szmtag

30.03.2012 |

Ja zur Cloud: 80% der Prozesse sind Standard

Gérard Richter: "Unsere Erfahrung zeigt, dass bei der anstehenden Ablösung von Altsystemen, die Cloud-Option heute häufig auf dem Tisch liegt." Bild: Oliver Wyman
Gérard Richter: "Unsere Erfahrung zeigt, dass bei der anstehenden Ablösung von Altsystemen, die Cloud-Option heute häufig auf dem Tisch liegt." Bild: Oliver Wyman

Noch zögert die Industrie, wenn es um IT-Dienstleistungen aus der Cloud geht. Dabei könnte beispielsweise der Maschinenbau von Skaleneffekten profitieren, sagt Experte Gérard Richter von Oliver Wyman im Interview.

von Daniela Hoffmann

Wenn man konkret auf die Zielgruppe Maschinen- und Anlagenbau schaut, welche IT- und Software-Bereiche bieten sich hier für Cloud Computing an?
Cloud-Lösungen machen derzeit vor allem bei Basisdienstleistungen und Support-Funktionen wie E-Mail Sinn,  da hier bereits sehr viele Nutzer mit vergleichbaren Dienstleistungen versorgt und damit Größenvorteile genutzt werden können. In allen Bereichen, in denen die Standardisierung weit voran geschritten ist, zum Beispiel im Bereich ERP-Standardfunktionen bei Anbietern wie SAP, Microsoft oder Oracle, werden Cloud-Services schneller angenommen. Standardisierung ist dabei ein Wegbereiter, weil so Skaleneffekte bei den Anbietern entstehen. Je individueller die Lösung, wie im PLM, desto schwieriger ist der Weg in die Cloud. Hier entscheiden sich einige Unternehmen für „Private Cloud-Lösungen“, um interne Skaleneffekte trotz hoher Spezialisierung zu nutzen.

Viele Unternehmen argumentieren damit, dass ihre individuellen Prozesse ein wichtiger Wettbewerbsvorteil sind. Widerspricht das nicht der Idee eines Cloud-ERP-Systems?
Die Individualität der Prozesse wird von den Unternehmen weit überschätzt. Projekte von Oliver Wyman zeigen, dass zum Teil  mehr als 80 Prozent der Prozesse von Unternehmen ähnlich oder standardisierbar sind. Der Maschinen- und Anlagenbau ist eine Branche mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen, doch auch hier wird eine Standardisierung stattfinden, und wir werden in den nächsten Jahren sehen, dass Cloud-Angebote kommen und angenommen werden, wenn dadurch vor allem Kostenvorteile entstehen.

Wie definieren Sie den Unterschied zwischen SaaS und gehosteten Angeboten im Vergleich zur Cloud? Ist das nicht vielfach alter Wein in neuen Schläuchen?
Das stimmt teilweise. Cloud ist als integriertes Service-Angebot zu sehen, das drei Bereiche umfasst: Infrastructure (IaaS), Platform (PaaS) und Software as a Service (SaaS). Gebucht ist ein kompletter Service, der Anwender hat weder etwas damit zu tun, wo der Server steht, wie zum Teil beim Managed Hosting, noch kümmern sich im Problemfall die eigenen Mitarbeiter um Problemlösungen. Alles andere sind nur Fragmente, kein „echtes“ Cloud-Computing.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Vorbehalte bei den Anwendern und wie würden Sie diese zerstreuen?
Die Zurückhaltung im Maschinen- und Anlagenbau erklärt sich unter anderem daraus, dass man sehr viel Verantwortung nach außen gibt und damit ein Kontrollverlust einhergeht. Darüber hinaus könnte ein IT-Leiter unter Umständen mehr als die Hälfte seiner  Mitarbeiter verlieren. Das ist in einem konservativen Umfeld derzeit überhaupt nicht denkbar. Vorbehalte liegen weiter im Thema Sicherheit und Privatsphäre. Dass professionelle Anbieter weitaus höhere Sicherheitsstandards erreichen können als ein mittelständisches Fertigungsunternehmen, wird sich weiter herumsprechen. Und dann ist auch mit ersten Testläufen im Bereich Standardsoftware zu rechnen.

Obwohl die ERP-Hersteller sich mit der Thematik befassen, bleibt die Frage, wie so ein Umstieg eines Unternehmens, das bereits ein ERP-System einsetzt, auf ein Cloud-ERP zustande kommen sollte. Welche Beweggründe gibt es hier?
Unsere Erfahrung zeigt, dass bei der anstehenden Ablösung von Altsystemen, die Cloud-Option heute häufig auf dem Tisch liegt. Zum einen, weil die Wartung ausläuft oder sich schlicht nicht mehr lohnt, zum anderen auch aus Risikogesichtspunkten, etwa wenn Altsysteme künftig  aufgrund von mangelndem Fachpersonal nicht mehr gewartet werden können. Das gilt auch, wenn Systeme harmonisiert werden sollen.

In welchem Zeitraum könnte sich hier ein Paradigmenwechsel vollziehen, beziehungsweise: Rechnen Sie damit, dass Cloud-Lösungen in Bereichen wie ERP oder MES ankommen?
Studien gehen von einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren bis zu einem Durchbruch aus.  Im Maschinen- und Anlagenbau verändert sich durch die Globalisierung und weitere Vernetzung vieles, teilweise kommen mittlerweile Produktionsprozesse nach Deutschland zurück, weil Kostenvorteile im Ausland durch Qualitätsmängel oder aufwändige Lieferketten aufgehoben werden. Zugleich  wird das Kundenportfolio immer internationaler. Gerade bei sehr verteilten Wertschöpfungsprozessen müssen die Unternehmen über eine hoch-performante IT nachdenken. Mein „best guess“ für Cloud in diesem Umfeld sind jedoch eher fünf als drei Jahre.

Anzeige

Weitere Aktuelle News

SAP ist noch nicht zufrieden mit dem Verlauf seines Cloud-Geschäfts (Bild: SAP).

SAP räumt Probleme bei Integration von Cloud-Angeboten ein

Der Softwareriese SAP hat Nachholbedarf bei der Integration von Software aus dem Internet und fest auf den Rechnern der Kunden installierter Software eingeräumt. von Ursula Quass, Dow Jones (ks). Das Geschäft mit den entsprechenden Diensten laufe vor allem angesichts der vielen Akquisitionen im Cloud-Bereich “noch nicht optimal”, sagte Vorstandssprecher Jim Hagemann Snabe auf dem Jahreskongress der Deutschsprachigen [...] mehr

Ein Funkmodul aus der Dataeagle-Reihe von Schildknecht. (Bild: Schildknecht)

Die Maschine der Zukunft twittert mit ihrem Bediener

Sensordaten aus der Cloud über Twitter Dienste abrufen: Mit seiner M2M-Lösung schaffte es Schildknecht unter die fünf Nominierten für den Hermes Award. Sabine Spinnarke MURR. Im Gerüst von Industrie 4.0 bilden M2M-Lösungen einen zentralen Baustein. Für den diesjährigen Hermes-Award wurde Schildknechts ‚Dataeagle 7000‘, eine M2M-Lösung im Sinne von Industrie 4.0, nominiert: Das Funkmodul stellt weltweit Sensordaten aus [...] mehr

Anzeige

Laut Andrew Anagnost verändert sich der Zugang zur IT: Das Cloud-Konzept trage dem Trend Rechnung, Informationen teilen zu wollen. Bild: Autodesk

Die Konstruktion geht in die Cloud

Autodesk forciert seine Cloud-basierten Konstruktions- und Planungslösungen. Mit Fusion 360 können Konstrukteure ab Mitte des Jahres 3D-Modellierungen direkt über eine Online-Verbindung durchführen. von Stefan Girschner MÜNCHEN (ilk). Laut Andrew Anagnost, Senior Vice President Industry Strategy and Marketing Group bei Autodesk, können über Fusion alle an einer Produktentwicklung beteiligten Personen, unabhängig von ihrem jeweiligen Standort, auf die prozessrelevanten [...] mehr

SAP-Hauptverwaltung in Walldorf: Schon heute nutzten 17 Mio Kunden das Angebot, SAP-Software aus dem Internet zu beziehen (Bild: Imago).

SAP baut auf Cloud-Wachstum im dreistelligen Prozentbereich

Der Softwarekonzern SAP sieht sich weiter auf einem guten Weg, seine mittelfristigen Ziele zu erreichen und will bis 2015 wie geplant 20 Mrd Euro Umsatz machen, 2 Mrd Euro davon mit Cloud-Lösungen. Von Ursula Quass, Dow Jones (ks). SAP geht davon aus, dass die Nachfrage nach Cloud-Angeboten im dreistelligen Prozentbereich zulegen wird. Das sagte SAP-Co-Vorstandschef Bill McDermott auf [...] mehr



Suchen