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Desma hat eine Linie für die Schuhproduktion konzipiert, bei der jede Zelle miteinander vernetzt ist. So wird 60 bis 70 % weniger Personal benötigt. Eine Produktion in Europa wird möglich. - Bild: Desma

Industrie 4.0 eröffnet die Möglichkeit, dass Produktionsstätten aus Asien wieder nach Europa und Deutschland zurückkommen. „Jetzt macht es wieder Sinn, über Reshoring nachzudenken: Fertigung nahe beim Kunden“, sagte der Geschäftsführer der Klöckner Desma Schuhmaschinen GmbH, Christian Decker, beim Auftakt der Veranstaltungsreihe „Industrie 4.0 @Mittelstand“. Das könnten Billiglohnländer in Europa sein oder Deutschland.

Derzeit dauere es zwölf Wochen, bis beispielsweise ein Sportschuh nach dem Aufrag aus China in Deutschland zum Einzelhändler geliefert wird. „Diese Lieferkette wird man sich morgen nicht mehr erlauben können“, warnt Decker. Denn dieser Schuh werde zwei Monate, nachdem er auf den Markt gekommen ist, wieder aus dem Programm genommen.

Zudem gibt es in Asien noch einen Fake-Markt. Das heißt, im schlechtesten Fall kommt zwei, drei Wochen nach Produktionsbeginn eines Schuhs in Asien das erste kopierte Modell auf den Fake-Markt. Es ist dort also eher erhältlich als in Deutschland. Die Schuhhersteller würden laut Decker langsam ihre Schlüsse daraus ziehen.

Desma stellt in China derzeit eine Dezentralisierung bei den Schuhherstellern fest. Die Firmen splitten sich auf und verlagern Produktion in andere Länder, weil die Lohnkosten in Asien dramatisch steigen und damit die Produktkosten nicht mehr auf dem gleichen Level gehalten werden können. „Wenn man die Fertigung individualisiert und die Kette wirklich verkürzt zwischen Order, Produktion und Markt, dann kann man Mass Customization und Nachhaltigkeit zum Leben erwecken“, so Decker.

So hat Desma eine Zelle für die individualisierte Schuh-Produktion realisiert, die innerhalb von zwei Sekunden automatisch die 3D-Geometrie einer Schuhsohle analysiert und einen flüssigen Klebstoff aufträgt. Diese Zelle programmiert sich dabei selber. Das sei eine eigenständige Industrie 4.0-Anwendung mit selbstadaptiven Prozessen. Desma hat zudem in einer neuen Linie alle Prozesse miteinander vernetzt. Mitarbeiter sind dabei weitgehend ersetzt durch automatisierte Prozesse. Damit wird der Personalanteil um 60 bis 70 % reduziert.

Wie entwickelt sich der Kostenunterschied zwischen China und Deutschland? „Er wird immer kleiner“, meint Decker. „Zwischen 500 und 700 US-Dollar betragen die Lohnkosten heute in der chinesischen Schuhindustrie, abhängig davon, wo das Werk angesiedelt ist.“ Wenn man nach Portugal schaue, dann zahle man dort 500 Euro. „Wir sind dabei, dass China teurer wird als Europa in den Billiglohnländern“, sagte der Geschäftsführer. „Damit sind wir auf einmal wettbewerbsfähig.“ In Portugal wachse im Moment die Schuhindustrie wieder. Vor fünf Jahren wären viele Produktionen geschlossen worden, jetzt würde dort wieder investiert werden.

„Industrie 4.0 bietet die Chance, dass Produktion wieder nach Deutschland verlagert wird“, meinte denn auch die parlamentarische Staatsekräterin beim Wirtschaftsministerium, Brigitte Zypries.

Das Wirtschaftsministerium befindet sich derzeit in Gesprächen mit dem Ministerium für Industrie und Informationstechnologie der Volksrepublik China über eine Kooperation im Bereich Industrie 4.0. Ein entsprechendes Memorandum of Understanding hatten die Ministerien im Juli vergangenen Jahres unterzeichnet. Im Oktober erfolgte ein erstes Treffen, dann wurden die Gespräche in Arbeitsgruppen weitergeführt, wobei jeweils ein chinesischer Regierungsvertreter und ein deutscher Staatssekretär beteiligt sind. „Die Chinesen orientieren sich am deutschen Modell RAMI 4.0“, sagte Zypries gegenüber Produktion. Im Herbst soll ein chinesisch-deutscher Event voraussichtlich in Berlin zu Industrie 4.0 stattfinden.

Gleichzeitig spricht das Wirtschaftsministerium mit dem französischen Pendant über eine Zusammenarbeit der Plattformen Industrie 4.0 und Industrie du Futur. Die Franzosen sind nach Recherchen von Produktion sehr aufgeschlossen gegenüber RAMI 4.0 und die Deutschen haben besonderes Interesse an der IT-Technik aus Frankreich. Eine Vereinbarung wird im April beim deutsch-französischen Gipfel in Deutschland veröffentlicht.

Die Reihe „Industrie 4.0 @Mittelstand“
Der DIHK gab am 16. Februar zusammen mit der Plattform Industrie 4.0 in Berlin den Startschuss für eine gemeinsame Veranstaltungsreihe „Industrie 4.0 @Mittelstand“. Im Laufe des Jahres wird eine Reihe von rund 200 Veranstaltungen von regionalen Industrie- und Handelskammern, IHKs, in Kooperation mit der Plattform Industrie 4.0 in ganz Deutschland organisiert werden. Diese sollen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen für das Thema Industrie 4.0 sensibilisieren.
Diese Veranstaltungen orientieren sich an dem Vorbild der Auftaktveranstaltung in Berlin. Bei dieser sprach zunächst der Hauptgeschäftsführer des DIHK, Dr. Martin Wansleben, dann folgte die Keynote der parlamentarischen Staatssekretärin Brigitte Zypries und danach referierte der Geschäftsführer der Klöckner Desma Schuhmaschinen GmbH, Christian Decker, über Veränderungen im Unternehmen, die sich durch Industrie 4.0 ergeben. Anschließend diskutierten Dr. Lutz Jänicke, Phoenix Contact Cyber Security AG, Konrad Klingenburg, IG Metall, Saskia Esken, MdB, und Decker darüber, wie Mittelstand und Industrie 4.0 zusammenpassen.

Die nächsten Termine sind:
Magdeburg: 31.3., Stuttgart: 14.6., Gera: 25.8.