(Bild: Thomas Reimer - Fotolia).

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Von Andreas Kißler, Dow Jones Newswires

BERLIN (ks)–Im laufenden Jahr werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dank des kräftigen Aufholwachstums in den vergangenen Quartalen allerdings noch um 2,8% gegenüber dem Vorjahr zulegen. Im Juli hatten die DIW-Experten noch 1,8% Wachstum für nächstes Jahr und 3,2% für dieses prognostiziert. Als Grund für den Wachstumsrückgang nannten sie nun eine “zunehmende Verunsicherung der Verbraucher und Unternehmen, die im Winterhalbjahr auf die Produktion durchschlägt”. Damit dürften auch die Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt nachlassen.

Am Mittwoch hatte bereits das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) seine Prognosen für das deutsche Wachstum deutlich gesenkt und prognostiziert, das BIP werde 2012 nur um 0,7% zunehmen. 2011 werde die deutsche Wirtschaft zwar noch um 3,2% wachsen, was jedoch wesentlich auf die sehr gute Entwicklung im ersten Quartal zurückgehe, hatte das Konjunkturinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erklärt.

Das DIW betonte am Donnerstag, die gedämpfte wirtschaftliche Entwicklung erschwere auch die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen. “In den USA bleibt die Haushaltslage schwierig, die Eurokrise ufert aus, das wahrgenommene Risiko steigt”, konstatierte das Institut. Die Maßnahmen zur Konsolidierung der Staatsfinanzen dämpften vielerorts die Konjunktur, und die massiven Kursrückgänge an den Aktienmärkten erschwerten die Finanzierung von Investitionen.

Ein Ende der Schuldenkrise im Euroraum sei bisher nicht abzusehen, die Strukturprobleme der Eurozone drohten vielmehr, sich zu einer Dauerkrise auszuwachsen. All das verdüstere die Aussichten für die Weltwirtschaft. Sowohl im laufenden als auch im kommenden Jahr werde sie um rund 4% wachsen. “Die Zeit des großen Aufschwungs ist vorbei”, sagte DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner. Vor allem in den westlichen Industrieländern dürfte die Wirtschaft “gefährlich nahe an eine Stagnation herankommen”.

Für den Euroraum prognostizierte das Institut ein BIP-Wachstum von 1,7% in diesem und 0,8% im kommenden Jahr und eine Inflationsrate von 2,4% dieses und 1,8% kommendes Jahr.

Baldige Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) erwartet das DIW aber nicht. Aufgrund der sich abzeichnenden Abschwächung des konjunkturellen Verlaufs in den kommenden Quartalen und eines abflauenden Preisdrucks sei zwar im Prognosezeitraum “mit keiner weiteren geldpolitischen Straffung mehr” zu rechnen. “Zinssenkungen sind aber unwahrscheinlich, denn die EZB wird zur Verbesserung ihrer Reputation vermeiden, sich dem Verdacht einer allzu lockeren Geldpolitik auszusetzen”, betonte das DIW. “Zum jetzigen Zeitpunkt ist es auch nicht angemessen und geboten, die Zinsen zu senken”, sagte Fichtner bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Fichtner erwartet zudem nicht, dass Griechenland seine Schulden zurückzahlen kann. “Einen Königsweg aus dieser Krise gibt es nicht”, hob er hervor. “Wir glauben, dass ein konsequenter Schuldenschnitt vielleicht die beste Lösung ist, auch wenn er vielleicht mit erheblichen Gefahren verbunden ist”, sagte er und warnte, die Stabilität des Bankensektors könnte in diesem Fall “ernsthaft in Gefahr geraten”.

Die Unsicherheiten schlügen zunehmend auch auf die deutsche Wirtschaft durch. “Die Stimmungsindikatoren haben sich bedenklich verschlechtert”, beklagte DIW-Deutschlandexperte Simon Junker. Auch wenn sich die deutsche Wirtschaft bisher noch recht robust gezeigt habe, werde die große Verunsicherung der Unternehmen und Verbraucher doch ihren Tribut von der Realwirtschaft fordern. Gebe es nicht bald eine glaubwürdige Lösung der Schuldenkrise, würden “sich die Verbraucher beim Konsum zurückhalten und die Unternehmen ihre Investitionen auf Eis legen”.

Das DIW rechne daher vor allem in den nächsten Quartalen mit einem deutlich gedämpften Wachstum in Deutschland. Die Arbeitslosenquote werde zunächst nicht weiter zurückgehen und in diesem sowie im nächsten Jahr bei 7,1% verharren. Die Zahl der Arbeitslosen sah das Institut in beiden Jahren bei rund 2,978 Millionen. Die Beschäftigung wird nach Einschätzung der Berliner Konjunkturforscher vorübergehend sogar leicht zurückgehen. Für den privaten Konsum sahen sie 2011 und 2012 Zuwächse von 0,9% bzw 0,8%.

Grundsätzlich sah das DIW die deutsche Wirtschaft in guter Verfassung. Durch die Spezialisierung auf Investitionsgüter und die hohe Wettbewerbsfähigkeit hätten sich die deutschen Unternehmen einen größeren Anteil auf den Weltmärkten gesichert, vor allem in den stark wachsenden Schwellenländern. Doch der Abkühlung auf den Weltmärkten und der Verunsicherung könne sich auch die Exportwirtschaft nicht entziehen. “Die Exportzuwächse werden im nächsten Jahr spürbar geringer ausfallen als in den zwei Jahren zuvor”, erklärte das Institut und prognostizierte eine Zunahme der Ausfuhren und der Einfuhren um jeweils 4,0% im Jahr 2012 nach Zuwächsen beim Export um 8,2% und beim Import um 7,7% in diesem Jahr.