Hansjürgen Horter, Senior Vice President Technology & Development, Pilz GmbH & Co. KG

Hansjürgen Horter ist Senior Vice President Technology & Development bei Pilz. - Bild: Pilz

Herr Horter, Pilz arbeitet an textilen Sensoren für die Industrie, worum geht es dabei?

Zunächst geht es darum, die Sicherheit bei der Mensch-Maschine-Kollaboration zu verbessern oder zu ermöglichen. Zusätzlich können mit textilen Sensoren in der Industrie neue Schaltfunktionen sowie neue Anlagen- und Maschinenbedienkonzepte entwickelt und umgesetzt werden. Wir wollen mit solchen Innovationen unsere Rolle als Pionier der sicheren Automatisierungstechnik unterstreichen. Textile Sensoren ermöglichen eine Verwendung als Flächenelement bei ebenen oder bei gewölbten oder konkaven Oberflächen. Insbesondere textile taktile Sensoren eignen sich gut dafür, auf Druckkontakt schalt- beziehungsweise sicherheitstechnisch Stoppfunktionen auszulösen. Bei entsprechendem Design des Textiles sind beispielsweise innerhalb einer Fläche ortsauflösende Schalteigenschaften möglich.

Ist die Technologie schon marktreif?

Ja, Pilz bietet als Produktneuheit einen ortsauflösenden textilen Sensor in Form einer dynamischen Schaltmatte, PSENmat, an, die in einem Sensor die Flächenüberwachung mit der Bedienung von Anlagen oder Maschinen vereint.

Beispielsweise stoppen Maschinen und Anlagen genauso wie Roboter oder fahren langsamer, wenn jemand beim Eintritt in den Gefahrenbereich auf die Schaltmatte tritt. PSENmat kann nicht nur als Sicherheitsschaltmatte eingesetzt werden, sondern über ihre Ortsdetektion zusätzlich als frei parametrisierbares Bedien- und Quittiergerät oder zur Anzeige der Position bzw. der Gehbewegung zur Maschine hin bzw. von ihr weg. Die Sensormatte funktioniert auch in schmutziger, staubiger, dunkler oder sehr heller Umgebung. Aktuelle Anwendungsmöglichkeiten sind beispielsweise bei der Mensch-Maschine- Kollaboration, der Mensch-Roboter-Kollaboration, der barrierefreien Absicherung bei langen oder großflächigen Anlagen sowie der Zugangsüberwachung von Bereichen zu sehen. 

Was plant Pilz für die Zukunft? Gibt es weitere Anwendungsgebiete?

Die Anwendungsgebiete für textile taktile Sensoren in Form der Sensormatte sind weitreichend: vom industriellen Einsatz über Einsatzmöglichkeiten im Transport- und Logistikbereich, unter anderen bei der Absicherung von Personen bei gemeinsam mit fahrerlosen Transportsystemen genutzten innerbetrieblichen Wegen. Auch bei der Bahnsteigabsicherung zum Beispiel bei U-Bahnen bis hin in den Freizeit- und Betreuungsbereich etwa bei Kreuzfahrtschiffen und im betreutem Wohnen zur Notfallerkennung – wenn jemand hinfällt und nicht mehr alleine aufstehen kann – ist vieles möglich.

Weitere große Anwendungsfelder ergeben sich bei der Ausnutzung der Biegeschlaffheit des textilen taktilen Sensors. Damit können räumliche Strukturen mit einer sensorischen Haut überzogen werden, beispielsweise Manipulatoren und Roboter, insbesondere bedeutend bei der Mensch-Roboter-Kollaboration, Schlagwort: Roboterhaut.


 

Pilz dynamische Schaltmatte
Mit der dynamischen Schaltmatte lassen sich komplett neuartige Bedienkonzepte umsetzen, zum Beispiel auch bei Roboterapplikationen. - Bild: Pilz

Und noch weiter gedacht: Was könnten smarte technische Textilien eines Tages leisten?

Smarte technische Textilien haben in Zukunft ein großes wirtschaftliches Potential. Dies kann aber nur Realität werden, wenn Visionen in Entwicklungsarbeit und Produkte umgesetzt werden. Exemplarisch ein paar Visionen in näherer und weiterer Zukunft: Über Schalt- und Sicherheitsfunktionen an Maschinen hinaus werden neue Bedienkonzepte realisiert. Vorstellbar sind zum Beispiel Gestensteuerungen über Arbeitshandschuhe zur Unterstützung des Werkers bei Tätigkeiten mit verschmutzen, klebrigen, abfärbenden Materialien.

Textile Materialien haben nicht nur sensorische Eigenschaften, sondern auch aktorische Fähigkeiten. Damit können beispielsweise. kostengünstige Linearaktoren, Greifer, Werkzeughalterungen mit weniger mechanischen Bauteilen entwickelt werden. Sensorische und aktorische textile Exoskelette unterstützen Personen, die schwere Lasten heben, bewegen müssen, zum Teil in ungünstigen Haltungen, beispielweise beim Kommissionieren von Teilen, bei der Montage von großen Baugruppen oder aber auch Pflegekräfte bei der Pflege von bettlägerigen Personen sowie bewegungsbehinderte Personen.