"Es geht darum, jedes Teil der Lieferkette individuell zu behandeln", sagt SAP-Supply-Chain-Experte Hans Thalbauer.

"Es geht darum, jedes Teil der Lieferkette individuell zu behandeln", sagt SAP Supply Chain-Experte Hans Thalbauer. - Bild: Pixabay

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Hans Thalbauer ist immer wieder fasziniert von neuen Geschäftsideen. Dabei kann ihm kaum jemand etwas vormachen. Seit dreizehn Jahren sitzt der Supply Chain-Experte von SAP im Silicon Valley und ist weltweit für Prozesse und Lösungen verantwortlich, die der Chief Supply Chain Officer im Unternehmen benötigt. - Bild: SAP

Produktion: Herr Thalbauer, seit 15 Jahren sind Sie im Silicon Valley. Ist das immer noch eine gute Region, Ideen auf den Weg zu bringen oder hat sich eine gewisse Sättigung eingestellt?

Hans Thalbauer: Auf keinen Fall. In den USA und besonders im Silicon Valley ist es für Start-ups immer noch am einfachsten, Risikokapital zu bekommen. Hier sind die Skills, die Talente und das Geld, um gute Ideen zu entwickeln und zu fördern. Hinzu kommen Experten, die sich mit der Finanzierung von Ideen auskennen.

Deshalb ist SAP beispielsweise mit Sapphire Ventures und SAP.iO auch vor Ort – einerseits um Vorhaben zu unterstützen, die bereits einige Finanzierungsrunden erfolgreich hinter sich haben und kleine Start-ups, die ihre ersten Ideen auf den Weg bringen wollen. Im Valley auf dem Highway 101 zwischen San José und San Francisco findet man jedes Tech-Unternehmen, das man kennt – von Google, über eBay bis Facebook.

Gerade aufgrund der permanent verstopften Straßen zieht es immer mehr Start-ups in die Stadt. Die Mieten und die Kosten für das Wohnen in der Stadt sind allerdings unglaublich hoch. Das ist einer der Gründe dafür, dass sich Start-ups andere Städte und Regionen suchen. Dazu kommen natürlich gezielte Programme von Staaten und Regionen, die ihr eigenes Silicon Valley aufbauen möchten und das gezielt fördern – wie etwa auch Berlin.

Produktion: Mit Geschäftsideen tun sich deutsche Unternehmen eher schwer – so Ergebnisse von Studien über Industrie 4.0. Effizienz und Produktivität sind wichtiger als Produkte zu entwickeln oder gar neue Geschäftsmodelle. Woran liegt das?

Thalbauer: Deutsche Unternehmen sind in Sachen Industrie 4.0 sehr weit vorne und schätzen möglicherweise ihre Lösungen nicht so hoch ein. Meine Gespräche bestätigen immer wieder, dass Deutschland als Vorbild für Industrie 4.0 angesehen wird – besonders im Bereich der Produktion und Lieferkette.

Unternehmen unter anderem aus Asien und Lateinamerika reisen nach Deutschland, um von deutschen Firmen zu lernen, wie sie ihre Lieferkette organisieren oder Produktionen planen sollten. Kein Wunder: Denn die Diskussionen um Industrie 4.0 sind in Deutschland sehr früh gestartet und gehen nun bereits zunehmend in die Umsetzung.

Produktion: Auf dem SAP Forum SCM-Planung sprachen Sie von der Digital Supply Chain of One. Das klingt nach „Segment for One“ für Prozesse in der Lieferkette. Was verbirgt sich dahinter?

Thalbauer: Es geht darum, jedes Teil der Lieferkette individuell zu behandeln. Das bedeutet etwa, jeden Kunden, jede Maschine und jedes Produkt für sich betrachten zu können.

Voraussetzung dafür ist allerdings, den Kunden und dessen Bedarfe genau zu kennen, ein Stück weit vorherzusehen, was er künftig konkret nachfragen wird, die Produktion über dynamisches Routing der Arbeitsschritte zu automatisieren und die reale Welt abzubilden – etwa über ein Netzwerk an digitalen Zwillingen.

Es ist derzeit spannend zu beobachten, dass sehr viele digitale Geschäftsmodelle entstehen, die eine digitale Lieferkette erfordern. Die Lieferkette – so viel ist klar – muss schneller und individueller werden. Das leistet die Digital Supply Chain of One.

Produktion: Was bedeutet das etwa für einen Konsumgüterhersteller, einen Logistiker und einen Fertiger?

Thalbauer: Alle Beteiligten der Lieferkette befinden sich derzeit in der Transformation – vom Konsumgüterhersteller, über den Einzelhändler, den Logistiker, Fertiger bis zum Service-Anbieter. Ein Konsumgüterhersteller etwa vertreibt seine Produkte nicht mehr ausschließlich über Händler, sondern auch online – „direct to the customer“.

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Er betreibt seine eigene Online-Plattform, wodurch er auch für die logistische Abwicklung sorgen muss. Ein Logistiker kann sich nicht mehr darauf beschränken, Waren zu liefern, da große Unternehmen zunehmend das Transportmanagement selbst organisieren und managen.

Unternehmen wie das US-Logistikunternehmen UPS richten deshalb Produktionsstätten ein, in denen sie Bauteile über 3-D-Druck selbst fertigen und versenden. In diesen so genannten World Ports kann der Kunde bis 23 Uhr abends bestellen und um ein Uhr ist die Sendung dann bereits abflugbereit. Gefertigt wird „nur“ bei Bedarf. Auch Fertiger sind unter Druck.

Entweder produzieren sie schneller oder sie entwickeln neue Geschäftsmodelle. Ein australischer Möbelhersteller liefert individuelle Produkte bereits vier Stunden nach der Online-Bestellung. Anderen Produzenten geht es künftig weniger um ihre Produkte, als vielmehr um Services. Sie verkaufen „Mobilität“ und nicht Autos, Leistung statt Maschinen. Die Beispiele zeigen: Prozesse verändern sich, was sich direkt auf die Lieferkette auswirkt.

Produktion: Welchen Ansatz hat die SAP, diesen Anforderungen – „individueller, schneller“ – gerecht zu werden?

Thalbauer: Wir haben vier verschiedene Systeme im Einsatz. Das System of Records basiert auf dem digitalen Kern (SAP S/4HANA), der die Stammdaten enthält, Transaktionen bewältigt und die Finanzprozesse abbildet – ohne dass Replikationen von Daten nötig werden. Transport- und Lagermanagement sowie die Planung sind wichtige Bestandteile unserer Standardplattform, der Supply Chain Execution Platform.

Das System of Differentiation stellt Regeln auf, nach denen das Management der Lieferkette abläuft. Es basiert auf SAP Integrated Business Planning (SAP IBP), ein Planungstool für das Lieferkettenmanagement, das Anforderungen aus Marketing, Vertrieb und Produktion zusammenbringt. Das System of Engagement fußt auf der Idee, im Netzwerk Bedarfe und Anforderungen bewältigen zu können. SAP Ariba dockt direkt an den digitalen Kern an und bietet direkte Anbindung an ein weltweites Lieferanten-, Produzenten- und Logistiknetzwerk.

Das System of Innovation schafft eine digitale Abbildung der realen Welt. In dessen Zentrum steht SAP Leonardo, dessen Aufgabe darin besteht, schnell individuelle Anforderungen in der Cloud (SAP Cloud Platform) entwickeln zu können. Das Besondere an der Strategie, die SAP verfolgt, liegt darin, dass sie eine möglichst komplette Vernetzung ermöglicht, gleichzeitig aber die Entscheidungsfähigkeit den Menschen überlässt.

Weitere Informationen

Am 6. November 2018 findet der SAP Infotag Lager- und Transportmanagement in Wiesbaden statt.

Produktion: Inwiefern profitiert der Kunde von der Transformation?

Thalbauer: Letztlich sollen die Veränderungen dazu dienen, den Kunden individueller und schneller zu bedienen. Alibaba beispielsweise belädt seit kurzem Laster, die exakt mit den Produkten gefüllt sind, die kurzfristig voraussichtlich nachgefragt werden. Gibt es eine Großveranstaltung in der Nähe und wird das Wetter gut, wird das Sortiment adhoc angepasst. Wird es dann bestellt, ist die Lieferung schon unterwegs.

In der Regel ist es ja so: Je größer ein Händler ist, umso mehr segmentiert er seine Kunden und umso weniger individuell bedient er sie. Das wird sich ändern, nicht zuletzt auch durch Einsatz von maschinellem Lernen. Hinter „Demand Sensing“ etwa steht ein Algorithmus, der historische Daten hinzuzieht, um kurzfristige Bedarfsprognosen zu machen. Übliche Vorhersagen bieten bis jetzt lediglich eine Sicherheit von durchschnittlich 65 Prozent.

Besonders für kurzfristige Prognosen erhöht Demand Sensing die Wahrscheinlichkeit einer treffsicheren Prognose um zehn bis 15 Prozent. Auch „Demand-Driven MRP“, die bedarfsgesteuerte Planung, kann zusätzlich unterstützen, um der Vision einer automatisierten Lieferkette näher zu kommen. Wir nennen sie „touchless Supply Chain“.