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"Ich traue der chinesischen Industrie zu, dass sie über kurz oder lang eigene Roboter auf den Markt bringt“, sagt Michael Wenzel, Geschäftsführer der Reis Group Holding (Bild: Reis).

von Susanne Nördinger

Herr Wenzel, welche strategische Bedeutung hat das neu eröffnete Werk in Kunshan, China, für Reis Robotics?
China ist einer der wichtigsten Märkte für Automatisierungs- und Robotertechnik. Das ist ein offenes Geheimnis. Das neue Werk ist für uns ein wichtiger Schritt, um die Marktbearbeitung zu vertiefen und die Nähe zu unseren Kunden auszubauen. Wir haben in China alle Stufen durchlebt vom Handelsvertreter über ein Joint-Venture bis hin zur eigenen Firma. Unsere 100-prozentige Tochter Reis China besteht seit 2006. Damals haben wir mit fünf Personen begonnen. Heute beschäftigen wir rund 200 Mitarbeiter in China. Für uns ist China an sich also nicht neu. Wir freuen uns aber über die neuen Räumlichkeiten für die bestehende Firma.

Inwieweit unterscheidet sich das chinesische Werk von anderen Reis-Werken?
Eigentlich kaum. Wir haben sogar viele Dinge aus Deutschland übernommen. Unsere Anlagen benötigen bestimmte bauliche Rahmenbedingungen. Da denke ich an die Hallenhöhe oder die Kranbelastbarkeit. Wir verkaufen in allen Teilen der Welt ähnliche Anlagen und dadurch ähneln sich auch unsere Werkshallen.

Welchen Anteil der Anlagen produzieren Sie in China direkt vor Ort?
Da muss man differenzieren. Wir fokussieren auf das Systemgeschäft. Die Roboter importieren wir aus Deutschland. Den Peripherieanteil wie etwa Schutzgitter oder Stationen produzieren wir so weit wie möglich vor Ort. Zu den wichtigen Teilen einer Anlage zählt aber auch der Bereich Dienstleistungen und Services. Dafür beschäftigen wir chinesische Mitarbeiter, die zum Beispiel die Anlagen in Betrieb nehmen oder die Kunden schulen.
Es gibt im neuen Werk in Kunshan also keine F&E-Abteilung?
Wir haben bereits eine Konstruktionsgruppe aufgebaut. Diese hat die Aufgabe, die Anlagen für den lokalen Markt auszulegen und dabei auch lokale Komponenten zu verwenden. Eine echte Grundlagenentwicklung kann ich mir in China nicht vorstellen.

Vita

Dr. Michael Wenzel

studierte Physik und Betriebswirtschaft in Würzburg und promovierte im Bereich Experimentalphysik. Bei Reis stieg er 1992 ein. Heute führt er die Geschäfte der Reis Group Holding und ist unter anderem Chairman of the Board of Reis Robotics China

Reis ist auch im Bereich der Photovoltaikanlagen tätig. Was sagen Sie zur aktuellen Diskussion um Strafzölle auf chinesische Solarmodule?
Ich bin da grundsätzlich dagegen. Wirtschaftliche Abläufe lassen sich meiner Meinung nach nicht über Zölle regeln. Man kann mit solchen Regelungen kurzfristig Akzente setzen. Dauerhaft ist der Markt aber zu groß und zu stark, als dass er sich durch solche Mechanismen verändern lässt. Für uns als Equipment-Produzenten haben die geplanten Strafzölle, die ja auf Produkte erhoben werden, aber sowieso keine Auswirkungen.

Welche Branchen fokussieren Sie in China?
Reis Robotics ist von den Applikationen und Technologien her sehr breit aufgestellt. In China bieten wir unser gesamtes Spektrum an. In den vergangenen Jahren haben wir Schwerpunkte im Bereich Gießereien gesetzt. Unser chinesischer Vertriebsleiter hat mir erst kürzlich erzählt, dass 70 Prozent der in China hergestellten Zylinderköpfe auf Reis-Anlagen gegossen werden. Wir sind in dieser Branche traditionell sehr stark. In China erhalten wir derzeit beispielsweise viele Folgeaufträge von Kunden im Bereich der Gießereien, die mit uns zufrieden sind.

Wie passt man sich als deutscher Hersteller den Gegebenheiten des chinesischen Marktes an?
Das ist sowohl auf Vertriebs- als auch auf Fertigungsseite wichtig. In China gelten im Vertrieb ganz andere Regeln als in Europa. An vielen chinesischen Unternehmen ist der Staat beteiligt und da läuft die Vergabe ausschließlich über biddings, also öffentliche Ausschreibungen. Grundsätzlich sind chinesische Pflichtenhefte einfacher gestrickt als in Europa. Und auf dieses Bedarfsniveau muss man sich im Bereich der Fertigung einstellen und die Anlagen dementsprechend auslegen.

Foxconn hatte 2012 angekündigt, bis 2014 eine Million Roboter zu produzieren. Nun ist die halbe Zeit abgelaufen. Fürchten Sie eine solche Konkurrenz langfristig?
Die Zahl ist für mich nach wie vor utopisch. Auch Foxconn wird die Roboterweltproduktion nicht in einem oder mehreren Jahren verdoppeln können. Ich traue der chinesischen Industrie aber auf jeden Fall zu, dass sie über kurz oder lang eigene Roboter auf den Markt bringt. Welche Qualität diese Produkte besitzen, wird sich dann herausstellen. Alle westlichen Roboter-Hersteller blicken auf jahrzehntelange Entwicklungserfahrung zurück. Diese Qualität zu erreichen, ist meiner Meinung nach in der Robotik ein sehr schwerer Ritt.

Inwieweit denken Sie darüber nach, selbst eine günstigere Linie herauszubringen?
Ich halte es nicht für sinnvoll, die Software abzuspecken. Wir prüfen derzeit, ob es sinnvoll ist, Mechaniken einfacher zu gestalten. In bestimmten Fällen kann man etwa auf lokale chinesische Komponenten umsteigen oder Fertigungsvorteile vor Ort nutzen. Ausgeschlossen ist das für Reis nicht. Wir befinden uns aber erst in einem Stadium, in welchem wir dies prüfen.

Wo sehen Sie Ihre Marktstellung in China?
Traditionell sind wir bei einem Stückzahlen-Vergleich nicht im oberen Segment zu finden, da wir überwiegend komplette Anlagen bauen. Wo wir im Bereich der Gießereien liegen, habe ich vorhin schon gesagt. Es ist sehr selten, dass man in China solche Zahlen über den Markt erhält. Deshalb kann ich die Frage nicht über unsere gesamte Bandbreite der Applikationen hinweg beantworten.

Momentan beschäftigen Sie rund 200 Mitarbeiter in Kunshan. Wie soll es in China für Reis weitergehen?
Wir haben Wachstum geplant und wünschen uns das auch. Es gibt in China noch ein großes Markt­potenzial und davon wollen wir profitieren. Reis China dient außerdem als zentrale Anlaufstelle für den gesamten fernöstlichen Raum. Allerdings soll die Mitarbeiterzahl nicht proportional zum Umsatzwachstum steigen. Wir wollen die Effizienz steigern.

aus Produktion Nr. 24, 2013