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Logistik 4.0: Der verstärkte Einsatz von Software wird die Welt der Logistik nachhaltig verändern - Bild: Mopic - Fotolia

| von Dietmar Poll

Klaus Tersteegen, Geschäftsführer von SSI Schäfer, sieht ebenfalls die Tendenz zur Automatisierung und Digitalisierung in der Intralogistik weiter fortschreiten: „Die digitale Führung bei der Kommissionierung und Montage ist zu einer gängigen Standardanwendung geworden. Der Begriff Auto­matisierung wird oftmals mit einer Vollautomatisierung des Lagers gleichgesetzt.“ Das müsse jedoch nicht so sein. Denn häufig sei eine teilautomatisierte Lösung wie zum Beispiel durch den Einsatz von modularer Fördertechnik ausreichend, um die innerbetrieblichen Lagerprozesse zu beschleunigen, miteinander zu verbinden und zukunftsfähig zu gestalten, findet Tersteegen. Doch durch Digitalisierung entstehen wiederum größte Mengen an Daten.

Warum die Digitalisierung als Prozess zu verstehen ist

„Das alles hat mit Digitalisierung und Automatisierung zu tun. Es wird Schritt für Schritt digitalisiert. Gleichzeitig entwickeln sämtliche Unternehmen ein Tool nach dem nächsten. Hat dann ein Kunde ein Element digitalisiert, ist es schnell wieder veraltet, weil schon wieder etwas Neues auf dem Markt ist. Damit will ich sagen: Wir sind in einem Prozess und es gibt nicht das Produkt Industrie 4.0“, erklärt Klaus-Dieter Rosenbach, Vorstand Logistiksystemgeschäft bei der Jungheinrich AG.

Vernetzung, Digitalisierung und die zunehmende Intelligenz der Logistiksysteme sind die Herausforderungen der Zukunft. „Gerade in Zeiten der smarten Fabrik, in denen vernetzte Maschinen immer größere Teile der Fertigungsabläufe automatisieren, wird eine schnelle, reibungslose Intralogistik zunehmend unerlässlich“, betont Christian Leopoldseder, Vice President Operations bei Asseco. Verzögern ineffizient geplante Shopfloors oder stockende Materialflüsse die Produktionsprozesse, könne auch die smarteste Technik diese negativen Effekte nicht mehr ausgleichen – im Gegenteil: „Durch sie wird der Nutzen der modernen Technologie geschmälert“, so Leopoldseder. Doch was verbirgt sich hinter dieser effizienten Logistik?

Bild: Asseco

»Gerade in Zeiten der smarten Fabrik, in denen vernetzte Maschinen immer größere Teile der Fertigungsabläufe automatisieren, wird eine schnelle, reibungslose Intralogistik zunehmend unerlässlich.«

Christian Leopoldseder, Vice President Operations der Asseco Solutions DACH

 

Wie Automatisierungstechnik den e-Commerce beeinflussen wird

„Mithilfe von Sensortechnologien wie RFID oder Bluetooth wird es möglich, den Verlauf einer Lieferung in Echtzeit verfolgen und damit auch korrigieren zu können. Die Fähigkeit, Sendungen bereits am Tag der Bestellung zuzustellen, wird immer verbreiteter werden, da Hersteller, Händler und Logistiker enger kooperieren“, so Rieche weiter. Diese intensive Zusammenarbeit mit feingranularer Informationsbereitstellung steigere sukzessive die Liefergeschwindigkeit und erlaube Prognosen über den gesamten zukünftigen Lieferprozess

Das sieht Rosenbach ähnlich: „Die Optimierung der Datennutzung, Reduktion des Energieverbrauchs, vernetzte Logistiksysteme, automatisierte Lösungen und vor allem die Beherrschung der Komplexität sind ganz wichtig.“ Das gelte für Unternehmen, die diese Tools einsetzen als auch für Jungheinrich selbst, die sagen, sie müssten ihren Kunden Tools liefern, mit denen sie die Komplexität beherrschen. Das bringt Rosenbach auf den Punkt: „Bei dem Thema ‚heute geklickt – morgen geliefert‘ geht die Entwicklung schon zu ‚heute geklickt – heute geliefert‘.“

Roland König von SSI Schäfer gibt aber auch zu bedenken: „Im e-Commerce ist einfach die Erwartungshaltung des Kunden sehr hoch, seine Waren innerhalb kürzester Zeit zu erhalten. Da gilt es, eine Verlässlichkeit und einen Service-Grad zu erreichen, der bislang noch nicht gelebt wurde und kaum zu leben ist.“ Zumal in der Welt des e-Commerce (Business to Consumer) der Produzent gar nicht mit dem Kunden direkt in Kontakt trete und keine weitere Chance habe, einen Kunden zu überzeugen, wiederzukommen. „Das wird sicher das Thema der nächsten Jahre sein und dahinter steht wiederum die Automatisierungstechnik“, so König. Klingt alles noch nicht ganz leicht, aber durchaus machbar. Wenn da nur nicht noch eine ungelöste Aufgabe im Raum stehen würde:

Studie: Trend geht zu mehr Flexibilität

Industrie 4.0, Roboter und Personalisierung – das sind laut einer neuen Studie der IWL AG die Trendthemen der Intralogistik 2016. An der jährlich stattfindenden Marktbefragung nahmen 88 Intralogistiker teil. Ihre größten Herausforderungen sind laut Studie, Prozessflexibilität zu schaffen (32 %) sowie den Kostendruck zu senken (22 %). „Es ist ein klarer Trend hin zu flexiblen Systemen erkennbar“, erklärt Ralph Ehmann, Gründer und Vorstand der IWL AG. Industrie 4.0 bleibt auch in diesem Jahr das Trendthema der Branche, besagt die Studie. 44 % der Befragten sehen großes Potenzial in diesem Bereich, für 24 % ist das Thema zukunftsweisend. Den konkreten Nutzen und die praktische Umsetzung von Industrie 4.0 müssten Anbieter ihren Kunden jedoch besser kommunizieren.

Was aus Big Data "Great Data" macht

„Wir greifen auf ein großes Datenvolumen zu, wo alle Serviceinformationen gespeichert werden und auswertbar sind. Da sehen wir noch viele Chancen für die Zukunft“, sagt Oliver Lücke, Vorstand Technik, Jungheinrich AG. Doch nicht alles, was technisch möglich sei, werde auch sinnvoll sein. „Sondern wir brauchen auch Antworten auf die Fragen, was dem Kunden wirklich nutzt und was sich dann letztlich auch vermarkten lässt“, so Lücke. Denn wenn es nur um viele Daten gehe, sei der Kundennutzen nicht unbedingt gegeben. „Da ist es wichtig, zu bewussten Daten zu kommen und zu erkennen, welche Daten man wirklich braucht. Daher spreche ich anstelle von ‚Big Data‘ von ‚Great Data‘, weil darin genau das enthalten ist, was man auch benötigt“, betont Lücke.

Doch nur wenn alle notwendigen Informationen digital vorlägen, könnten sie auch effizient und nahtlos weiterverarbeitet werden, verdeutlicht Werner Rieche, Geschäftsführer der Software AG Deutschland: „Zwischen Lieferanten und Logistikunternehmen muss sich ein Informationsaustausch des ‚Gebens und Nehmens‘ entwickeln, damit alle Beteiligten einer solchen Wertschöpfungskette profitieren.“ Es gehe darum, sehr viele und unterschiedliche Daten in Echtzeit zu sammeln, zu korrelieren und auszuwerten, um fundierte Entscheidungen schnell treffen und Folgeprozesse einleiten zu können. „Nur Unternehmen, die diese Fähigkeiten vereinen können, werden in der Lage sein, maximalen Mehrwert aus der Innovation des Internets der Dinge zu ziehen“, erklärt Rieche. Die Technologie sei vorhanden, nun gelte es, diese in der Praxis ein­zusetzen. Auf diesem Mehrwehrt ist letztlich e-Commerce aufgebaut.

Pick by Watch: Kommissionieren wie ‚007‘

Wie Uhren dem Filmagenten James Bond bei seinen Aufträgen helfen, unterstützt eine SmartWatch bei der Kommissionierung im Lager und zeigt den Weg zum Artikel. Mit ‚Pick by Watch‘ hat SSI Schäfer eine neue Strategie für die hands-free-Kommissionierung im Lager entwickelt. Eine am Handgelenk getragene SmartWatch zeigt den Mitarbeitern im Lager an, aus welchem Lagerplatz die Artikel kommissioniert werden sollen. Die Picks werden auf dem Display der SmartWatch bestätigt und von einer Software verifiziert. Darüber hinaus eröffnen sich weitere Anwendungsfelder wie beispielsweise Service-Unterstützung, Werkzeugausgabe, An- und Abmeldung bei Arbeitsbeginn und -ende, Zuteilung von Tätigkeiten per Anzeige sowie Alarmsignale bei Fehleingaben oder beim Betreten von Gefahrstellen.

Bild: Linde Material Handling

»Wir erwarten einen spürbaren Wandel in der Intralogistik. Entwicklungen, die mit Begriffen wie Smart Logistics oder Logistik 4.0 einhergehen, werden den Einsatz von Flurförderzeugen schrittweise verändern.«

Tobias Zierhut, Head of Product & Service Marketing Linde Material Handling

Wie ein Verein die Schnittstellen-Standardisierung vorantreiben will

Zum Thema Schnittstellen-Standardisierung sagt Oliver Wolf vom Fraunhofer IML, dass sich das zwar profan anhöre, „aber es ist immer noch ein großes Problem und wird es – wenn nicht ent­sprechende Schritte unternommen werden – auch bleiben.“ Eine Schnitt­stelle sei halt immer schwie­rig. In der Intralogistik sei sie nicht standardisiert, es gebe zwar EDIFACT (branchenübergreifender internationaler Standard für das Format elektronischer Daten im Geschäftsverkehr) und weitere Regelungen, aber wie dies einzelne Unternehmen interpretierten, sei letztlich deren eigene Sache.

Doch Wolf beschreibt, dass eine vom Fraunhofer Institut ins Leben gerufene Initiative der Bundesregierung Abhilfe schaffen soll: „Da versuchen wir via Industrial Data Space eine gemeinsame Regelung zu finden, nicht nur was die Schnittstellen-Standardisierung anbelangt, sondern auch was die Themen Industrie 4.0, Datenmengen und Big Data anbelangt.“ Der Industrial Data Space solle für Datensouveränität, Datensicherheit aber auch zur Bereitstellung von Daten und der Standardisierung sorgen.

Dazu beschreibt Wolf: „Da gibt es klare Regeln, wer was machen kann, sodass die Sicherheit gewährleistet ist und wer welche Änderungen machen kann.“ Wolle man das durch Normungsgremien bringen, dauere es zu lange. Die Industrie könne das hingegen als quasi de facto-Standard schneller umsetzen. Um die Anforderungen der Industrie zu erkennen, gebe es den im Januar gegründeten Industrial Data Space e.V. Diesem Verein gehören mittlerweile 25 große Firmen an wie beispielsweise Volkswagen, Sick als Sensorhersteller, die viele Daten produzieren, dann auch Anlagenhersteller, Softwareanbieter und Versicherungen. „Alle wollen in diesem Verein für eine Standardisierung sorgen – so ist zumindest die Idee. Darin gibt es verschiedene ‚use cases‘, mehrere davon in der Logistik. Man ist also sehr bemüht, eine gemeinsame Sprache zu sprechen“, erläutert Wolf.

Aber es sei auch schwierig, losgelöst eine Industrie 4.0-Zelle im laufenden Betrieb aufzubauen – mit entsprechender Software und Hardware, sodass Produktionsstätten oder einzelne Maschinen untereinander vernetzt würden. Dazu gehören laut Wolf auch der Stapler, das Regal und der Behälter – zum Beispiel der intelligente Behälter von Würth, der seinen Beladungszustand kennt. „Diese ganzen Dinge existieren, aber jeweils für sich alleine. Es sind alles Industrie 4.0-Bausteine, die aber nur dann Sinn machen, wenn auch eine Interaktion möglich ist – und genau an diesem Punkt kommt die Standardisierung ins Spiel.

Bild: Fraunhofer IML

»Was das Thema Schnittstellenstandardisierung anbelangt, versuchen wir, via Industrial Data Space eine gemeinsame Regelung zu finden. Auch was die Themen Industrie 4.0, Datenmengen und Big Data anbelangt.«

Oliver Wolf, Fraunhofer IML

 

Diese macht Rosenbach nachdenklich: „Bei Industrie 4.0 wird sehr viel über Schnittstellen-Standardisierung gesprochen. Allerdings befürchte ich, dass die Standardisierung nicht mit dem entsprechenden Tempo mithalten kann. Deswegen haben wir bei Jungheinrich das Logistik-Interface geschaffen. Das ist im Grunde ein Übersetzer zwischen den verschiedenen Sprachen, natürlich auf den Bereich Intralogistik angepasst.“ Es spreche die Sprache des WMS, aber auch die Sprache von ganz vielen anderen Produkten. Es sei ein Tool, um die Vernetzung im Bereich der Logistik zu erhöhen.

Wolf äußert sich zu den firmeneigenen Wegen wie folgt: „Dadurch möchten die Unternehmen den Kunden natürlich auch näher an sich binden. Das ist aus Firmensicht verständlich, aber es fehlt auch hier wieder die übergeordnete Sicht auf das Thema Industrie 4.0. Also – jeder ist dabei, aber jeder ist auch häufig alleine dabei.“

Dietmar Poll aus Produktion Nr. 10, 2016