Die Lage im Großanlagenbau hat sich nach der letzten Krise wieder stabilisiert.. Bild: Imago

FRANKFURT (ilk). Nach dem dramatischen Einbruch des Jahres 2009 und einer Stabilisierung im Folgejahr hat die Konjunktur im Großanlagenbau damit spürbar an Schwung gewonnen. „Im grundstoffnahen Anlagenbau gab es überwiegend moderate Zuwächse, die Auftragseingänge im Kraftwerksbau stiegen deutlich um 42 Prozent“, präzisierte Helmut Knauthe, Sprecher der AGAB und Mitglied der Geschäftsführung der Thyssen-Krupp Uhde GmbH, anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Lageberichts.

2011 stammten 73% aller Aufträge des Großanlagenbaus aus dem Ausland. Das Volumen lag bei 18,3 Mrd Euro, 4% mehr als im Vergleichszeitraum (2010: 17,6 Mrd Euro). Hinter diesem Zuwachs verbergen sich erhebliche strukturelle Nachfrageverschiebungen. Während die Bestellungen aus den Industrieländern – vor allem aus Westeuropa – spürbar sanken, hat die Bedeutung der asiatischen Märkte zugenommen. Dies gilt in gleichem Maße für Ost- und Südostasien, für Südasien mit Indien als Zentrum sowie für den Mittleren Osten. 2011 kamen fast 60% aller Auslandsorder aus Asien. Vor zehn Jahren waren es 50% gewesen, im Jahr 1981 42% und 1971 lediglich 13%. Der generelle Trend ist damit vorgezeichnet: Die Märkte des Großanlagenbaus verschieben sich langfristig nach Osten. Knauthe: „Durch den Aufbau von Engineering-, Fertigungs- und Servicestrukturen in Asien hat die Branche auf diese Entwicklung bereits reagiert und sich damit auf das sich abzeichnende „Asiatische Jahrhundert“ eingestellt“.

Die inländische Nachfrage nach Großanlagen ist 2011 um 38 % auf 6,6 Mrd Euro (2010: 4,8 Mrd Euro) gestiegen. Grund für diesen Aufschwung war eine Sonderkonjunktur im Bau von Offshore-Windparks. Hingegen sind die Perspektiven für den Neubau fossiler Kraftwerke in Deutschland nach der im März 2011 beschlossenen Energiewende unklar. „Überzeugende Antworten auf die Frage, wie die Rahmenbedingungen für den Bau hochflexibler Gaskraftwerke verbessert werden können oder wie die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid gesetzlich geregelt wird, fehlen nach wie vor“, stellte AGAB-SprecherKnauthe fest. Kurz- und mittelfristig wird somit der Ausbau der regenerativen Energien wesentlicher Treiber der inländischen Nachfrage bleiben.

Der Wettbewerbsdruck im internationalen Großanlagenbau hat seit der letzten Rezession eine neue Dimension erreicht. Insbesondere Anbieter aus China und Südkorea heizen den internationalen Verteilungskampf um ein Vergabevolumen an, das nicht in der gleichen Geschwindigkeit wie das Angebot wächst. Um global dennoch erfolgreich zu sein, investieren die AGAB-Mitglieder massiv in den Ausbau ihrer Technologieführerschaft. Dies allein wird aber nicht ausreichen, um weltweit zu bestehen. „Der hohe internationale Konkurrenzdruck erfordert von den deutschen Großanlagenbauern vielmehr eine alle Wettbewerbsparameter umfassende Antwort. Unsere Mitglieder forcieren daher Maßnahmen, die an den klassischen Projektparametern Preis, Qualität und Durchlaufzeit ansetzen, unternehmen aber auch Anstrengungen zur Verbesserung des Marketings, des Risiko- sowie des Projektmanagements“, erläutert Knauthe.

Der Großanlagenbau ist ferner auf eine Regierungspolitik angewiesen, die das erforderliche Umfeld für eine günstige Entwicklung dieses volkswirtschaftlich bedeutenden Industriezweigs schafft. Die Aufmerksamkeit richtet sich zum einen auf die Zeitarbeit: Der Großanlagenbau wendet sich gegen weitere Regulierungen dieses für ihn unverzichtbaren Flexibilitätspuffers, die über den seit 1. Januar 2012 geltenden Mindestlohn hinausgehen. Zum anderen hofft die Branche darauf, dass sich die deutsche Bundesregierung im Ausland für die stringente Einhaltung von Doppelbesteuerungsabkommen einsetzt.

Angesichts des globalen Trends einer vom Kunden zunehmend vorgegebenen Auftragsvergabe an lokale Gesellschaften der Anbieter fordert der Großanlagenbau ein grundsätzliches Umdenken in der Exportkreditversicherung. Wirtschaftspolitische Interessen Deutschlands können immer weniger allein am direkt aus Deutschland verantworteten Liefer- und Leistungsanteil der Unternehmen festgemacht werden. Dringend nötig ist, so Knauthe, eine pragmatische Lösung sogenannter „Cross-Border“-Deckungen durch Mandatare und Politik. Darüber hinaus werden auf der globalen Bühne fehlende einheitliche Rahmenbedingungen in der Exportkreditversicherung gegenüber der wachsenden Konkurrenz aus Nicht-OECD-Ländern immer mehr zur Bedrohung. Die Bundesregierung muss mit Nachdruck eine gemeinsame Lösung mit den Partnern in der OECD und den wichtigsten außenstehenden Exportnationen finden.

Die Unternehmen der AGAB haben ihre Personalstärke in Deutschland im Berichtszeitraum leicht reduziert. Insgesamt arbeiteten Ende 2011 knapp 60.000 Personen in den inländischen Stammhäusern. Ein Jahr zuvor waren es rund 60.800 Mitarbeiter gewesen.Eine ingenieurwissenschaftliche Ausbildung hatten 36,4% aller Beschäftigten (2010: 35,2%). Die Quote ist damit mehr als doppelt so hoch wie im gesamten Maschinen- und Anlagenbau (2010: 16,1%). Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Großanlagenbau in geringerem Umfang als der „klassische“ Maschinenbau gewerbliches Personal beschäftigt. Knauthe erläutert: „Die Kernkompetenz der Firmen liegt in der Planung immer komplexer werdender industrieller Anlagenprojekte. Ein ingenieurwissenschaftliches Studium ist für Tätigkeiten in der Branche häufig Grundvoraussetzung. Wir gehen davon aus, dass die Ingenieurquote im Großanlagenbau mittelfristig weiter steigen wird. Für junge Hochschulabsolventen eröffnen sich somit attraktive Karrierechancen in einer innovativen und wissensorientierten Industrie.“

„Für 2012 gehen wir davon aus, dass sich der Zuwachs im Auftragseingang gegenüber dem Vorjahr abschwächen wird“, lautet das Fazit des AGAB-Sprechers. Aufgrund der hohen globalen Unsicherheiten ist ein moderater Orderrückgang wahrscheinlich. Klar ist, dass an eine schnelle Rückkehr zu den Spitzenwerten der Jahre 2007 und 2008 vorerst nicht zu denken ist.