Martin Kapp, Vorsitzender des VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken).

Frankfurt (sm). 2011 erwirtschaftete die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie 13,1 Mrd Euro. „Mit 33 Prozent ist das der höchste Zuwachs, der je erreicht wurde“, sagt Martin Kapp, Vorsitzender des VDW, anlässlich der Jahrespressekonferenz des Verbands in Frankfurt am Main. Die deutschen Exporte haben mit einem Anstieg von 33% auf 8,1 Mrd Euro eine Punktlandung hingelegt. Der mit Abstand wichtigste Markt ist und bleibt China. Er ist mit über 2 Mrd Euro und einem Zuwachs von fast zwei Fünfteln mehr als dreimal so groß wie die Nummer 2, die USA. Überraschend jedoch: Nord-Amerika punktete mit einem Zuwachs von 71%. Darin spiegeln sich die gestiegenen Ausrüstungsinvestitionen der US-amerikanischen Industrie wider. „Vor allem die Automobilindustrie setzt auf Fertigungstechnik Made in Germany“, erklärt Kapp.

Der Inlandsmarkt wuchs mit 38% überproportional. Die Automobilindustrie, ihre Zulieferer und der Maschinenbau haben vom Weltmarktboom profitiert und ihre deutschen Produktionsstätten mit modernster Fertigungstechnik ausgestattet. Die Importe zogen um 43% an. Bis auf wenige Ausnahmen konnten alle Lieferländer ihre Ausfuhren nach Deutschland steigern, zum großen Teil zweistellig. An der Spitze lagen traditionell die Schweiz und Japan. Im November 2011 arbeiteten rd. 67 800 Männer und Frauen in der Werkzeugmaschinenindustrie. Das waren 4,4% mehr als binnen Jahresfrist.

Mit 93,8% waren die Kapazitäten 2011 voll ausgelastet. Der Auftragsbestand reicht mit zuletzt 9,5 Monaten im Oktober 2011 bis weit in das laufende Jahr hinein. Das Ergebnis gehört zu den historischen Spitzenwerten. Trotz hoher Kapazitätsauslastung schmilzt der Auftragsbestand kaum ab. „Das bietet ein gutes Polster für das laufende Jahr“, zeigte sich Kapp zufrieden. Im Gesamtjahr 2011 stieg der Auftragseingang um 45%. Inlands- und Auslandsnachfrage wuchsen im Gleichschritt um 46 bzw. 45%.

Nachfrage beruhigt sich

Auf der Basis der hohen Werte von Auftragseingang, Auftragsbestand und Kapazitätsauslastung erwartet der VDW für 2012 für die deutsche Werkzeugmaschinenproduktion einen Anstieg von weiteren 5%. Gestützt wird die Prognose auch durch makroökonomische Frühindikatoren. Der VDW-Prognosepartner Oxford Economics schätzt den Zuwachs für die Weltwirtschaft 2012 auf 2,5%. Stärker wachsen die Industrieproduktion und damit verbunden vor allem die Investitionen der wichtigen Abnehmerbranchen für die Werkzeugmaschinenindustrie. Zugpferd ist nach wie vor Asien mit Thailand, China, Taiwan, Japan und Indien als Vorreiter. In Deutschland signalisiert der Ifo-Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft, die wichtigen Abnehmerbranchen der Werkzeugmaschinenindustrie und für die Branche selbst steigende Zuversicht.

„Die verfügbaren Daten lassen einen Abbruch der internationalen Investitionstätigkeit unter derzeit gegebenen Umständen nicht erwarten“, sagt Kapp. „Jedoch befindet sich die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie bei allen Kennzahlen auf hohem Niveau. Allein deshalb wird sich das Wachstum im laufenden Jahr beruhigen“, so der VDW-Vorsitzende weiter. Speziell bei der Nachfrage sei 2012 nicht mehr mit Zuwächsen zu rechnen. Es gebe immer noch eine gewisse Verunsicherung durch gesamtwirtschaftliche Risiken wie Euroschuldenkrise oder Finanzmarktturbulenzen. Deshalb warteten insbesondere die mittelständischen Kunden ab, denn Ungewissheit sei Gift für jede Investitionsentscheidung.

Weiter zu Seite 2: “Deutsche Werkzeugmaschinen in Asien erheblich besser aufgestellt als europäischer Wettbewerb”

Deutsche Werkzeugmaschinen in Asien erheblich besser aufgestellt als europäischer Wettbewerb

Die größten Herausforderungen für die Werkzeugmaschinenindustrie in den kommenden Jahren sind u.a. der wachsende Bedarf zur Internationalisierung und der  Ausbau des Innovationsvorsprungs. Hier sieht Kapp die Branche auf dem richtigen Weg. Mit einer Exportquote von fast 70% hat die Werkzeugmaschinenindustrie ausländische Märkte bisher vorrangig von Deutschland aus bedient. Die wachstumsträchtigen Absatzmärkte verschieben sich jedoch mit hoher Geschwindigkeit Richtung Asien. Hat die Branche zehn Jahre zuvor 6 % der Ausfuhren in Europa abgesetzt, ein Viertel in Amerika und nur 11 % in Asien, haben sich die Verhältnisse heute komplett umgekehrt. 2011 gingen jeweils 42 % nach Europa und Asien und nur noch 15% nach Amerika. Damit sind die Deutschen in Asien erheblich besser aufgestellt als alle anderen europäischen Wettbewerber. „Bei gleicher Ausgangslage im Jahr 2000 kommt  heute keiner der anderen Europäer auf einen Exportanteil nach Asien von über 30 Prozent“, stellt Kapp klar. Dies gelte auch für die Lieferungen in die BRIC-Staaten. Selbst Japan erreicht hier kaum höhere Raten als Deutschland. Pendant zur starken Stellung Japans in China ist die herausgehobene Position der Deutschen in Russland. Die Aktivitäten in Asien zu verstärken und speziell den Aufbau der Produktion voranzutreiben ist ein Gebot der Stunde, um dort am Wachstum auch künftig angemessen zu partizipieren. Zum einen geht es darum, diese Märkte breitenwirksam zu erschließen. Zum anderen weist staatlicher Dirigismus insbesondere in China darauf hin, dass dies in Zukunft der Export allein nicht mehr leisten kann.

Lösungen für Nachhaltigkeit in der Produktion verbessern Wettbewerbsfähigkeit

Technologie- und Innovationsvorsprung sind Pluspunkte, die die führende Weltmarktstellung der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie begründen. Mit mehr als 4% vom Umsatz im Jahr 2010 lag die F&E-Quote höher als in den meisten Jahren des vergangenen Jahrzehnts. Mit neuen Produkten konnten die Firmen nach der Krise durchstarten und anspruchsvolle Hightech-Märkte wie die Automobilindustrie, den Flugzeugbau oder die Medizintechnik erfolgreich bearbeiten. Die hohen Anforderungen in diesen Anwenderbranchen verlangen eine angepasste, flexible Produktionstechnik, die die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie bietet. Themen wie Energieeffizienz, Materialeinsparung und Nachhaltigkeit in der Produktion liefern ebenfalls Anstöße für die Entwicklung neuer Produkte. Hersteller, Komponentenlieferanten und Kunden tun sich hier vielfach zusammen. Die Branche engagiert sich außerdem in verschiedenen Forschungsprojekten, um neue Lösungen für nachhaltige Produktion und Prozesse zu finden. Mit Blue Competence bieten der VDW und der VDMA den Firmen eine Plattform, auf der sie ihre Lösungen vermarkten können. „Neue Entwicklungen sind unsere Stärke, mit der wir unsere internationale Wettbewerbsposition ausbauen können“, resümiert VDW-Vorsitzender Kapp.