11.03.2011 | Maschinenbau
Interview Mahr: “Lieferengpässe aktuell größtes Problem”

Im Interview mit Produktion beklagt Ulrich Kaspar, Geschäftsführer des Spezialisten für Fertigungsmesstechnik Mahr GmbH, die derzeit massiven Lieferengpässe bei Zulieferern.
von Sebastian Moser
Herr Kaspar, wie hat Mahr die Krise der letzten beiden Jahre überstanden?
Die Krise hat uns ebenso hart getroffen, wie alle anderen deutschen Maschinenbauer. Wir haben massiv unter dem Auftragsrückgang gelitten und konnten in den letzten beiden Jahren weniger investieren und müssen dies jetzt alles nachholen. Wenn der derzeit rasante Aufschwung anhält, werden wir mit etwas Glück dieses Jahr sogar wieder auf dem Niveau des Rekordjahres 2008 abschließen.
Haben Sie dazu ausreichend Personal?
Der rasante Aufschwung hat uns alle doch etwas überrascht. Obwohl wir kaum Personal während der Krise freistellen mussten, liegt hier in der Tat eine große Herausforderung. Wir werden für das Abarbeiten der Spitzen auf flexiblere Arbeitszeitmodelle und Unterstützung von außen zurückgreifen. Auch  vergeben wir definierte Arbeiten an Drittunternehmen.
Derzeit beklagen viele Maschinenbauer Lieferengpässe bei ihren Zulieferern. Haben Sie dieses Problem auch?
Das ist tatsächlich ein erhebliches Problem und im Moment unser größter Engpass. Wir haben teilweise wegen fehlender Teile selbst Lieferschwierigkeiten und verärgern damit natürlich unsere Kunden. Dabei handelt es sich eigentlich um vergleichsweise einfache Komponenten wie Platinen, Lager oder Computerchips. Unsere Logistik ist derzeit extrem gefordert und verhindert Schlimmeres.
Haben Sie Vertrauen in den Aufschwung?
Niemand kann sagen, wie nachhaltig dieser Aufschwung sein wird. Unser Auftragseingang war ein den letzten Monaten auf einem extrem hohen Niveau und hält an. Persönlich glaube ich, dass wir im Laufe dieses Jahres wieder einen leichten Abschwung sehen werden. Insgesamt wird das Jahr 2011 für uns aller Voraussicht nach erfolgreich werden. Einen Ausblick auf die folgenden Jahre traue ich mir allerdings nicht zu.
Hat der Preiskampf auf dem Markt angesichts des Aufschwungs nachgelassen?
Leider nein. Die Kaufentscheidung fällt zunehmend nach dem Kaufpreis und die Zuverlässigkeit der Produkte  wird manchmal vernachlässigt. Das macht mir schon ein bisschen Sorge, denn die Qualität des Endproduktes insgesamt ist davon bedroht. Wir bei Mahr können uns das als Messtechnikhersteller nicht leisten. Die Qualität und Zuverlässigkeit unserer Produkte steht an erster Stelle. Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen unsere Produkte einem ständigen Verbesserungsprozess unterzogen werden. Kompromisse sind hier nicht zulässig. Ich beobachte zudem, dass sich die Denkweise der Kunden ändert: Heute wird eine Maschine gekauft, weil deren Kapazität im Moment für die Abarbeitung eines konkreten Auftrags benötigt wird. Früher blieb eine neue Maschine hingegen teilweise über mehrere Jahrzehnte im Einsatz. Wenn aber eine Maschine nur für einen konkreten Auftrag gekauft wird, darf die auch früher kaputt gehen, wenn sie entsprechend günstiger ist. Der Lebenszyklus der Produkte wird kürzer.
Ist die Verlagerung von Fertigungskapazitäten nach China ein Ausweg?
Ja, man kann in China insbesondere  einfachere Produkte mit hohem Lohnkostenanteil und großer Stückzahl gut und günstig produzieren oder montieren. Allerdings darf man den Aufwand nicht unterschätzen, wenn man deutsches Qualitätsniveau erreichen will. Ich habe selbst während der letzten 12 Jahre unsere Fertigung in China aufgebaut. Man muss von Anfang an mit großem Engagement darauf achten, das deutsche Qualitätsniveau einzuführen. Das ist nicht einfach, denn dem Chinesen reicht es völlig, wenn das Produkt einfach nur funktioniert. Für uns ist das zu wenig. Wir verlangen das gleich Qualitätsnivea wie aus einer unserer deutschen Produktionsstätten. Es war ein langer Weg mit intensiven Schulungen, bis unsere chinesischen Mitarbeiter dieses Qualitätsverständnis verinnerlicht haben. Aber wir können heute garantieren, dass unsere Produkte weltweit mit derselben Qualität produziert werden. Wir sind mit dem Ergebnis zufrieden.
Welche Fallen gibt es beim Aufbau einer Fertigung in China?
Man muss zunächst wissen, dass die Fluktuation in China deutlich höher ist. Es gibt zwar auch loyale chinesische Mitarbeiter, aber längst nicht so ausgeprägt wie in Deutschland. Unsere 125 Mitarbeiter in China sind vergleichsweise sehr loyal. Wir behandeln sie genauso, wie unsere Mitarbeiter in Deutschland und versuchen auch, persönliche Verbindungen aufzubauen. Das ist das wirksamste Rezept für eine erfolgreiche Produktion in China. Deshalb haben wir auch noch keine schlechten Erfahrungen mit Diebstahl geistigen Eigentums oder Plagiaten gemacht. Dieses Risiko gibt es zwar, dabei wird aber auch übertrieben.
Mit welcher Strategie will Mahr die Herausforderungen der Zukunft meistern?
Wir liefern heute weit mehr als nur ein Messgerät. Vielmehr sind wir auf dem Weg zu einem applikationsorientierten Anbieter. Nicht mehr das eigene Produkt steht im Vordergrund, sondern das des Kunden. Der Kunde bekommt bei uns eine genau auf seine Aufgabe abgestimmte Lösung. Wir befassen uns intensiv mit den Bedürfnissen unserer Kunden und erarbeiten gemeinsam die beste Lösung. Das wir zunehmend gefordert und auch honoriert.
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