06.02.2012 | Maschinenbau

Die Chinesen kommen: Was uns der Fall Putzmeister lehrt

Prof. Dr. Hermann Simon beschäftigt sich seit 26 Jahren mit Putzmeister. Bild: Prof. Simon
Prof. Dr. Hermann Simon beschäftigt sich seit 26 Jahren mit Putzmeister. Bild: Prof. Simon

Mit Putzmeister wurde jetzt ein prominenter ‘Hidden Champion’ von einem chinesischen Unternehmen gekauft. Prof. Dr. Hermann Simon, Unternehmensberater und Verfasser des Buches ‘Die Hidden Champions des 21. Jahrhunderts’, berichtet über Hintergründe und Folgen des von vielen Industrie-Managern mit großer Aufmerksamkeit verfolgten Deals.

von Prof. Dr. Hermann Simon

“Putzmeister war jahrelang einer meiner Lieblinge unter den Hidden Champions, mit denen ich mich seit 26 Jahren beschäftigte. Immer wieder kommunizierte ich mit dem Gründer Karl Schlecht. Ich war genau so stolz auf diesen deutschen Star wie er selbst. Putzmeister hielt alle Weltrekorde in der Betonförderung, egal ob Länge, Höhe oder größte Betonpumpe. Noch 2011 kamen Putzmeister-Betonpumpen beim Nukleardesaster in Fukujima zum Einsatz genau wie 25 vorher in Tschernobyl.

Im Oktober besuchte ich zum ersten Mal die Betonpumpenfabrik der Firma Sany, deren Namen ich vorher kaum kannte,  in Changsha, Provinz Hunan, China. Die erste Überraschung: ich wurde in einem Maybach abgeholt. Das war ein Vorzeichen, auf das was mich erwartete. Es war eine Art Schock. Das erste, was ich in der neuen Fabrik sah, war eine lange Reihe von LKW-Chassis der Marken Mercedes und Volvo. Auf meine Erstaunensäußerung erhielt ich die Antwort: „Wir montieren unsere Betonpumpen nur auf den besten LKWs der Welt“. Beim weiteren Rundgang durch die Fabrik sah ich dann Dieselaggregate von Deutz, Hydraulik von Bosch Rexroth und Steuerungen von Siemens. Und überall die gleichen Kommentare: „Wir verwenden nur die besten Komponenten, die es auf der Welt gibt.“ Kurze Zeit danach hörte ich, dass Sany in Deutschland eine Fabrik bauen wolle. Ich traf mich mit dem Sany-Europachef, den ich in Changsha kennen gelernt hatte.  Auch hier fragte ich, warum man gerade den sehr teuren Standort Deutschland ausgesucht habe. Die Antwort: „Wir wollen ein Weltklasseunternehmen werden und als solches müssen wir am besten Produktionsstandort in der Welt vertreten sein.“  Im Sommer 2011 eröffnete Sany in Bedburg bei Köln diese erste Greenfield-Fabrik eines chinesischen Unternehmens in Europa. Und wieder in Köln während einer Karnevalssitzung erfuhr ich am 28. Januar 2012, dass Sany Putzmeister übernimmt. Die Nachricht traf mich wie eine Bombe.

Wie kam es zu dieser vor wenigen Jahren noch unvorstellbaren Entwicklung? Offenkundig begann das Drama im Krisenjahr 2009, als der Umsatz von Putzmeister um fast 50% zurückging und der von Sany weiterhin um rund 50% wuchs. Sany verdrängte damals Putzmeister als Weltmarktführer für Betonpumpen. Aber in Wirklichkeit begann alles viel früher. Ich zitiere hier meinen chinesischen Bekannten Dr. Deng Di, der 1998 der erste Manager der internationalen Marketingabteilung bei Sany wurde [1]. Damals lag der Umsatz von Sany bei 50 Mio Euro. Deng Di schreibt: „Ende der 90er Jahre hatten Putzmeister und Schwing (Anmerkung Simon: die Firma Schwing aus Herne ist die Nr. 2 bei Betonpumpen) zwei Drittel des Betonpumpenmarktes in China. Und China wurde damals zum weitaus größten Betonverbraucher in der Welt. Bis zum Jahre 2004 waren die Marktanteile der beiden deutschen Firmen in China auf weniger als 5% gefallen. Laut dem Putzmeister-Geschäftsbericht für 2004 fiel der Umsatz in Ostasien um ein Drittel. Heute entfällt auf China 60% des weltweiten Betonverbrauchs. Es ist unvorstellbar, dass eine Firma, die auf diesem wichtigsten Schlachtfeld unterliegt, im globalen Wettbewerb gewinnen kann.“

[1] Persönliche Mail von Dr. Deng Di vom 29. Januar 2012.

Weiter zu Seite 2: “Vielleicht die erste chinesisch-deutsche Erfolgsstory”

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