Euref-Campus

Der Forschungs-Campus um den Berliner Gasometer fungiert als Micro-Smart-Grid. Einer der Player: Schneider Electric. -Bild: Sabine Spinnarke

„Die Energiewende ist schon erfunden“, sagt Reinhard Müller, ein resoluter weißhaariger Herr, „nur wir machen sie nicht.“ Die Ungeduld mit dem schwerfälligen Regierungsapparat merkt man dem Gründervater des Berliner EUREF-Campus (Europäisches Energieforum) deutlich an. „Die Klimaziele, die sich die Regierung für 2020 gesetzt hat, erfüllen wir seit 2014“, wiederholt er mehrfach, während seiner Ansprache an die Besucher der ehemaligen Industriebrache rund um das Berliner Gasometer. Geladen von einem der beteiligten Player, von Schneider Electric, versammelten sich zwei Dutzend Fachjournalisten um zu erfahren, wie die Energiewende aussehen könnte. Auf dem rund 55 000 qm großen Gelände ist innerhalb von 8 Jahren eine Mischung aus Smart City, Uni-Campus, Event Location und Hightech Park entstanden. Das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) und die Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg (NBB) pilotieren, vom Bundesverkehrsministerium gefördert, ein erstes ‚Micro Smart Grid‘ auf dem EUREF-Campus. Die Namen, der hier forschenden und experimentierenden Unternehmen, zeigen wie gut Müller, von dem hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird, die eine oder andere Baustelle auf dem Campus sei entstanden, bevor eine offizielle Baugenehmigung da war, vernetzt ist.

Schneider Electric

Schneider Electric hat hier eines seiner drei Smart Grid Expertenteams sitzen, andere bekannte Namen sind DB und Cisco – das amerikanische Unternehmen investierte jüngst 30 Mio in ein Innovationszentrum auf dem Euref-Campus. Insgesamt sind hier rund 70 Unternehmen vertreten, vom kleinen Start-up bis zum etablierten Unternehmen. In Fußnähe zum Bahnhof Südkreuz können sich Besucher aus aller Welt die Funktionsweise eines 'Micro Smart Grid' erklären lassen. Diese intelligenten Stromverteilnetze sollen später einmal ein Puzzelstein des übergeordneten Smart Grids sein. Neben Windkraft und Photovoltaik gibt es auf dem Gelände Biogasbetriebene Blockheizkraftwerke. Ab 2016 wird voraussichtlich zusätzlich Tiefengeothermie mit einer Temperatur von bis zu 55 Grad Celsius und einem Erdwärmespeicher mit einer Kapazität von 3 GWh/a genutzt.

Ladesäulen Euref-Campus
Die „Plattform elektroMobilität“ ist Teil des Projekts „BeMobility – Berlin elektroMobil“ und entwickelt innovative Lösungen an der Schnittstelle von urbaner Mobilität und Energiesystemen. - Bild: Sabine Spinnarke

Neuestes Projekt ist der gut 1000 Kubikmeter große ‚Power to Heat‘-Wasserspeicher in einer ehemaligen Teergrube auf dem Campus. Er soll Stromproduktionsspitzen in Form von Wärme speichern. „Über 80 % der von und verbrauchten Energie stammt aus regenerativen Quellen“, betont Müller. Auf dem folgenden Rundgang über den Campus sieht man auf einigen Dächern kleine vertikale Windräder. Ihre Nennleistung beträgt 1kW. Einige Dächer und Carports sind mit Photovoltaikanlagen bestückt. Sie speisen eine Reihe von Ladestationen verschiedener Hersteller, davor Fahrzeuge von Flinkster, City Car und Schneider Electric. Sie bilden eine der Säulen des integrierten Energie- und Mobilitätskonzept. Es wird das ‚gesteuerte Laden‘ von Elektrofahrzeugen sowie deren Funktion als temporäre Energiespeicher getestet.

Digitalisierung

Rada Rodriguez, Schneider Electric
Rada Rodriguez, Deutschland-Chefin Schneider Electrics, weiß nicht, wohin die umfassende Digitalisierung der Industrie letztendlich führen wird. - Bild: Sabine Spinnarke

Neben der Gebäudeautomatisierung beinhaltet das Produktportfolio der Franzosen integrierte Lösungen für Energie und Infrastruktur, industrielle Prozesse, Maschinen- und Industrieausrüstung, Rechenzentren und Datennetze sowie Wohngebäude und ist somit ein ‚ganzheitlichen Anbieter für die Herausforderungen der deutschen Energiewende‘. Geschäftsführerin Rada Rodriguez sieht den Gesetzesentwurf zur Digitalisierung der Energiewende der Bundesregierung als einen wichtigen Schritt: „Strom wird digital. Der Fortschritt in der Kommunikationstechnologie bildet die Basis für intelligente Infrastrukturen.“ sagt Rodriguez und verweist auf die smarte Produktion. Die Datenvolumen verdoppeln sich alle zwei Jahre. Das nutzen die Unternehmen um effizienter zu werden. Rodriguez vergleicht das Tempo der Digitalisierung mit einem Schneeball, der ins Rollen geraten ist – wohin ist keinem klar:„Ganz ehrlich, wohin das alles führt, können wir nicht sagen.“

So bleibt es abzuwarten, ob das Potenzial der Digitalisierung zum Wohle Aller genutzt werden wird.

Smart Home

Der Spaziergang endet am Firmengebäude des französischen Konzerns, dessen Fassade mit ihrer edlen silbernen kristallhaltigen Textur die Dämmwirkung erhöht. Im Gebäude verteilt messen 3800 Messpunkte den Energieverbrauch und –Bedarf innerhalb des Gebäudes. „40 Prozent der Energie verbrauchen Gebäude“, erläutert Antonin Guez, Vice President Partner Projects, Schneider Electric. 30% davon konnte der Konzern mithilfe moderner Hausautomatisierungstechnik – der eigenen natürlich - bereits einsparen. Ein wachsendes Geschäftsfeld von dem der Konzern in Zukunft viel erwartet. Wobei es Guez nicht nur um die Energiekosten eines Gebäudes, sondern um ein dynamisches Big Data Management innerhalb des Gebäudes geht, inklusive einer effizienteren Nutzung von Raum und Mitarbeiter: „Das bedeutet eine ganz neue Perspektive der Immobilienwirtschaft“, so Guez.