Das ifo Institut für Wirtschaftsforschung hat eine weiter aufwärts gerichtete konjunkturelle Grundtendenz in Deutschland festgestellt und seine Wachstumsprognose für dieses Jahr auf 2,1% angehoben.
MÜNCHEN/BERLIN (Dow Jones/ks)–”Die Auftriebskräfte verlagern sich nach Deutschland”, stellten die Münchener Wirtschaftsforscher am Mittwoch in ihrem jüngsten Konjunkturbericht fest und sagten für 2011 eine Zunahme des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 1,5% voraus.
Für die Prognose ging das ifo Institut davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins bis Mitte 2011 auf dem gegenwärtigen Niveau von 1,0% belässt und die Finanzpolitik ab dem Jahr 2011 auf einen Konsolidierungskurs einschwenkt. Die Münchener Ökonomen rechneten für den Prognosezeitraum mit einem Euro-Wechselkurs von “etwa 1,20″ Dollar/Euro und einem Ölpreis von 79 Dollar je Barrel.
Am Vormittag hatte bereits das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) seine Prognose für das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr auf 1,9% und im kommenden Jahr auf 1,7% erhöht. Mitte April hatten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, zu denen auch ifo und RWI zählen, noch eine Zunahme des BIP um 1,5% in diesem und um 1,4% im nächsten Jahr vorhergesagt. In seiner vorausgegangenen eigenen Prognose im Dezember 2009 hatte das ifo Institut für 2010 einen BIP-Zuwachs um 1,7% und für 2011 ein Wachstum von 1,2% veranschlagt.
Das Institut erklärte, im Winterhalbjahr hätten Sonderfaktoren die Produktion merklich gedämpft. “Vorlaufende Indikatoren wie das das ifo Geschäftsklima zeigen jedoch, dass die konjunkturelle Grundtendenz der deutschen Wirtschaft nach wie vor aufwärts gerichtet ist”, betonten die Ökonomen aber. Getrieben werde die Erholung von den Exporten, befördert durch die Nachfrage besonders aus Asien.
Die deutsche Wirtschaft, die aufgrund ihrer Exportorientierung besonders von der Rezession betroffen gewesen sei, profitiere nun auch besonders von der weltweiten Erholung. Für das zweite Quartal 2010 veranschlagten die Ökonomen ein saison- und arbeitstäglich bereinigtes BIP-Wachstum von 1,1% gegenüber dem Vorquartal und für das dritte Vierteljahr von 0,5%.
“Im kommenden Jahr wird zudem die Binnenkonjunktur etwas an Fahrt gewinnen”, sagten die Ökonomen voraus. Zwar schwenke die Regierung mit ihren Sparbeschlüssen auf einen Konsolidierungspfad ein, und die Konjunkturprogramme liefen aus, dem stehe jedoch das positive Signal gegenüber, dass der deutsche Staat seine Haushalte im Einklang mit der Schuldenbremse zu sanieren beginne.
In einer Zeit großen Misstrauens gegenüber öffentlichen Schuldnern dürfte dies nach Erwartung des ifo Instituts “einen expansiven Vertrauenseffekt auf die deutschen Konsumenten und Investoren haben”, die zudem auch weiter von extrem niedrigen Zinsen profitierten.
Das ifo Institut sah deshalb eine Zunahme des privaten Konsums um 0,7% im Jahr 2011 nach einem Rückgang von 1,0% im laufenden Jahr. Die Teuerung in Deutschland erwarteten die Ökonomen 2010 bei 1,1% und 2011 bei 1,5%. Für die Exporte veranschlagten sie eine Steigerung um 10,8% in diesem und 7,3% im kommenden Jahr und für die Importe einen Zuwachs von 8,8% im Jahr 2010 und 6,2% im Jahr 2011.
Die konjunkturelle Erholung werde auch auf den Arbeitsmarkt ausstrahlen, und im Schnitt dieses Jahres dürfte die Erwerbstätigenzahl nach ifo-Berechnungen um 80.000 sowie im nächsten Jahr um 120.000 steigen. Die Zahl der Arbeitslosen werde dagegen 2010 und 2011 jeweils um 190.000 auf 3,233 Millionen und dann 3,043 Millionen sinken. Das staatliche Budgetdefizit betrage 2010 voraussichtlich 4,2% des nominalen BIP und werde 2011 aufgrund der weiteren wirtschaftlichen Erholung und damit verbundenen günstigeren Lage am Arbeitsmarkt auf 3,4% sinken.
Die erwartete Verlagerung von Auftriebskräften nach Deutschland sah das Institut als Folge der jüngsten Finanzkrise. Deutschland dürfte demnach “mittelfristig einen investitionsgetriebenen Aufschwung durchleben, weil wieder mehr Sparkapital zu Hause investiert wird”. Insbesondere der Immobilienbereich dürfte profitieren, womit das Wachstum zunehme, während der Außenhandelsüberschuss sinke. “Die Krise hat quasi einen Kippschalter der Kapitalmärkte umgelegt, der die Wachstumskräfte, die sich unter dem Euro in die Länder der südwestlichen Peripherie Europas verlagert hatten, wieder in Deutschland erstarken lässt”, so die Ökonomen.
Da die Notenbankzinsen aufgrund der schwachen Wirtschaftsentwicklung im Euroraum insgesamt auf einem aus Sicht der Überschussländer niedrigen Niveau bleiben dürften, dürfte speziell die deutsche Binnennachfrage profitieren, während die Risikoaufschläge in den Schuldenländern den Effekt der niedrigen Notenbankzinsen vermutlich mehr als kompensierten. In Deutschland sei deswegen mit einem Anziehen der Wohnungsbauinvestitionen zu rechnen, aber auch die Unternehmensinvestitionen, der private Konsum und damit die Importnachfrage würden gestützt. Dies dürfte “schneller steigende Löhne und Preise nach sich ziehen”.