Renate Pilz

„Unser Büro liegt in der Mitte des Unternehmens, denn wir sehen uns als Teil der Mannschaft!“ Gemeinsam mit Tochter Susanne und Sohn Thomas leitet Renate Pilz das Familienunternehmen Pilz (Bild: Pilz).

Sich ein Büro teilen, anderen zuhören, Entscheidungen gemeinsam treffen – typisch weiblich? Renate Pilz sagt ‚nein‘ und erläutert Produktion ihre Führungsphilosophie.

von Sabine Spinnarke
Frau Pilz, wie geht es dem Unternehmen Pilz?
Dem Unternehmen Pilz geht es ausgezeichnet. Wir entwickeln uns kontinuierlich weiter, wie geplant. Nach der Krise konnten wir 2010 ein Umsatzplus von 42 Prozent und in 2011 ein Plus von über 20 Prozent erwirtschaften. Gut, die Krise hat uns alle gewaltig durcheinandergewirbelt. Wir kannten zwar die zyklischen Bewegungen der Wirtschaft und haben auch davor schwierige Situation erlebt und gemeistert, aber diese extreme Bewegung nach unten und im Anschluss wieder nach oben, ist etwas noch nie Dagewesenes. Besonders kritisch war vor allem, nicht zu wissen, wie lange die Abwärtsbewegung andauern wird und wie tief die Kurve nach unten gehen wird.
Sie konnten die positive Entwicklung ungebremst fortsetzen?
Eine Strategie von uns ist, innovative Ideen aufzugreifen und weiterzuverfolgen, wie auch immer die wirtschaftlichen Umstände sein mögen. Hinzu kommt, dass wir in der Krise niemand entlassen mussten. Daran haben übrigens auch die Regierung die Tarifpartner mit ihrem umsichtigen Handeln Anteil. Insgesamt waren wir also nach der Krise sehr gut aufgestellt und konnten die Chancen nutzen.
Wie wird es wohl in der nächsten Zukunft weitergehen?
Die zukünftige Marktlage schätze ich positiv ein. Die Globalisierung und die zahlreichen neuen Märkte, die sich derzeit öffnen, lassen unsere Wirtschaft in Deutschland weiterwachsen.
… trotz Euro-Krise?
Es ist beunruhigend, wie viel Gewicht die virtuelle Parallelwelt der abgekoppelten Kapitalmärkte hat. Dennoch vertraue ich darauf, dass letztendlich vernünftige Kräfte in Politik und Gesellschaft unsere Wirtschaft vor negativen Einflüssen der Finanzmärkte schützen werden.
Da ist die reale Wirtschaft etwas anderes…
In Branchen wie beispielsweise dem Maschinenbau oder der Automobilindustrie werden Werte geschaffen. Hier ist Pilz zu Hause und eines unserer wichtigsten Unternehmensgrundsätze ist es, in keine finanzielle Abhängigkeiten zu geraten.
Das wichtigste Credo Ihren Kunden gegenüber lautet…?
Unseren Kunden gegenüber verpflichten wir uns zu einem verlässlichen Miteinander. Für Pilz ist eine vom Produktmanagement gepflegte Partnerschaft und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Kunden selbstverständlich. Bei der Ausrichtung unseres Unternehmens entwickeln wir unsere Themen konsequent weiter. Die Systemwelt und die Normenwelt sind komplexe Bereiche, in denen Schulung eine herausragende Rolle spielt. Jede Weiterentwicklung setzt intensives Lernen und Schulen voraus – davon profitieren beide Seiten. Gute Schulung sorgt für einen Know-how-Zuwachs im Unternehmen, zugleich steigt der Ausbildungsstand und Wert der Mitarbeiter, wovon wiederum das Unternehmen profitiert.
Wie ist Ihr persönlicher Führungsstil?
Meine Tochter Susanne, mein Sohn Thomas und ich teilen uns ein Büro, das in der Mitte des Unternehmens liegt, denn wir sehen uns als Teil der Mannschaft. Gemeinsam entwickeln wir das Unternehmen weiter, die Ziele müssen von allen getragen werden.

Was sind typisch weibliche Führungsqualitäten?
Führungsqualitäten sehe ich unabhängig vom Geschlecht, als eine Frage der Persönlichkeit und des Willens. Offenheit und die Bereitschaft aus Erfahrung und von anderen Menschen zu lernen, betrachte ich als wesentliche charakterliche Voraussetzung für Führung.
Jedes Mitglied der Familie Pilz bringt seine eigene Persönlichkeit mit, gemeinsam verfolgen wir das Ziel unser Unternehmen gesund und unseren Werten entsprechend weiterzuentwickeln.
Wie verlief Ihr Einstieg in das Unternehmen?
Bei meinem Eintritt in das Unternehmen war ich den Mitarbeitern völlig unbekannt, vor dem Tod meines Mannes bin ich im Unternehmen nie in Erscheinung getreten. Das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, hat mich dazu verpflichtet, A dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen, und B es wieder zurückzugeben.
Was gefällt bzw. missfällt Ihnen an der Leitung des Unternehmens?
An meiner Rolle gefallen mir die Freiräume unternehmerisch zu gestalten sowie der intensive interkulturelle Kontakt. Ungeduldig macht es mich, wenn manches nicht so schnell umgesetzt wird, wie ich glaube, dass man es tun könnte. Durchwachte Nächte während der Krise gehören daneben zu den negativen Begleiterscheinungen.
Was halten Sie von der Frauenquote?
Eine Frauenquote ist, meiner Meinung nach, nicht zielführend. Es tut jedem Unternehmen gut, wenn beide Geschlechter in führenden Positionen vertreten sind – aber ich möchte keine Quotenfrau sein. Wenn eine Frau den Willen und die passende Ausbildung mitbringt, ist es nur gerecht, wenn sie in dem Bereich, den sie sich vorstellt, arbeiten kann. Wir nehmen sie mit Kusshand.
Grundsätzlich halte ich die Herabstufung von Frauen in ihrer Rolle als ‚nur‘ Hausfrau und Mutter für extrem ungerecht. Sie tragen die größte Verantwortung, die überhaupt vorstellbar ist. Wenn an dieser Stelle nicht die nötige Sorgfalt, Intelligenz und Liebe für die Familie mitgebracht wird, kann das nie mehr nachgeholt werden.
Wie ist die Lage bezüglich der neuen Maschinenrichtlinie?
Unter der neuen Maschinenrichtlinie galten die die EN 954-1 sowie die EN ISO 13849 parallel für die funktionale Sicherheit. Seit Beginn dieses Jahres ist die EN ISO 13849 alleingültig. Nachdem der Termin für die Ablösung erst einmal verschoben worden war, versäumten es viele Unternehmen sich auf die neue Normenlage vorzubereiten und sind dann bei ihrem Inkrafttreten kalt erwischt worden. Unser Schulungsangebot kam genau zum richtigen Zeitpunkt und unsere Kunden weltweit nehmen unsere Schulungen an. Die neue Maschinenrichtlinie gilt zwar, ist aber noch lange nicht flächendeckend umgesetzt und verstanden worden, da gibt es für uns noch viel zu tun.
Das Thema Sicherheit wird immer komplexer…?
Das gesamte Thema der Sicherheitstechnik ist spannend und die benötigten Technologien werden immer anspruchsvoller, das stimmt sicherlich. Gleichzeitig steigen aber die Flexibilität und die Gestaltungsspielräume. Dabei geht es nicht nur um die Beschaffenheit des einzelnen Produktes, sondern genauso wichtig ist der Rahmen in dem es appliziert wird, auch hier ist sehr viel applikationsspezifisches Fachwissen nötig, um ein Optimum zu erreichen.
Wie hoch sind Ihre F&E-Ausgaben?
Rund 30 Prozent unseres Gesamtbudgets investieren wir in Forschung und Entwicklung. Und das tun wir bewusst, weil wir der Überzeugung sind, dass nur Technologieführerschaft die Marktführerschaft sichert.
Welchen Stellenwert hat für Sie die internationale Ausrichtung?
Die frühe Internationalisierung hat uns schon immer vorangebracht. Angefangen hat es mit Österreich, Frankreich, England und den USA. Inzwischen haben wir in 28 Staaten Tochtergesellschaften – Indien ist unsere jüngste Tochtergesellschaft. Überhaupt sind die BRIC-Staaten sehr interessante Märkte für uns, dort sind wir bereits vertreten. Die Bedeutung der sicheren Automatisierungstechnik nimmt in diesen Ländern gerade enorm zu. Die Unternehmen vor Ort begreifen immer mehr, dass sich, vom menschlichen Leid ganz abgesehen, Sicherheit auch wirtschaftlich lohnt.

Wie eng ist Ihr Kontakt zu den Tochtergesellschaften?

Der enge Kontakt zu den Tochtergesellschaften ist mir sehr wichtig und macht mir große Freude. Intensive Gespräche mit den verschiedenen Geschäftsführern führen in der Regel zu vielen neuen Anregungen. Aber auch im eigenen Haus hat Kommunikation einen sehr hohen Stellenwert, unsere Ziele werden immer wieder kommuniziert, die internen Prozesse auf den Prüfstand gestellt, nur so können wir uns weiterentwickeln.