31.01.2012 |

Siegfried Russwurm: “Produktivität ist der rote Faden”

In Ihrem Bereich sind Industry Automation und Drive Technologies verblieben, neu ist die Division Customer Services – hat Siemens jetzt erst die Dienstleistung entdeckt?
Nein, im Industry Sektor arbeiten auch bisher schon 17 000 Mitarbeiter im Service. Nur eben nicht in einer gemeinsamen Organisation wie jetzt. Wir können und wollen damit Synergien nutzen, das Innovationstempo erhöhen und unseren Kunden zeigen, wie wichtig uns Industrie-Service ist.

Werden Sie damit nicht Wettbewerber Ihrer Kunden, der Maschinenbauer?
Nein, wir wollen nicht das Geschäft unserer Kunden machen. Aber sollte ein Maschinenbauer etwa selber eine Remote-Serviceanbindung erfinden? Wir sehen uns als Enabler und bieten dem Maschinenbauer neben unseren Produkten auch technologiebasierte Services, mit denen er seine eigenen Dienstleistungen effizienter umsetzen kann.

Was wurde aus Industry Solutions? Kein Bedarf mehr für Lösungen?
Die Aktivitäten von Industry Solutions haben wir auf unsere anderen Einheiten aufgeteilt. Jetzt bedienen sowohl Industry Automation als auch Drive Technologies unsere Kunden ganzheitlich: Damit kann der Kunde ein System von uns kaufen und die Integration selbst machen – oder dafür unsere Engineering-Leistung in Anspruch nehmen. Er bekommt auf jeden Fall alles aus einer Hand.

Was macht ihre Business Unit Metals Technologies?
Das ist die einzige Einheit im Industry Sector, mit der wir als echter Anlagenbauer auftreten. Sie sagen uns wo und wir bauen Ihnen ein Stahlwerk vom Fundament bis zum Walzwerk. Bis auf diese Ausnahme sind wir für Anlagenbauer der Automatisierungs-und Antriebstechnik-Partner.

Siemens setzt auf das Thema Energie-Effizienz, doch der Maschinenbau zögert…
Das Zögern schlägt dann in Interesse um, wenn der Maschinenbauer seinem Endkunden nachweisen kann, was der davon hat – und dieser dafür etwas mehr bezahlt. Wir ermöglichen das, etwa bei der Sinumerik: Die Tastenkombination Control+E zeigt auf Knopfdruck die Energie-Bilanz einer Maschine an. Oder mit einer Simulation der Applikation des Endanwenders. Im Gegensatz zu groben Ampelmodellen lassen sich damit die Effizienz-Vorteile detailliert und ganzheitlich ermitteln und visualieren.

Welche technischen Mega-Trends sehen Sie im Industrie-Bereich?
Energie-Effizienz bleibt ein enorm wichtiger Hebel. Wobei natürlich der energieeffiziente Betrieb ganzer Industrieanlagen oder sparsamere Großantriebe größere Auswirkungen haben als etwa eine energieeffiziente Steuerung. Wegen der steigenden Energie-Preise gibt es heute keinen Zielkonflikt mehr zwischen effizienter, preisgünstiger und ökologisch verantwortbarer Lösung.

Was ist der wichtigste Produktions-Trend?
Das Zusammenwachsen von virtueller und realer Produktion. Das hieß früher fertigungsgerechte Produktgestaltung und basierte auf Erfahrungswissen. Heute haben wir dafür Software-Werkzeuge, mit deren Hilfe sich virtuelle Prototypen anlegen lassen. Damit kann man schnell und preisgünstig Alternativen vergleichen, Material-und Energieverbrauch optimieren. Ganz abgesehen vom Kreativitätsgewinn.

Was bewegt Drive Technologies?
Der beherrschende Technik-Trend diesbezüglich ist die ganzheitliche Optimierung der Bewegungssteuerung über den gesamten Antriebsstrang bis hin zum Getriebe – mit den Gestaltungsmöglichkeiten der Mechatronik.

In Schulnoten: Welche Konjunktur erwarten Sie 2012?
Weil ich nichts davon halte, Krisen herbeizureden, hoffe ich, dass wir in Deutschland mit einer ´Zwei Minus´ durchkommen könnten. Das Minus steht für die Unsicherheiten in Folge der Schuldenkrise.

Wie wichtig ist für Siemens der Standort Deutschland?
Ein Drittel unserer Mannschaft arbeitet in Deutschland, obwohl wir hier nur 15 Prozent unseres Geschäfts machen. Wir schreiben zwar auf unsere Produkte nicht Made in Germany, sondern Made by Siemens. Tatsache ist aber, dass wir hier in Deutschland einige Themen besonders gut beherrschen. Und die sollten wir hier machen.

Wie schaffen Sie es, zu Ihren 100 000 Mitarbeitern Kontakt zu halten?
Über moderne Kommunikationsmethoden wie sie heute notwendig sind, um informiert zu sein und schnell zu entscheiden. Der persönliche Kontakt ist jedoch noch wichtiger. Wenn ich irgendwo in der Welt eine unserer Fertigungen besuche, frage ich nach. Als ehemaliger Werkleiter kenne ich die Realitäten des Geschäfts. In diesem Moment sehen die Leute, dass es den Typen von da oben tatsächlich gibt. Und dass er versteht, was sie sagen. Und vor allem, dass sich was bewegt, wenn sie mit ihm reden.

Sie lehren Mechatronik. Sorgen Sie sich um Fach-Nachwuchs?
Nein, ich habe keine Sorge, dass wir genügend technikaffine junge Leute finden, Männer wie Frauen. Wir haben jetzt die Videospiel-Generation in den Hörsälen. Denen müssen wir nur klarmachen, dass Produktion Hightech ist. Und nicht ein Job im ölverschmierten Blaumann. Schauen Sie mal bei Red Bull in Milton Keynes in den Rennstall. Dort ist es fast so sauber wie in einem Erlanger Operationssaal.

aus Produktion Nr. 5, 2012


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