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02.03.2012 |

Chemie: Aufschwung auf wackeligen Füßen

BASF in Ludwigshafen: Während der Konzern optimistisch ist und von seiner internationalen Aufstellung profitiert, haben es die mittelständischen Chemieunternehmen deutlich schwerer (Bild: BASF).
BASF in Ludwigshafen: Während der Konzern optimistisch ist und von seiner internationalen Aufstellung profitiert, haben es die mittelständischen Chemieunternehmen deutlich schwerer (Bild: BASF).

Der Aufschwung in der deutschen Chemieindustrie steht nach wie vor auf wackeligen Füßen. Nach zwei Wachstumsjahren stellt sich Deutschlands drittgrößte Branche in diesem Jahr nur auf Stagnation ein.

Von Heide Oberhauser-Aslan, Dow Jones Newswires

FRANKFURT (ks)–Die optimistischen Aussagen des Branchenprimus BASF aus der vergangenen Woche überraschen vor diesem Hintergrund auf den ersten Blick. Der weltweit größte Chemiekonzern hatte letzte Woche trotz der aktuellen Zurückhaltung der Kunden für 2012 mehr Umsatz, Absatz und einen höheren Betriebsgewinn in Aussicht gestellt. Deutlich vorsichtiger als BASF äußerte sich dagegen am Mittwoch der Verband der chemischen Industrie (VCI). In der deutschen Chemieindustrie scheinen nach dem extrem schlechten Schlussquartal 2011 jedenfalls die Hoffnungen auf eine rasche kräftige Belebung der Nachfrage erst einmal verflogen zu sein.

Doch die Diskrepanz ist leicht erklärt. Im Unterschied zur stark mittelständisch geprägten deutschen Chemiebranche könne BASF auf seine starke Präsenz auf allen Kontinenten der Welt, seine Preissetzungsmacht und sein breites Produktportfolio bauen, sagte Metzler-Analyst Lars Hettche. Auch das Öl- und Gasgeschäft komme BASF zugute – denn der hohe Ölpreis spielt BASF in die Karten.

Gerade in den stark wachsenden Schwellenländern wie etwa in Asien und Lateinamerika ist BASF mit Produktionsanlagen vor Ort stark vertreten und erzielt bereits heute einen großen Umsatzanteil. Knapp die Hälfte der Erlöse erzielt BASF mittlerweile außerhalb Deutschlands und dem übrigen Europa.

Für die 1.615 im VCI organisierten Unternehmen sieht die Situation dagegen schwieriger aus. Sie sind noch viel stärker von der Entwicklung in Europa abhängig und produzieren kaum in Asien. Zwar geht der Verband davon aus, dass die Talsohle mittlerweile erreicht ist und es in den kommenden Monaten aufwärts geht. Die Geschäftslage habe sich zu Jahresbeginn aufgehellt und die Geschäftserwartungen seien wieder positiv, sagte Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer beim VCI.

Allerdings steht die Zuversicht derzeit noch auf schwachem Fundament. Nach wie vor sei der konjunkturelle Nebel dicht und zwinge zur Vorsicht, sagte der Manager. “Noch fahren die Unternehmen ihre Anlagen auf Sicht”, meinte er. Die Chemieproduktion wird daher im ersten Halbjahr immer noch unter Vorjahr erwartet. Im ersten Quartal wird es im Vergleich zum starken Vorjahr sogar zu einem kräftigen Minus kommen, prognostiziert der VCI. Erst in der zweiten Jahreshälfte wird wieder mit Wachstum gerechnet. Unter dem Strich wird die Chemieproduktion in Deutschland 2012 nur stagnieren.

Der VCI sprach von einer “Wachstumspause” 2012, stellte aber für 2013 wieder Zuwächse in Aussicht. Der Verband korrigierte damit seine bereits schwachen Jahresprognosen vom Dezember weiter nach unten. In der chemischen Industrie wird es nach zwei Jahren des Wachstums 2012 eine Stagnation der Chemieproduktion geben. Und beim Umsatz wird nur noch mit einer Zunahme um 1% gerechnet.
Der Verband unterstellt dabei, dass sich die Schuldenkrise in Europa nicht zu einer Finanzmarktkrise ausweitet. Auf wichtigen Exportmärkten und in Deutschland sollten sich daher schon bald die Auftriebskräfte wieder durchsetzen, lautet die Hoffnung. Denn die Läger seien mittlerweile weitgehend leer gefegt, sagte Tillmann.

Unsicherheitsfaktoren lauern seiner Einschätzung nach auch auf der Rohstoffseite. So habe der Konflikt mit dem Iran den Ölpreis bereits in die Höhe getrieben. Sollte es zu einer Blockade der wichtigsten Ölroute der Welt – der Straße von Hormus – durch Iran kommen, hätte das erhebliche Auswirkungen auf die Industrieproduktion auch in der Chemie, meinte er.
Mittel- und langfristig dürften die Branchenaussichten aber wieder deutlich positiv sein. 2013 rechnet der VCI wieder mit einem Anstieg der Chemieproduktion um 2% bis 3%.

Vorsichtig zeigte sich in dieser Woche auch BASF-Konkurrent Bayer für seine Chemiesparte. Im konjunktursensiblen Kunststoffgeschäft geht man in Leverkusen in diesem Jahr von schwierigen Marktverhältnissen aus. Zwar stellte der Konzern insgesamt für 2012 wieder Wachstum in Aussicht. Das soll aber vor allem aus den Teilkonzernen Health Care und CropScience kommen.

Die Probleme in der Chemiesparte von Bayer werden von Branchenkennern als “hausgemacht” angesehen. Bayer sei im Chemiegeschäft mittlerweile ein sehr schwacher Player am Markt geworden, erklärte ein Analyst, der namentlich nicht genannt werden wollte. Das hätten auch die im Vergleich zu BASF extrem schlechten Margen im Chemiegeschäft im vierten Quartal gezeigt. “Wer schwach ist, hat auch weniger Preissetzungsmacht”, sagte der Experte. Bei steigenden Rohstoffpreisen und schwacher Nachfrage schlage dies daher bei Bayer stärker zu Buche.

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