Die deutsche Wirtschaft befindet sich nach Einschätzung der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute im Aufschwung und wird deutlich stärker wachsen als in ihrem Frühjahrsgutachten prognostiziert.

BERLIN (Dow Jones/ks)–Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2010 um 3,5% statt der zuvor vorausgesagten 1,5% steigen, wie aus dem am Donnerstag in Berlin veröffentlichten Herbstgutachten der Institute hervorgeht.

2011 werde die Wachstumsdynamik in Deutschland vor allem wegen der geringeren weltwirtschaftlichen Expansion nachlassen, es werde aber immer noch ein kräftigeres Wachstum als bislang angenommen erreicht. Die Institute prognostizieren nun für das kommende Jahr einen BIP-Anstieg um 2,0% (zuvor: 1,4%). Wegen des abnehmenden weltwirtschaftlichen Wachstumstempos werde der Außenhandel 2011 kaum noch zum deutschen BIP-Anstieg beitragen, sondern in erster Linie die Inlandsnachfrage. Stimuliert werde diese durch eine weitere Verbesserung der Arbeitsmarktlage.

Insgesamt sei die deutsche Wirtschaft auf gutem Weg, den krisenbedingten Produktionseinbruch wettzumachen, heißt es im Gutachten. Dabei habe die Erholung an Breite gewonnen. Das Wachstum werde nicht mehr allein vom Anstieg der Exporte und einem Umschwung bei den Lagerinvestitionen getrieben. Vielmehr sei auch die Binnenkonjunktur im Jahresverlauf 2010 angesprungen.

Im Prognosezeitraum erwarten die Forscher für 2010 einen Anstieg bei den deutschen Exporten um 15,3% und für 2011 von 7,1%. Die Einfuhren dürften 2010 um 14,0% und 2011 um 7,4% zulegen.

Die Kaufzurückhaltung scheint aus Sicht der Forscher überwunden worden zu sein. Bei fortgesetzt steigenden Realeinkommen dürfte es in der zweiten Hälfte des Jahres 2010 zu einem weiteren Plus kommen. Wegen des niedrigen Niveaus zu Jahresbeginn ergibt sich für das Gesamtjahr 2010 allerdings nur ein Anstieg der privaten Konsumausgaben um 0,1%. Im kommenden Jahr jedoch dürften diese um 1,4% zulegen. Der Preisauftrieb dürfte im Prognosezeitraum zunehmen. 2010 erwarten die Experten einen Anstieg der Verbraucherpreise von 1,1% und 2011 von 1,6%.

Die Zahl der Arbeitslosen wird den Instituten zufolge 2010 im Jahresschnitt auf 3,234 Millionen Personen sinken. 2011 sei im Schnitt mit 2,934 Millionen Arbeitslosen zu rechnen, damit würde ihre Zahl erstmals seit 1992 unter 3 Millionen im Jahresdurchschnitt sinken. Die Arbeitslosenquote verringere sich nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit auf 7,0%. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt aus Sicht der Gutachter 2010 auf im Schnitt 40,365 Millionen Personen und 2011 dann weiter auf 40,595 Millionen Personen.

Mit der kräftigen konjunkturellen Erholung wird die Zunahme des Budgetdefizits des Staates gebremst. Die Defizitquote fällt allerdings mit 3,8% des BIP im laufenden Jahr deutlich höher aus als im Jahr 2009, da die Finanzpolitik 2010 noch expansiv ausgerichtet war. Als Folge der Konsolidierungsmaßnahmen und des Auslaufens der Konjunkturprogramme, aber auch konjunkturbedingt dürfte die Defizitquote im kommenden Jahr bei 2,7% liegen und damit unterhalb der im Maastricht-Vertrag geforderten 3%-Grenze für die Neuverschuldung bleiben.

Für die Prognose bestehen aus Sicht der Konjunkturexperten der Institute beträchtliche Risiken. Die Wahrscheinlichkeit sei keineswegs gering, dass die USA erneut in eine Rezession geraten könnten. Zudem könnte es in China als Folge von Übersteigerungen an den dortigen Immobilienmärkten zu einer massiven Korrektur kommen. Auch die Schulden- und Vertrauenskrise einiger Staaten im Euroraum sei keineswegs ausgestanden.

Die Institute haben ihrer Prognose die Annahmen zugrunde gelegt, dass der Rohölpreis 2010 bei 78 Dollar je Barrel und 2011 bei 80 Dollar je Barrel liegen wird. Zudem gehen die Institute im Prognosezeitraum von einem Eurokurs von 1,35 Dollar aus. Bei einer weiteren Konjunkturstabilisierung erwarten die Institute Ende 2011 eine Erhöhung der Leitzinsen um 25 Basispunkte.