.
Wichtig: Die Sicherheitsaspekte
In der Produktion und Fertigung werden von professionellen Marktbeobachtern derzeit neben dem Handel sowohl im fachlichen Bereich als auch auf der IT-Seite noch die größten Bedenken gegenüber dem Cloud-Computing-Betriebsmodell beobachtet. Vor einer Entscheidung dafür oder dagegen gilt es daher, einen umfangreichen IT-Sicherheitscheck durchführen. Security-Spezialisten wie der IDC-Analyst Rüdiger Spies empfehlen, als Erstes die Sicherheitsreferenz des ausgewählten Anbieters zu überprüfen: Sind irgendwelche IT-Sicherheitslücken aus der Vergangenheit bekannt? Wie geht der Anbieter mit den Daten um? Vor einer Entscheidung sollte das Cloud-Rechenzentrum, in das die eigenen Daten überspielt werden, persönlich in Augenschein genommen werden, wobei mindestens gleich hohe Standards wie im eigenen Unternehmen als Messlatte anzulegen sind. Oftmals nicht im Standard-Vertrag vieler Anbieter enthalten ist die doppelt sichere Verschlüsselung der Daten sowohl auf der Leitung als auch bei der Speicherung. Beides sollte den Analysten zufolge ggf. als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme vereinbart werden. Ein Vertrag mit dem Cloud-Anbieter wird meistens über mehrere Jahre geschlossen und ein späterer Wechsel zu einem anderen Anbieter gestaltet sich als relativ schwierig. Last, but not least gilt es, von Anfang an eine verbindliche Vereinbarung darüber zu treffen, was mit den Daten passiert, wenn etwa der Cloud-Anbieter insolvent wird, und wie die Daten wieder zurück in das eigene Unternehmen gelangen.
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