Bernd Neugart, Geschäftsführer Neugart GmbH

Bernd Neugart, Geschäftsführer Neugart GmbH: "Die Krise war ein Management-Crashkurs für Hartgesottene." (Bild: Neugart).

von Dietmar Poll

KIPPENHEIM (ks). Herr Neugart, Sie haben Ende 2008 ein zweites Werk eröffnet?
Im Jahr 2006 hatten wir uns für den Neubau des Werkes 2 entschieden, um dort unsere Standardplanetengetriebe einzugliedern – komplett mit den administrativen Einheiten, die dafür notwendig sind.

Der Neubau war demnach mehr als nur eine Erweiterung der Produktionskapazitäten?
Genau. Denn durch die Gründung eines zweiten Werkes konnten wir eine Trennung zwischen kundenspezifischen Getrieben und Verzahnungsteilen sowie dem Standardgetriebebau vollziehen. Denn tatsächlich ist es so, dass sowohl in der Administration als auch in der Fertigung verschiedene Bedürfnisse innerhalb unserer Organisation herrschen. So arbeiten wir im kundenspezifischen Geschäft sehr eng mit dem Kunden zusammen, es gibt einen sehr hohen Bedarf an Absprache. Dementsprechend gibt es in Werk 1 einen hohen Bedarf an Flexibilität sowohl in Entwicklung als auch in Fertigung.

Was geschieht im neuen Werk 2?
Da sind wir umgekehrt im Standardbereich durch unser Baukastenprinzip hoch standardisiert, denn wir stellen aus einer gewissen Zahl von Bauteilen eine sehr hohe Anzahl von Varianten her. Dort ist die Erwartungshaltung des Kunden ganz anders, denn er schlägt zum Beispiel unseren Katalog auf und bestellt. Durch die Trennung der Fertigung in zwei Werke gibt es somit keine Konflikte mehr in der Fertigung zwischen der Standardwelt und der kundenspezifischen Welt.

Die Eröffnung des Werkes 2 fand zu keinem glücklichen Zeitpunkt statt…
Zu der Zeit, als wir das Werk 2 eingeweiht haben, begann die Krise. Das hat uns natürlich Kopfzerbrechen bereitet. Schließlich hatten wir in der Spitze einen Auftragseinbruch von 60 Prozent. Der Umsatz von 2009 lag dann 36 Prozent unter 2008. Das war schon bitter.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Wir haben die neue flexible Kurzarbeit exzessiv ausgenutzt. Es war eine Glanzleistung der damaligen Regierung, diese Flexibilität innerhalb der Kurzarbeit zu ermöglichen. Somit konnten wir auf Entlassungen verzichten. In der Spitze hatten wir bis zu 40 Prozent Kurzarbeit.

Haben Sie den zeitlichen Freiraum für weitere Entwicklungen genutzt?
Ja, wir haben viel entwickelt, speziell im Bereich kundenspezifischer Getriebe. Denn in der Boomzeit vor der Krise hatten auch unsere Kunden nicht den Freiraum, sich mit Weiterentwicklung zu beschäftigen. Auch im Vertrieb haben wir versucht, Verluste zu kompensieren. Das war zwar extrem schwierig, aber wir haben dennoch Neukunden gewinnen können.

Haben Sie auch Investitionen getätigt?

Investitionen in Maschinen und Anlagen haben wir in dieser Zeit nicht getätigt – bis auf eine Ausnahme. Durch die historisch tiefen Preise bei Werkzeugmaschinen haben wir uns für eine neue Anlage entschieden, die pünktlich kurz vor dem Ende der Krise geliefert worden ist.

Das war dann?
Im Januar 2010 hat das Geschäft wieder angezogen. Im Februar hatten wir schon gar keine Kurzarbeit mehr. Und im März waren wir schon in der dritten Schicht. Der Gradient der Erholung war steiler als der Gradient des Rückgangs. So haben wir im Jahr 2010 sogar das bis dato beste Jahr 2007 knapp getoppt.

Mehr als nur Getriebe
Neugart liefert Antriebs- und Getriebelösungen. Dazu gehören sechs verschiedene Planetengetriebebaureihen für die Bereiche Economy, Präzision und High Performance. Das Unternehmen entwickelt und fertigt zudem Verzahnungsteile sowie Sondergetriebe.


Wie läuft es im aktuellen Jahr?

Noch besser. Wir rechnen mit einem weiteren Umsatzanstieg von 15 bis 20 Prozent. Das entspricht einem Umsatz zwischen 37 und 38 Millionen Euro.

Sehen Sie derzeit Gefahren für einen Rückschlag?
Momentan nicht. Es gibt zwar einige Szenarien, die einen erschrecken können – da denke ich an die Schuldenkrise der Staaten. Allerdings scheint es ja so zu sein, dass die Konjunktur vor allem getrieben wird von den aufstrebenden Wirtschaften wie China, Brasilien, Indien, Türkei und Russland.

Was ist durch die Krise im Hinterkopf geblieben?
Die Krise war ein Management-Crashkurs für Hartgesottene. Vor allem eine Erkenntnis bleibt: Ich hätte nie gedacht, dass man um 36 Prozent einbrechen kann, ohne substantiell leiden zu müssen. Und heute sage ich: Es gibt bewährte Mittel wie zum Beispiel die Kurzarbeit, um so etwas zu überstehen. Ich denke, das ist die größte, positive Erfahrung.

Wie steht Ihr Unternehmen jetzt da?
Wir haben heute einen Belegschaftsstärke wie noch nie und sind so groß wie noch nie zuvor. Dieses Jahr werden wir auch deutlich über zwei Millionen Euro in Maschinen und Anlagen investieren, um die Kapazitäten weiter zu vergrößern. Dies ist notwendig, denn Aufträge an uns sind schnell geschrieben – um diese abzuarbeiten brauchen natürlich wesentlich länger.

Ihr Ausblick für das Jahr 2012?
Immer noch Wachstum, aber die Lage wird sich beruhigen. Es ist zu erkennen, dass wir stärker wachsen als der Durchschnitt der Branche. Da liegen wir im oberen Drittel.

Durch welche Branchen ist das Wachstum getrieben?
Wir bedienen ein ganz breites Feld im Maschinenbau. Da tut sich keine Branche richtig hervor.

aus Produktion Nr. 27, 2011