Soder Johann SEW Eurodrive

Nach Einschätzung des Geschäftsführers Technik von SEW-Eurodrive, Johann Soder, müssen Unternehmen durchschlagende Innovationen selbst entwickeln, bevor es zu spät ist. - Bild: SEW Eurodrive

Herr Soder, was können Sie von Apple, Google & Co im Bereich Innovation für SEW-Eurodrive lernen?

Im Silicon Valley sitzen auf nur wenigen Quadratmetern Facebook, Apple, Google, Evernote, Intel, Ebay, Tesla und HP. Eines verbindet sie – die unbedingte Leidenschaft, innovativ zu sein. Innovativ kann nur sein, wer auch so mutig ist, bewusst Risiken einzugehen und für diese einzustehen. Die Technologien der Zukunft zu besetzen als klare Strategie. Google – extrem auf Zukunftsfähigkeit ausgelegt – hat sich in die Bereiche Biotechnologie, Nanotechnik, Robotik eingekauft und verfügt über wesentliche Technologien des 21. Jahrhunderts.

Sollten Firmen disruptive Innovationen selbst schaffen?

Um im Wettbewerb zu bestehen, müssen Firmen durchschlagende Innovationen selbst entwickeln, bevor es zu spät ist. Nur so ist man in der Lage, von neuen Wachstumsmärkten zu profitieren.

Was sollte mit den etablierten Geschäftsbereichen geschehen?

Es gilt jedoch, nicht nur das Unternehmen mithilfe disruptiver Innovationen zu erneuern, sondern auch, an die etablierten Geschäftsbereiche zu denken, die womöglich noch viele Jahrzehnte lang Gewinne erwirtschaften können. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, Bewährtes zu erhalten oder zu adaptieren und mutig zu sein, um Neues zu schaffen.

Wie hat es SEW geschafft, Innovationsführer zu werden?

Differenzierung erreicht man durch Einzigartigkeit. Einzigartig sein heißt, sich immer wieder neu zu erfinden! Manchmal erfordert dies auch, den Mut aufzubringen, die eingefahrenen Bahnen zu verlassen und den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein exzellentes Beispiel für diesen Unternehmergeist ist der Einstieg in das Geschäftsfeld Elektronik. In den achtziger Jahren durchlief die Industrie einen tiefgreifenden strukturellen Wandel – die Elektronik hielt Einzug in die Fertigungsprozesse unserer Kunden. Seitdem ist die Geschichte der Antriebstechnik geprägt von der stetigen Verbesserung der Drehzahlregelung und dem Wandel von einzelnen geregelten Motoren hin zu ganzheitlichen leistungsfähigen Automatisierungssystemen.

Wie hat SEW darauf reagiert?

Geschäftsführer Ernst Blickle hatte diesen Trend bereits früh erkannt und eine geheime Truppe für Antriebselektronik ins Leben gerufen, die diesen Wandel forcieren sollte. Eines der ersten Elektronikprodukte der SEW war schließlich das Movitron. 1991 fiel die Entscheidung, das Geschäftsfeld Elektronik auszubauen und für elektronische Steuer- und Regelungselemente eine eigene Elektronikfertigung zu installieren, anstatt diese fremd einzukaufen.

Was ist das Erfolgskonzept, um innovative Produkte auf den Markt zu bringen?

In einer ersten Phase sind es diese kleinen interdisziplinären Teams, die die Dinge mit Herzblut vorantreiben. Dann erfordert es Mut und Investitionen, um die Dinge zeitnah auf die Straße zu bringen.

Wie gehen Sie in Ihrer Innovationsarbeit mit Industrie 4.0 um?

Unsere Vision von Industrie 4.0: Die smarte Produktion der Zukunft kennt keine Planungs- und Steuerungsebenen mehr. Wir erhalten einen Auftrag, der direkt in die Fertigungszellen weitergeleitet wird. In dieser Zelle sehen wir unseren Arbeitsvorrat und „verheiraten“ den Auftrag mit unseren mobilen Montageassistenten. Anschließend wird das Produkt gefertigt und sucht sich selbständig seinen Weg durch die Fabrik bis hin zum Versand.

Wie sieht das konkret aus?

Bei der Getriebemontage in Graben-Neudorf haben wir bereits das Konzept mit mobilen Logistik- und Montageassistenten implementiert. Autonome, intelligente, selbstorganisierende Logistikassistenten übernehmen die logistische Andienung von Material für die Arbeitsplätze just in time.

In welcher Weise verändert sich Ihre Arbeit?

In den Fabriken der SEW nimmt Industrie 4.0 Form an. Wir belassen es nicht bei leeren Worthülsen, sondern setzen um. Eine interdisziplinäre Mannschaft, die das Thema mit Herzblut vorantreibt. Vertreter aus Produktion, Instandhaltung, Forschung, Software- und Mechanikentwicklung, die die reine Theorie mit Leidenschaft auf die Straße bringen. Es erfordert eine andere Denk- und Handlungsweise von allen Un­ternehmensbereichen – weg von einer funktionsorientierten hin zu einer wertstromorientierten Denk- und Handlungsweise über die gesamte Wertschöpfungskette. Insbesondere F&E und die Produktion werden in der Wertschöpfungskette noch näher zusammenrücken, da intelligente Fabriken intelligente Produkte erfordern und umgekehrt.

Das Geheimnis von Innovationsführern

Das praxisorientierte Innovations-Forum Deutsche Industrie mit Award am 3./4. 11. 2015 in Stuttgart schafft den neuen Kommunikations-Gipfel für Innovationsführer. Referenten von Innovationsführern wie Daimler, Trumpf und Universal Robots gewähren Einblick in ihr Erfolgsgeheimnis und liefern praktische Anleitungen zum Erfolg für Branchen wie Automotive, Maschinenbau und Automatisierung. www.inno2015.de.

Gunnar Knüpffer