| von Sabine Spinnarke

Die Bundesagentur für Arbeit hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beauftragt, herauszufinden, welche Tätigkeiten schon heute digitale Technologien übernehmen können. Die Autorinnen der Studie 'Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt – Substituierbarkeitspotenziale von Berufen in Deutschland' nahmen dazu alle in Deutschland bekannten Berufe (circa 3 900 Einzelberufe) unter die Lupe.

„Im Gegensatz zu den bisherigen Untersuchungen verwenden wir nicht die auf Basis amerikanischer Berufsdaten ermittelten Automatisierungswahrscheinlichkeiten, sondern berufskundliche Informationen aus der Expertendatenbank Berufenet5 der Bundesagentur für Arbeit“, schreiben Dr. Britta Matthes und Katharina Dengler.

Ihre Fragestellung lautet: Wie hoch ist der Anteil aller in diesem Beruf typischerweise zu erledigenden Aufgaben, die bereits heute ein Computer erledigen könnte?

Ihre Antwort: „Etwa 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland sind im Jahr 2013 einem sehr hohen Substituierbarkeitspotenzial ausgesetzt, also in einem Beruf beschäftigt, bei dem mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten heute schon durch Computer ersetzt werden könnten.“ 15 Prozent – das klingt erst einmal nicht dramatisch hoch, doch sind die Unterschiede in den Berufsgruppen extrem. Und Fertigungsberufe können leichter ersetzt werden als andere.

Fertigungsberufe besonders betroffen

„Das gewichtete, durchschnittliche Substituierbarkeitspotenzial ist im Berufssegment 'Fertigungsberufe' am höchsten. Es liegt bei mehr als 70 Prozent“, heißt es.

Um zu verdeutlichen, was das bedeutet, müsse man sich vor Augen führen, dass mehr als 70 % der Tätigkeiten in diesem Berufssegment schon heute durch Computer ersetzt werden könnten. Ob diese Tätigkeiten dann tatsächlich auch ersetzt werden, hängt, laut Studie, allerdings nicht nur von der technischen Machbarkeit ab, sondern beispielsweise von der Investitionsbereitschaft.

Nicht nur einfache Tätigkeiten, sondern auch die von qualifizierten Fachkräften sind gleichermaßen betroffen: „Das Paradoxe an der Substituierbarkeit durch Computer ist, dass Tätigkeiten, die von qualifizierten Fachkräften ausgeübt werden, stärker von der Digitalisierung betroffen sein können“, heißt es in der Studie.

Das läge daran, dass diese besser in programmierbare Algorithmen zerlegt und damit leichter von Computern ersetzt werden könnten.

Helfer dagegen würden zu einem großen Teil Nicht-Routine-Tätigkeiten erledigen, die sich nicht so leicht automatisieren lassen. Das führe dazu, dass im Fertigungsumfeld Fachkraft und Helfer ein ähnlich hohes Substituierungspotenzial aufweisen würden.

Wissen auf technologischem Stand halten

Da Spezialisten- und Expertenberufe am wenigsten leicht ersetzbar sind, sehen die Autorinnen die Hauptaufgabe von Politik und Wirtschaft darin, das Wissen und Können auf dem aktuellen technologischen Stand zu halten. Sie hoffen außerdem, dass die Digitalisierung zu einem Beschäftigungswachstum führen werde. Da computergesteuerte Maschinen entwickelt, gebaut, gesteuert und gewartet werden müssen – dafür braucht man Fachkräfte.

Darin stimmen die beiden Autorinnen mit Betriebsrat Wolf überein. Seiner Einschätzung nach bieten die neuen Technologien neben Risiken auch Chancen – vorausgesetzt, sie werden intelligent genutzt.

Interview: Stephan Wolf über Digitalisierung

Abbildung von Stephan Wolf-VW: Anzug, Brille, Kinnbart
"Wir werden den Rationalisierungseffekt nicht aufhalten können, aber abbremsen." Stephan Wolf, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der Volkswagen AG. - Bild: VW

Stephan Wolf ist der stellvertretende Betriebsratsvorsitzenderi der Volkswagen AG. Im Interview mit der Fachzeitung Produktion erklärt er, wie die zunehmende Digitalisierung in einem Konzern wie VW auf die Angestellten und Arbeitnehmer durchschlägt.

Produktion: "Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Situation der Arbeitnehmer aus?"

Stephan Wolf: Langfristig werden wir eine Reduzierung der Tätigkeiten in der Produktion spüren. Es wird einen Rationalisierungseffekt geben. Dieser Effekt wird aber nicht so abrupt sein, wie es sich manche Leute denken. Wir werden an viele Stellen des Unternehmens digitalisieren, beziehungsweise automatisieren. Das betrifft aber nicht alle Bereiche. Es gibt viele Arbeitsplätze in unseren Werken, in denen menschliche Fähigkeiten wie Sehen, Fühlen, Spüren entscheidend sind. Ein Beispiel ist die Montage und Qualitätskontrolle der Innenausstattung.

Produktion: Was kann den Arbeitsplatzabbau abbremsen?

Wolf: "Wir brauchen bei VW ein breites Portfolio an Arbeitsplätzen. Neben denen, die eine Weiterqualifizierung der Kollegen erfordern, auch welche für Unqualifizierte."

Wie sieht die Arbeit des Werkers 4.0 aus?

Wolf: "In einem Pilotprojekt setzen wir einen Roboter in der Montage ein, der wird mit dem Smartphone vom Werker angelernt und geführt – das funktioniert. An den Umgang mit Apps müssen wir uns gewöhnen."

Wo liegen die Vorteile der Digitalisierung?

Wolf: "Die neuen Geschäftsmodelle sehe ich als Chance. Mit jedem neuen Geschäftsfeld erschließen wir uns neue Arbeitsplätze. Wir denken dabei über die Produktion hinaus und werden neue Arbeitsplätze rund ums Fahrzeug an anderen Stellen des Unternehmens schaffen. Das sind Arbeitsplätze, für die sich auch die Kollegen aus der Produktion in Wolfsburg qualifizieren werden, nur so kann das Konzept Industrie 4.0 aufgehen."

Panik ist also fehl am Platz?

Wolf: Wir als Betriebsrat achten darauf, dass die Rationalisierung nicht einseitig ist. Wenn eine Aufgabe automatisiert wird, qualifizieren wir den Betroffenen oder setzen ihn an anderer Stelle gemäß seiner Ausbildung ein. Wichtig ist, die Veränderungen im Konsens mit der Mannschaft herbeizuführen.