Der Schlingerkurs in der Atompolitik bringt den Maschinenbau in die Bredouille.

Der Schlingerkurs in der Atompolitik bringt den Maschinenbau in die Bredouille. Investitionsverunsicherung und schlechte Aussichten für Kohlekraftwerke bereiten Sorgen (Bild: Imago).

von Andreas Karius

FRANKFURT. „Grundsätzlich positiv sehen wir, dass es nicht nur ein Laufzeitverlängerungs-Konzept ist, sondern viele andere Elemente enthält bis hin zur Energie-Effizienz, wo wir als Maschinenbauer ein sehr großes Potenzial an hochintelligenten Produkten anzubieten haben“, sagte Thorsten Herdan, energiepolitischer Sprecher des VDMA im Gespräch mit Produktion. Zunächst gelte es, das Programm insgesamt genau zu analysieren und sich nicht nur auf einen Detailaspekt zu stürzen, sei es die Atomenergie oder andere Energieformen. Dann beginnt für den Verband aber auch schon eine längere Liste von Kritikpunkten an dem schwarz-gelben Atomkompromiss. Auch wenn der Regierung mit der vorgestellten Energiestrategie ein Gesamtkonzept geglückt sei, stehe dieses insgesamt noch auf zu wackeligen Füßen, erklärte Herdan. „Der Kompromiss zur Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke bietet keine stabilen Rahmenbedingungen für die Industrie. Der bereits jetzt von der Opposition angekündigte Ausstieg aus dem Wiedereinstieg zeigt den fehlenden politischen Konsens, der für den Maschinenbau jedoch von zentraler Bedeutung ist“, betonte Herdan. Dies schaffe höchste Investitionsverunsicherung.

„Wenig hilfreich ist es, dass die Oligopolstruktur der großen Energiekon-zerne eher noch verstärkt wird. Eine Verringerung des Wettbewerbs sorgt sicher nicht für niedrigere Preise. Deshalb können wir das Argument niedrigerer Strompreise durch die Laufzeitverlängerung nur sehr bedingt nachvollziehen“, so Herdan weiter. „Wir hätten gern in einen verstärkten Wettbewerb unsere intelligenten Produkte geliefert.“

Ähnlich äußert sich der VIK, die Interessenvertretung der industriellen Energiekunden: „Die industrielle Basis Deutschlands – die energieintensiven Grundstoffindustrien – können noch nicht aufatmen. Als Gewinner der Überlegungen gelten die Stromkonzerne.“

Besonders gebeutelt von den Plänen der schwarz-gelben Regierungskoalition sehen sich die Hersteller und Zulieferer von Technik für moderne Kohlekraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. „Wer die abgeschriebenen Atomkraftwerke besitzt, investiert jetzt sicher nicht mehr in Kohlekraftwerke, das kann sich nicht rechnen. Deshalb stehen wir momentan bei unserer hocheffizienten Technik für Kohlekraftwerke vor einem gewissen Scherbenhaufen“, sagte Herdan. Zur Zeit befinden sich kommunale Kraftwerksinvestitionen in der Größenordnung von 6,5 Mrd Euro im Bau oder im Genehmigungsverfahren, so der Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Ferner haben die Stadtwerke mittelfristige Investitionen mit einem Volumen von weiteren 6 Mrd Euro geplant. „Diese müssen nun überprüft werden, und selbst bereits realisierte Projekte und Bestandsanlagen sind in ihrer Wirtschaftlichkeit gefährdet“, so der VKU weiter. „Wir können in die Klagen der Stadtwerke mit einstimmen, da uns nun Aufträge für diese dezentralen Anlagen fehlen werden – in dieser Hinsicht ist das Energiekonzept schlecht“, bestätigt Herdan. Gaskraftwerke seien hingegen noch verhältnismäßig glimpflich davongekommen, weil als Ausgleich zwischen den Atom-Grundlastkraftwerken und den stark schwankenden erneuerbaren Energien sicher noch flexible Gaskraftwerke benötigt würden.


Zumindest rechtlich gesehen bremse das Konzept die erneuerbaren Energien nicht aus, wie vielfach befürchtet. Vielmehr gebe das EEG den erneuerbaren Energien ausdrücklich Vorrang bei der Einspeisung, auch gegenüber Atomstrom. „Diese Vorrangregelung muss sich aber auch in der Realität weiterhin bewähren, ansonsten würden tatsächlich erneuerbare Energien gegen Atomkraft ausgespielt“, sagte Herdan.

Für die erneuerbaren Energien sei ein beschleunigter Netzausbau dringend geboten. „Wenn die nötigen Gelder hier investiert würden, könnte sich bewahrheiten, dass der Atomstrom den erneuerbaren Energien sogar hilft“, erläuterte Herdan. In einer Studie zur Entwicklung der Stromerzeugung in Europa war der VDMA unlängst davon ausgegangen, dass für den Umbau der Stromerzeugungsstruktur in Europa Investitionen von etwa 45 Mrd Euro pro Jahr nötig sind. Dieser Betrag würde sich nun deutlich reduzieren, da wegen der Laufzeitverlängerung der Ersatzbedarf für die Kernkraftwerke sinkt.

„Wenn wir im Jahr 2050 wirklich einen Anteil der erneuerbaren Energien von 80 % am Stromverbrauch erreichen, können wir uns sicher nicht beklagen. Allerdings verstehen wir noch nicht, wie dieser Anteil der erneuerbaren Energien erreicht werden kann, wenn nur 36 Gigawatt Onshore-Windstrom am Netz sind“, sagt Herdan. Die Bundesregierung hatte sich bei ihren Verhandlungen auf Energieszenarien von Prognos, EWI und GWS gestützt. Darin kommt der Ausbau der Windenergie an Land bei einer installierten Gesamtleistung von etwa 36 400 MW zum Erliegen, so der Bundesverband Windenergie (BWE).  „Mit diesen Annahmen gewährt die Bundesregierung der Windenergie an Land eine Restlaufzeit von nur 5 Jahren, denn dies erreichen wir schon 2015“, betonte BWE-Präsident Hermann Albers. Auch die Windenergie auf hoher See gleiche dies in den Annahmen der Bundesregierung nicht aus.