Mann Computerraum Industrie 4.0

Starmind International hat eine Software entwickelt, mit der Experten im Unternehmen für spezielle Fragen gefunden werden. - Bild: Starmind International

| von Michael Sudahl

Mensch und Maschine verschmelzen. Was bisher vor allem als Stoff für Hollywoodstreifen à la ‚Star Wars‘ taugt, wird derzeit Realität. Wobei es hier nicht um Roboter mit Bewusstsein geht, sondern um das effiziente Zusammenspiel zwischen Geräten, Verbrauch, Variabilität und Know-how.

Ein Beispiel gibt Michael Kuhnert: Der Manager bei Schneider Electric begleitet den Schaltschrankbauer Mangelberger Elektrotechnik aus Roth mit seiner Steuerungstechnik seit Jahren. Allein in Deutschland stehen die Schaltschränke der Franken aktuell in 3 870 Filialen von Systemgastronomen wie McDonald’s und Vapiano sowie Handelsunternehmen wie Rewe. Die Gesamtleistung aller Anlagen liegt bei 410 Megawatt.

Industrie 4.0: die Vernetzung aller Daten entlang der Wertschöpfungs- und Prozesskette

„Wenn Mangelberger all diese Kühlgeräte bundesweit befristet um zwei, drei Grad herunterfährt, macht das das Anfahren eines Kraftwerkes überflüssig“, sagte Kuhnert zu deren Gesamtstromverbrauch. Die Kühlgeräte seien ein gutes Beispiel dafür, was die Vernetzung aller Daten entlang der Wertschöpfungs- und Prozesskette bedeutet, was man unter Industrie 4.0 versteht. „Sogar die Wartung wird geclustert, um die Wege von Monteuren zu optimieren“, berichtet Kuhnert weiter. So gibt die Datenerfassung her, wo auf der Strecke Schaltschränke zur Wartung anstehen oder Verschleißteile ausgetauscht werden müssen.

Der Clou aber ist die vollautomatische Produktion der Schaltschränke selbst, die auf den Stromertrag der Photovoltaikanlage auf dem Firmendach in Roth abgestimmt ist: Am Wochenende laufen die Roboter nur, wenn die Sonne scheint.

Einblicke in die Forschung

Energie sparen ist ein wichtiger, aber längst nicht der einzige Industrie 4.0-Aspekt. Spannend wird es, wenn Informatiker Software mit dem menschlichen Gehirn verknüpfen. Pascal Kaufmann gibt hierzu Einblicke. Der Schweizer CEO und Gründer der Starmind International AG forscht seit Jahren dazu. Das Know-how wächst rasant und überholt sich ständig selbst. „Was heute Stand der Technik ist, kann morgen schon unbrauchbar sein“, erläutert der Neurowissenschaftler aus Zürich.

Um nicht mehr veraltetes Wissen vorhalten zu müssen, hat Starmind eine Software entwickelt, die Experten innerhalb eines Unternehmens findet. So gibt etwa ein Servicetechniker, der beim Kunden sitzt und nicht mehr weiter weiß, seine Frage in eine Suchmaske an seinem Laptop ein. Algorithmen finden innerhalb des Firmennetzwerkes den Kollegen, der am wahrscheinlichsten die Lösung kennt.

Ausgangspunkt für die perfekte Expertensuche

Pascal Kaufmann von Starmind International erklärt. Anzug, Krawatte
Pascal Kaufmann, Starmind International: Hat Software für eine Expertensuche entwickelt. - Bild: Starmind International

Statt Wissen in Datenbanken verschimmeln zu lassen, verknüpft die Schweizer Software Frager und Experten miteinander. „90 Prozent der Fragen beantwortet das Echtzeit-Netzwerk binnen zwei Stunden“, erläutert Kaufmann, wie schnell das seit 2011 erprobte System funktioniert.

Ausgangspunkt für die perfekte Expertensuche ist eine Mitarbeiterumfrage. Anstatt die Fragen zu beantworten, spricht jeder Kollege dabei fünf Experten-Empfehlungen aus. So werden implizite Netzwerke explizit. Hieraus optimiert sich die selbstlernende Software mit jeder zusätzlichen Frage weiter. Brain Technology nennt Kaufmann dieses hybride System zwischen Mensch und Maschine. Es basiert auf den Funktionsweisen des Gehirns, welches bekanntlich einzelne Hirnzellen verbindet und diese dynamisch kombiniert.

Firma Höfliger: dem Kundenanspruch weit voraus

Ähnlich dynamische Kombinationen kennt Verpackungsmaschinen-Hersteller Harro Höfliger aus dem schwäbischen Allmersbach. Der Bereichsleiter Steuerungstechnik, Volker Scheub, zählt auf, wo der Mittelständler schon heute digital verknüpft: Ein Verbund von zehn Maschinen ermöglicht einem Kunden aus der Pharmazie bereits 65 Varianten. Und in einem anderen Fall, so Ingenieur Scheub, haben Höfliger-Spezialisten eine Insulinabfüllmaschine so konzipiert, dass sie mit einer hohen Varianz kundenspezifisch arbeitet.

Hinzu kommen Features, die die abgefüllten und verpackten Präparate fälschungssicher und in jeder Klinik weltweit rückverfolgbar machen.

Einig sind sich die Industrie 4.0-Experten des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart und des baden-württembergischen Landesnetzwerks für Mechatronik in Göppingen, dass sich der Mittelstand beim Thema beeilen muss, den Anschluss zu halten.

Mechtronik-Geschäftsführer Volker Schiek: „Wir haben erste Beispiele, in denen Software-Giganten wie Apple oder Google mittelständische Technologieführer und Start-ups zusammenkaufen und Märkte selbst übernehmen.“ Und IPA-Chef Thomas Bauernhansl ergänzt, das häufig im Mittelstand vorgetragene Thema gefährdeter Datensicherheit zähle nicht: „Das Problem haben die Firmen heute schon.“

Die Firma Höfliger arbeitet demnach vorbildlich, denn auch deren Kunden fordern längst noch nicht, was der Verpackungsspezialist schon alles kann und macht. Der Geschäftsführer Markus Höfliger zu seinen Motiven: „Wenn I 4.0 aber 2020 Standard ist, sind wir ganz vorne dabei.“ Zum Hintergrund: Das Unternehmen hat binnen fünf Jahren seine Belegschaft auf 1 000 Mitarbeiter verdoppelt.

Michael Sudahl aus Produktion Nr. 12, 2016

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