Hände desinfizieren

Die Corona-Pandemie hat viel verändert - auch die digitale Transformation. - Bild: Shutterstock

| von Matt Graves, Director, Connected Enterprise Consulting, Rockwell Automation

In Zeiten der Ungewissheit haben Großprojekte mit hohem Investitionsvolumina selten Priorität – und niemand weiß, wie lange die durch Covid-19 hervorgerufene Unsicherheit noch anhalten wird. Viele Unternehmen dürften die aktuelle Krise erst einmal als Hindernis für die umfassende digitale Transformation der Fertigung wahrnehmen. Doch während Covid-19 bei den einen Herstellern die digitale Transformation tatsächlich verlangsamt, beschleunigt der Virus den Fortschritt bei anderen Unternehmen.

Im Folgenden fokussiere ich mich auf die drei Trends, die mir aktuell häufiger begegnen:

  • Flexible Fertigung
  • Flexible Workforce
  • Re-shoring der Produktion

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Trend 1: Mit flexibler Fertigung die Nachfrage befriedigen

Die Pandemie hat bei einigen Produkten zu extrem hoher Nachfrage geführt – sowohl bei etablierten Produkten für den persönlichen Schutz als auch bei neuen Lösungen wie Coronatests. Die Hersteller müssen die Produktion schnell hochfahren und in einigen Fällen die Abläufe so gestalten, dass sie Produkte herstellen können, die sie vorher noch nie gefertigt hatten.

Der Trend zur flexiblen Fertigung ist nicht völlig neu. In den letzten Jahren haben wir bereits Fertigungsunternehmen gesehen, die sich neuen Kundenanforderungen umgehend anpassen konnten. Mit der Krise hat genau diese Anpassungsfähigkeit deutlich an Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit gewonnen.

Zum Beispiel hat ein Konsumgüterhersteller vor kurzem geändert, wie er seine Produktlinien gestaltet und produziert: Er kann sich nun Kundenwünschen in wesentlich kürzeren Zyklen anpassen. Diese Entwicklung zu mehr Flexibilität ist kein Einzelfall – in der gesamten Fertigungsbranche erleben wir, dass die Hersteller viel näher an den Kundenbedürfnissen sind. Sie stellen mehr kundenspezifische Produkte in Kleinserien her und können kleinere Bestellungen wirtschaftlich bearbeiten.

Schlüsseltechnologien sind dabei die Automatisierung und IoT, das Internet der Dinge. Mit ihnen gewinnen die Hersteller auch einen tieferen Einblick in ihre Fertigungslinien und Lieferketten und digitalisieren Ihre Prozesse so dass diese Flexibilität gegeben ist. Das ermöglicht es den Herstellern, sich flexibel anzupassen, wenn es erforderlich ist.

Trend 2: Flexible Workforce – Arbeitskraft passend einsetzen

Covid-19 führte unter anderem dazu, dass die Belegschaft flexibler organisiert werden musste. Die zentralen Herausforderungen waren

  • Produktiv Arbeiten bei sozialer Distanzierung
  • Schnelles Training von Ersatzschichten, wenn bestimmte Schichten in Quarantäne gehen müssen
  • Remote-Schulungen und -Reparaturen, um Zeit zu sparen.

Die Hersteller stehen schon seit einiger Zeit unter Druck, die Belegschaft flexibler zu organisieren. Schon vor der Pandemie hinterließen Experten, die in Rente gehen, viel zu oft ein Erfahrungsvakuum. Aber mit der Pandemie ist der Druck an dieser Stelle weiter gestiegen: Der effiziente und rasche Wissenstransfer wird immer wichtiger.

Die Hersteller müssen sich nun intensiv mit diesen drei Herausforderungen auseinandersetzen: Mitarbeiter multidisziplinär ausbilden, Fernarbeit realisieren und Mitarbeiter qualifiziert weiterbilden. Die digitale Transformation unterstützt auch an diesen Stellen mit Automatisierung von schwierigen Aufgaben. Das erfordert anfangs tiefes Fachwissen. Aber Artificial Reality (AR) kann dabei helfen, Menschen aus der Ferne weiterzubilden. Wir arbeiten bereits mit Kunden an AR-basierten Fernschulungen, um Arbeiter rasch mit Know-how auszustatten, mit dem sie für sie neue Schichten übernehmen können.

Wir wissen es: Skeptiker mahnen, dass mit der digitalen Transformation nur weitere Systeme entstehen und Probleme akzentuiert würden. Für die neuen Anwendungen müsste Personal immer wieder neu geschult werden. Aber niemand sollte unterschätzen, wie technisch versiert Menschen sind: Jeder ist heute gewohnt, mit Computern zu arbeiten, und nutzt ein Smartphone. Wichtige Prozesse von der Planung und Terminierung bis hin zur Qualitätssicherung und Auftragsbearbeitung erfordern derzeit hoch qualifizierte Mitarbeiter mit jahrelanger Ausbildung. Es ist allerdings wesentlich schneller, ein MES-, PLM- oder IoT-System einzusetzen, das viele dieser Prozesse automatisiert. Das spart unter dem Strich viel Zeit im Tagesgeschäft und verschafft der Workforce Zeit für höherwertige Aufgaben.

Trend 3: Re-shoring der Produktion

Auf die Lieferketten hat sich Covid-19 deutlich ausgewirkt: Die teilweise geschlossenen Grenzen störten Abläufe insbesondere in Branchen wie der Pharmaindustrie. Viele Unternehmen hatten plötzlich keinen direkten Zugang zu großen Offshore-Werken in Ostasien. Neben den Unterbrechungen der Lieferkette wurden Bedenken bezüglich des geistigen Eigentums – wo ist es verfügbar? – und der Sicherheit von Offshore-Einrichtungen laut. Es ist vermutlich kein Zufall, dass Deutschland bei den Covid-19-Tests weltweit führend ist, denn Roche betreibt drei der größten pharmazeutischen Werke Europas in Deutschland.

Aktuell sprechen viel mehr Hersteller mit uns über die Rückverlagerung der Produktion nach Europa und Lieferketten, deren Glieder nah beieinander liegen. Im Detail ist für die Unternehmen von Interesse, wie sie ihr Personal in kurzer Zeit vielseitig qualifizieren können, um die Produktion an den Onshore-Standorten zu steigern. Abgesehen von der erhöhten Produktionsleistung durch Analyse- und Automatisierungstools, wird die digitale Technologie und IoT für eine größere Übersicht über die Lieferketten sorgen. Das ermöglicht den Herstellern eine größere Kontrolle, ganz gleich ob Standorte vor Ort oder in vielen Ländern der Welt liegen.

Fazit

Die Pandemie hat die Produktion für immer verändert. Sie wirkt sich auch auf die digitale Transformation aus und beschleunigt bestehende Trends langfristig. Interessanterweise kann der Weg zur digitalen Transformation dadurch organisatorisch einfacher werden.

Schauen Sie auf produzierende Unternehmen, der eine größere digitale Transformation durchlaufen haben. Anfangs haben alle über den technologischen Wandel gesprochen. Aber während des Prozesses haben sie gemerkt: Der kulturelle Wandel ist die größere Herausforderung. Es gilt, die Arbeitsweise einer Organisation so zu gestalten, dass sie sich an neue Situationen gut anpassen und jeder den digitalen Wandel mitmachen kann. Die plötzlich notwendige Umstellung auf Remote-Arbeit, die durch den Ausbruch der Pandemie ausgelöst wurde, hat uns gezeigt, dass dieser kulturelle Wandel möglich ist, wenn sich alle engagieren.

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