07.07.2011 | Konjunktur
Nachholbedarf: Chinesen ‘hungrig’ auf Europa

Beim Europabesuch von Chinas Ministerpräsident Wen zeigte sich ein früher kaum denkbares Bild: Mit prallen Devisenkassen will China sein Investitionsdefizit in Europa ausgleichen. Noch immer investiert die Volksrepublik hierzulande drastisch weniger als die deutsche Industrie in China.
von Dr. Thomas Kiefer
LANDSBERG (ilk). In China haben bereits etwa 7 000 Unternehmen aus Deutschland investiert. Und die chinesische Regierung möchte den Zugang für mittelständische Firmen weiter erleichtern. Ein Kreditprogramm im Umfang von 2 Mrd Euro soll die stärkere Zusammenarbeit deutscher und chinesischer Mittelständler unterstützen. China selbst investierte 2010 etwa 59 Mrd US-Dollar im Ausland, gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von 36 %. Doch während deutsche Automobilbauer, wie Volkswagen, in China bereits massiv investiert haben, hat China in Europa noch einen großen Nachholbedarf. Selbst Belgien investiert zehnmal mehr in Deutschland als China. Nach den letzten vorliegenden Statistiken der Bundesbank betrug im Jahr 2009 der Bestand der chinesischen Investitionen in Deutschland 613 Mio Euro. Die Wachstumsraten sind jedoch sehr hoch, seit 2006 hat sich die Summe der chinesischen Investitionen fast verdoppelt. Die deutschen Investitionen in China lagen mit etwa 20 Mrd Euro im Jahr fast 30 Mal höher, als die chinesischen Investitionen in Deutschland.
Wie gehen die Chinesen vor? Nachdem die chinesischen Unternehmen in Deutschland zunächst Vertriebsniederlassungen gründeten, steigen jetzt immer mehr mit Produktionsstandorten und Übernahmen ein. Beispiele: Der Computergigant Lenovo möchte für 630 Millionen Euro den Hightech-Vertriebsunternehmer Medion übernehmen. Der Baumaschinen-Konzern Sany eröffnete in Bedburg bei Köln eine Produktionsstätte. Die Anfangsinvestitionen belaufen sich auf 100 Mio Euro, bis zu 600 Arbeitsplätze sollen entstehen. Die chinesische CQLT-Gruppe übernahm den insolventen deutschen Autozulieferer Saargummi. Chinesische Konzerne werden als Retter von angeschlagenen Konzernen wie Opel oder Blohm und Voss gehandelt. Doch oft gelten chinesische Investoren als zweite Wahl, was schon manchen Investor aus der Volksrepublik vergraulte. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler warnte vor Panikmache mit der Angst vor Abhängigkeiten.  „China bedeutet für uns ein Mehr an Chancen, wenn wir wie bisher unsere Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation, Flexibilität und Kundennähe sichern”, so Rösler.
Nicht mehr der traditionelle Handel, sondern Investitionen und Forschungskooperationen stehen im Blickpunkt von Chinas Wirtschaftsstrategie. Die Unternehmen aus China suchen sich eher Standorte außerhalb der Metropolen und im industriell geprägten Süddeutschland. China wartet nicht, bis jede Kommune, jede Region ihre Chinapolitik in langwierigen Auseinandersetzungen geklärt hat: die Investitionen zwar begrüßt, die Geschäfte jedoch mit Skepsis betrachtet. Neben den für chinesische Unternehmen langwierigen bürokratischen Abläufen beklagen chinesische Konzerne besonders die Schwierigkeiten bei der Visavergabe und Arbeitsgenehmigungen. Â Selbst Vorsitzende von Firmen mit Milliardenumsatz betrifft dies, manche fliegen dann doch lieber in die deutschen Nachbarländer, bevor sie sich unverständlichen Einreiseprozeduren unterziehen. Besonders die aufstrebenden osteuropäischen EU-Länder sind eine ernstzunehmende Standortkonkurrenz. In die Diskussion über Investitionen chinesischer Unternehmen in Deutschland sollten , so die breite Forderung, mehr Sachverstand und Normalität einkehren. Noch sind Geschäfte mit China zumeist anders, als sie sich mit westlichen Geschäftspartnern gestalten. Â Staatliche Koordination beispielsweise spielt dort eine größere Rolle. Investitionen aus China werden jedoch im Grunde genommen den Investitionen aus Japan, den USA oder anderen Wirtschaftsnationen immer ähnlicher. Dabei gibt es gelungene Projekte und gescheiterte; verlässliche Geschäftspartner und weniger verlässliche.
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