szmtag

23.06.2010 |

“Wir müssen noch strengere Maßstäbe anlegen”

Didier Leroy: Der 52-jährige Franzose steigt von der Position des Managing Director bei Toyota Motor Europe (TME) zum Präsidenten von TME auf. Leroy will bei der Evaluation der Prozesse künftig noch strengere Maßstäbe anlegen (Bild: Toyota).
Didier Leroy: Der 52-jährige Franzose steigt von der Position des Managing Director bei Toyota Motor Europe (TME) zum Präsidenten von TME auf. Leroy will bei der Evaluation der Prozesse künftig noch strengere Maßstäbe anlegen (Bild: Toyota).

Der neue Europa-Präsident von Toyota, Didier Leroy, äußert sich exklusiv zu den Auswirkungen der Rückrufaktionen.

von Dr. Thomas Kiefer

HAMBURG (gk). Jahrzehntelang galt das Toyota-Qualitätsmanagement des „Kaizen“ mit dem Ziel einer Nullfehlerquote weltweit als Vorbild. Jetzt musste Toyota eine Rückrufaktion nach der anderen starten. Was lief schief?
Das Toyota-Produktionssystem wurde auf der Grundlage jahrelanger kontinuierlicher Verbesserungen eingeführt, mit dem Ziel, die von unseren Kunden bestellten Fahrzeuge möglichst schnell und effizient zu produzieren. Unser Produktionssystem ist nach wie vor ein Branchen-Benchmark für die effiziente Fertigung von Qualitätsfahrzeugen. Was die jüngsten Rückrufaktionen betrifft, so möchte ich mich auf die Worte unseres Präsidenten, Herrn Akio Toyoda, berufen. Er erläuterte, dass Toyota in den vergangenen Jahren rasch expandiert hat, dieses Wachstum aber möglicherweise zu schnell vonstatten ging. Unsere Maxime, auf die Stimme des Kunden zu hören, um unsere Produkte zu verbessern, ist dabei etwas ins Hintertreffen geraten. Wir sind gewachsen, konnten unsere Mitarbeiter und unsere Organisation aber nicht im selben Tempo weiterentwickeln – und dem sollten wir unsere volle Aufmerksamkeit schenken.

Toyota stand dafür, dass Qualität produziert wird und Nachbesserungen vermieden werden. Wie wird die Produktion umgestellt, um diese Philosophie wieder zu erreichen?
Toyota hat immer sichere, qualitativ hervorragende Produkte geliefert und wird dies auch weiterhin tun. Nach den jüngsten Problemen hat Herr Toyoda der Verbesserung der Qualitätssicherung höchste Priorität eingeräumt. Unser Unternehmen hat alle Kräfte mobilisiert, um zu gewährleisten, dass Toyota-Fahrzeuge sicher und zuverlässig sind. Wir haben eine Reihe von „Messungen“ angekündigt, die über den Bereich der Produktion hinausgehen. Herr Toyoda hat für die Hauptregionen ‚Chief Quality Officers‘ ernannt, um die Kundenstimmung besser erfassen zu können. Für Europa habe ich diese Aufgabe übernommen. Zusammen mit den anderen Qualitätsbeauftragten sitze ich im neu gegründeten ‚Special Committee for Global Quality‘. Dieses Komitee wird Reformen anstoßen, um künftig sicherzustellen, dass bei unseren unternehmerischen Aktivitäten die Kundenperspektive stärker Berücksichtigung findet.

Was leistet das Committee noch?
Darüber hinaus arbeiten wir an der Verbesserung unseres Systems für die direkte Weiterleitung des Kunden-Inputs aus den einzelnen Regionen zur ‚Quality Group‘ und ‚Product Development Group‘. So können wir den Input schneller in Qualitätsverbesserungen umsetzen. Wir – auch hier in Europa – werden Teams zusammenstellen, um jeden gemeldeten Vorfall, bei dem ein Produktfehler vermutet wird, so schnell wie möglich vor Ort prüfen zu können.

Welche Veränderungen ergeben sich für das Produktionssystem?
Ich habe das ‚Special Committee for Global Quality‘ erwähnt, das in dem Zusammenhang eine zentrale Rolle spielt: Beim ersten Meeting haben wir noch einmal die aufgetretenen Probleme erörtert, und zwar unter den Aspekten Konstruktions-, Produktions-, Verkaufs- und Servicequalität. Wir haben konkrete Verbesserungen vereinbart, mit denen wir beginnen wollen. Um über Maßnahmen und Änderungen im Detail zu reden, ist es noch zu früh. Aber wir werden mit unseren Händlern und Zulieferern Hand in Hand arbeiten, um die beschlossenen Maßnahmen anzugehen. Auf der Basis dieser Kooperation werden wir das Vertrauen der Verbraucher Schritt für Schritt zurückgewinnen.

Bei einer niedrigen Fertigungstiefe muss sich Toyota auf die Qualität der Zulieferer verlassen können. Wie werden diese in das neue System einbezogen?
Wir haben stets großen Wert auf langfristige Beziehungen zu unseren Zulieferern gelegt. Das ist jetzt ein Riesenvorteil für uns. Es ist die ideale Basis für weitere Verbesserungen.  Was die Qualität betrifft, so werden Sie von keinem unserer Zulieferer hören, dass wir weniger anspruchsvoll sind als andere! Im Gegenteil: Unsere Richtlinien und Standards sind viel höher als die sämtlicher Wettbewerber. Wir haben sie zu einem Regelwerk mit präzisen und äußerst strengen Vorgaben zusammengefasst, den sogenannten ‚Toyota-Standards‘.  Wir müssen allerdings zugeben, dass es trotz dieser strengen Kriterien zu Rückrufen gekommen ist. Deshalb wird es Hauptaufgabe des ‚Special Committee for Global Quality‘ sein, auf die Stimme des Kunden zu hören – dem entscheidenden Schlüssel, wenn es darum geht, das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. Dafür ist eine enge Zusammenarbeit mit unseren Zulieferern unverzichtbar. Ein Beispiel: Das Komitee ist unter anderem für die Überprüfung sämtlicher Prozesse zuständig. Unsere fortschrittlichen Prozesse wurden von Wettbewerbern kopiert, was bedeutet, dass wir nun die nächsten Maßnahmen treffen müssen. Dafür benötigen wir die Kooperation unserer europäischen Zulieferer. Wir müssen bei der Evaluation der Prozesse noch strengere Maßstäbe anlegen, in der Projektvorbereitungsphase, während des Konstruktions- und Teileentwicklungsprozesses, der Teileüberprüfung usw.

Welche Auswirkungen hat dies speziell für Zulieferer aus Deutschland?
In Europa arbeiten rund 250 Zulieferer in circa 500 Werken für Toyota; darunter befinden sich etwa 80 deutsche Unternehmen. Sie sind also in der Tat sehr wichtig für uns. Es wird keine Auswirkungen geben, die speziell die deutschen Zulieferer betreffen.

Die Umsatzverluste gehen in die Milliarden. Wie versucht Toyota die mittelfristige Rentabilität zu sichern?
Das Unternehmen arbeitet mit vereinten Kräften daran, die bereits vor einiger Zeit initiierten Maßnahmen zur Steigerung der Rentabilität voranzubringen. Zu dem Zweck werden parallel auch gemeinsame Anstrengungen mit Zulieferern und den Herstellern von Maschinen und Ausrüstungen unternommen. Wir werden weiterhin in speziellen Bereichen proaktiv und strategisch investieren. Dabei bemühen wir uns um ein Gleichgewicht zwischen Zukunftsinvestition und Festigung unserer Organisation durch Kostensenkung.

Wie stark ging der Absatz zurück?
Was die Rückrufe betrifft, so haben wir bereits im Februar eine erste Einschätzung gegeben, welche Auswirkungen die in den USA aufgetretenen Probleme mit Fußmatte und Gaspedal voraussichtlich haben werden. Infolge der Rückrufe haben wir mit einem Absatzrückgang von 100 000 Fahrzeugen gerechnet. Bis Mai hatten wir jedoch Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung und auch Maßnahmen im Verkauf getroffen, so dass die Umsätze tatsächlich gestiegen sind. Der Absatzrückgang fiel daher geringer aus als erwartet. Der beste Weg für uns, unsere frühere Gewinnsituation wieder zu erlangen, besteht darin, das Vertrauen unserer Kunden wiederherzustellen und qualitativ hochwertige Produkte zu erschwinglichen Preisen anzubieten.

Anzeige

Weitere Aktuelle News

Martin Winterkorn:

Volkswagen will in China weiter deutlich zulegen

Europas größter Autobauer Volkswagen setzt auf seinem wichtigsten Markt China weiter auf Offensive. In den kommenden Jahren wollen die Wolfsburger das Händlernetz im Reich der Mitte deutlich ausbauen. mehr

Fiat-Chef Sergio Marchionne wittert das große Geschäft im Reich der Mitte. Der Markt für SUV in China wächst rasant, allein im vergangenen Jahr stieg der Absatz dieser Fahrzeuge um 49 Prozent auf rund drei Millionen Einheiten. - Bild: Fiat

Fiat und Chrysler wollen Jeep-Produktion in China wiederbeleben

Um vom boomenden Markt für Geländewagen im Reich der Mitte zu profitieren, wollen Fiat und Chrysler ab Ende 2015 gemeinsam mit dem chinesischen Fiat-Partner Guangzhou Automobile Jeeps in China produzieren. Für Jeep ist China der größte Absatzmarkt außerhalb der USA. Jeep war überdies die erste ausländische Automarke, die in China verkauft wurde. Mit dem Aufbau [...] mehr

Die beiden Automobilhersteller Avtotor und BMW erweitern ihre Produktion im russischen Kaliningrad. - Bild: BMW Group

Avtotor und BMW erweitern Produktion in Kaliningrad

Der russische Fahrzeughersteller Avtotor und BMW haben vereinbart, ihre Produktion in der Region Kaliningrad auszubauen, berichtet die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf den Präsidenten der Avtotor Holding, Walerij Draganow. mehr

Norbert Reithofer:

Interesse an BMW-Elektroautos übersteigt Fertigungskapazität

Einem Medienbericht zufolge übersteigt die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen des Münchener Premiumautobauers BMW die Produktionskapazitäten des Unternehmens. mehr



Suchen