"Am weitesten entwickelt ist das Biegen sicherlich in der Automobil­industrie", sagt Prof. Bernd

"Am weitesten entwickelt ist das Biegen sicherlich in der Automobil­industrie", sagt Prof. Bernd Engel, Universität Siegen (Bild: Universität Siegen).

von Michael Pyper

Herr Professor Engel, welche zentralen Themen hat das Biegeforum aufgegriffen?
Es dient natürlich dem Austausch zwischen Forschung und Industrie. Aber fast noch wichtiger für die Biegetechnik ist im Moment unser Experten-Workshop, der die VDI-Richtlinie 3430, eine Ver­fahrensbeschreibung zum Rota­tionszugbiegen von Profilen, erstellt hat. Bisher gab es zum Biegen keine Normung, nicht einmal einen gemeinsamen Sprachgebrauch.Wir arbeiten jetzt bereits an der zweiten Richtlinie, die eine Grundlage zur einheitlichen Qualitätssicherung bei Biegebauteilen liefern soll. Und es wird sicher auch noch eine dritte mit dem Schwerpunkt ‚Maschinenrichtlinie‘ geben.

Welchen Stellenwert hat das Verfahren Biegen als Umformtechnik heute?
Es ist nach wie vor weit verbreitet. Im Apparatebau oder für Bauteile von Abgasanlagen ist es gar nicht wegzudenken, stark vertreten ist es auch im Anlagenbau. Wir denken aber weiter und arbeiten bewusst mit Fahrzeugtechnikern zusammen. Dort sehe ich ein großes Potenzial, mit Biegeprofilen direkt in die Karosserie reinzugehen. Beispielsweise beschäftigen wir uns in einem BMWi-Projekt damit, Biegebauteile direkt in Fahrzeugstrukturen einzusetzen.

Ein Schwerpunkt des Forums ist das Hydroforming, um das es etwas still geworden war. Wie geht es damit weiter?
Als das Innenhochdruck-Umformen IHU seine erste Hochphase hatte, hat das Biegen dem Verfahren sehr oft Grenzen gesetzt. Wenn wir also das Hydroforming weiterbringen wollen, dann müssen wir auch das Biegen weiterentwickeln in Richtung Profil. Man muss das Profil verstehen, um auch das Biegen besser zu verstehen. Deshalb wollen wir die Prozesskette Profil herstellen, Biegen, weitere Umformung wie IHU näher untersuchen.

Mit welchen Fragen tritt die In-dustrie derzeit an Sie heran?
Am weitesten entwickelt ist das Biegen sicherlich in der Automobilindustrie. Eine ganz wichtige Rolle spielt dort die Stabilität im Prozess, also Bauteile möglichst wiederholgenau zu produzieren, so wie wir das beispielsweise von Ziehteilen kennen. Das liegt teilweise am Prozess, teilweise an den Maschinen, und ist eine Frage der Auslegung. Ein weiterer Bereich sind Fragen rund um die Profile. Da ist noch einiges an Aufklärungsarbeit nötig und auch dazu soll der Expertenworkshop beim Verein Deutscher Ingenieure dienen, der sich mit Maschinenvorschriften, also der Auslegung von Maschinen, beschäftigt.

Ein Thema quer durch alle Fer­tigungstechnologien ist die Hybri­disierung. Wo stehen da die Bieger?
Ich sehe ‚hybrid‘ nicht so, dass wir komplett neue Verfahren bekommen, sondern vielmehr in der Prozesskette. Der einfachste Fall lautet Profil, Biegen, IHU. Es kann sein, dass ein Profil in den Prozess reingeht, gebogen wird und in IHU nochmals umgeformt wird. Wenn ich jetzt noch faserverstärkte Kunststoffe hinzunehme, kann es sein, dass sich die Linien kreuzen. Zumindest in Forschungsfahrzeugen sieht man ja bereits Stahlsäulen, die mit Inlays aus faserverstärktem Kunststoff verstärkt sind. Ich verstehe unter ‚Hybrid‘ jeweils die Technologie, wo sie in der Kette letztlich gebraucht wird. Und bei allen technologischen Vorteilen muss sie bezahlbar sein.

Stahl dominiert nach wie vor das Biegen. Hat er noch so viel Potenzial oder tut man sich schwer mit NE-Metallen?
Designer in der Automobilindustrie denken heute beim Biegen von Autoteilen aus NE-Metallen sofort an Streckbiegen, das für Aluminiumprofile absolut etablierte Verfahren. Wenn wir in Strukturen denken, haben wir momentan andere Verfahren im Fokus. Unsere Bieger, die Rotationszugmaschinen oder Ähnliches einsetzen, beschäftigen sich deshalb relativ wenig mit Aluminium. Ich bin aber überzeugt, dass in Zukunft Aluminiumprofile nicht nur streckgebogen, sondern auch rotations- oder freiformgebogen werden. Der große Vorteil dabei ist, dass man deutlich mehr Umformvermögen hat.

Wo steht das Blechumformen in zehn Jahren, in welche Richtung geht die Forschung?
Wir hier in Siegen trennen die Forschung nicht von der Anwendung. Meine Prognose: Das IHU wird bei den Strukturteilen zurückkehren, nachdem wir da eine Delle hatten. Beim Biegen bin ich überzeugt, dass die Freiformbiegeverfahren, aber auch die Dornbiegeverfahren das Segment Aluminiumprofile erschließen werden.

aus Produktion Nr. 27, 2013