16.09.2011 | Interview

Interview TI: Schluss mit Overengineering

Michael Hummel, Manager der Freisinger Wafer Fab von Texas Instruments: "Prozessanlagen in der Halbleiter-Industrie werden heutzutage an die Mindestanforderungen des Produktionsprozesses angepasst." (Bild: Texas Instruments).
Michael Hummel, Manager der Freisinger Wafer Fab von Texas Instruments: "Prozessanlagen in der Halbleiter-Industrie werden heutzutage an die Mindestanforderungen des Produktionsprozesses angepasst." (Bild: Texas Instruments).

Der Kostendruck erschwert die Finanzierung maßgeschneiderter Hightech-Lösungen. Bedeutet dies ein Comeback der Handarbeit? Produktion sprach mit Michael Hummel, Werksleiter bei Texas Instruments in Freising.

Interview: Sabine Spinnarke

Liegt ‚German Overengineering‘ noch im Trend?
Der Trend bei den meisten Consumer-Produkten geht eindeutig hin zu weniger Komplexität und möglichst einfacher Bedienung. Dies setzt allerdings voraus, dass das ‚Innenleben‘ der Produkte intelligenter wird, was wiederum zu einer enormen Zunahme der Komplexität der mikroelektronischen Bausteine führt. Damit steigen die Anforderungen an die Herstellprozesse und damit auch die an die Produktionsstätten ebenfalls kontinuierlich. Sich diesem Wettbewerb erfolgreich zu stellen bedeutet, in zunehmendem Maße Just-Enough-Technologien überall dort einzusetzen, wo vormals durch Überfunktionalität und Overengineering bestimmte Lösungen die Kostenstrukturen unnötig belastet haben.

Ist nicht gerade die Halbleiter-Fertigung besonders sensibel?
Die Serien-Fertigung von hochintegrierten Halbleiter-Bauelementen gehört zu den komplexesten und anspruchsvollsten Produktionsabläufen moderner Hightech-Industrie. Seit Anbeginn der Halbleiter-Industrie wurden in diesem Bereich nur die anspruchsvollsten und umfassendsten Lösungen in Bezug auf Produktionsanlagen und Fabrikautomation zum Einsatz gebracht…

…trotz hoher Kosten…?
…Entwicklungskosten und Implementierungskosten dieser Anlagen spielten eine nachgeordnete Rolle. In dem Maß, in dem diese hochkomplexen Bausteine ihren ursprünglichen Einsatzbereich verließen und Einzug hielten in nahezu allen Bereichen unseres täglichen Lebens nahm jedoch auch der Druck auf eine kontinuierliche Reduktion der Herstellkosten zu.

…das heißt Just-Enough statt Highend?
Wo früher Millionen Euro teure Prozess-Equipments eingesetzt wurden, die bis ins letzte Detail auf die darauf zu fahrenden Prozesstechnologien angepasst waren, werden heute in vielen Bereichen gebrauchte Prozessanlagen beschafft, die dann mit Hilfe der Anlagenhersteller und der hauseigenen Ingenieure an die Mindestanforderungen des Produktionsprozesses angepasst werden müssen.

Welche Automatisierungslösungen werden bevorzugt?
Auch die Fabrikautomation, bei der die Halbleiter-Industrie traditionell auf Komplettlösungen gesetzt hatte, bei denen Roboter den Transport sowie das Be- und Entladen der Halbfabrikate durch die Produktion bewerkstelligen, hat sich diesem Trend nicht verschließen können. Vor allem in älteren Chip-Fabriken ist die Nachrüstung von robotergestützter Automation meist unmöglich. Hier bewerkstelligen heute eigens geschulte Mitarbeiter mit Hilfe von speziellen Transportwägen den Fluss der Halbfabrikate durch die Produktion.

…zurück zur Handarbeit?
Diese manuelle Lösung ist nicht nur günstiger als die maschinelle Highend-Automation, sondern gleichzeitig auch wesentlich flexibler. Es gibt heute zunehmend Bereiche in der Halbleiterfertigung, in denen vormals unverzichtbare Hightech-Lösungen durch maßgeschneiderte und zumeist wesentlich einfachere und weniger komplexe Just-Enough-Lösungsansätze verdrängt werden.

aus Produktion Nr. 38, 2011

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