Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist weniger stark gesunken als erwartet, einen Rezession in Deutschland

Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist weniger stark gesunken als erwartet, einen Rezession in Deutschland erscheint demzufolge recht unwahrscheinlich (Bild: imageteam - Fotolia.com).

von Hans Bentzien und Andreas Kißler

MÜNCHEN (Dow Jones/ks)–Wie das Münchener Ifo- Institut für Wirtschaftsforschung am Montag im Rahmen seines monatlichen Konjunkturtests mitteilte, fiel der Geschäftsklimaindex auf 107,5 Punkte, nachdem er im Vormonat bei 108,7 gelegen hatte. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte hatten einen Rückgang auf 106,5 erwartet. Der wichtigste deutsche Konjunkturfrühindikator liegt damit auf dem niedrigsten Stand seit Juni 2010.

Der Index zur Beurteilung der aktuellen Lage der rund 7.000 befragten Unternehmen sank im September auf 117,9 Punkte, im Vormonat hatte er bei 118,1 notiert. Die Prognose der Ökonomen hatte auf einen Stand von 115,9 gelautet. Der Index für die Geschäftserwartungen wurde auf 98,0 Zähler nach revidiert 100,0 (vorläufig: 100,1) im Vormonat beziffert, während die befragten Volkswirte einen Rückgang auf 97,0 erwartet hatten.

An den Finanzmärkten löste der Ifo-Index nur gedämpfte Reaktionen aus. Euro stieg von 1,3420 auf 1,3460 Euro/Dollar, der DAX kletterte auf ein Tageshoch von 5.272 Punkten.

“Die Erwartungen der Unternehmen hinsichtlich des Geschäftsverlaufs im kommenden halben Jahr haben sich weiterhin beträchtlich eingetrübt. Indes wird die gegenwärtige Geschäftslage als ähnlich gut wie im Vormonat bewertet”, konstatierten die Konjunkturforscher. Die weiterhin gute Lage der Unternehmen zeige, dass sich die deutsche Konjunktur bislang von den politischen Turbulenzen habe abkoppeln können.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) konstatierte gewachsene Risiken, verwies aber zugleich auf stabilisierende Faktoren für die deutsche Wirtschaft. “Zwar sind die Risiken erheblich gestiegen, gleichwohl steht Deutschland derzeit nicht vor einer Rezession, sondern vor einer Phase ruhigeren Wachstums”, erklärte Rösler in einer Mitteilung in Berlin.

Für 2012 prognostiziere der Internationale Währungsfonds aber wieder ein weltwirtschaftliches Wachstum von 4,0% und für die Schwellenländer sogar von über 6%. “Die nach wie vor sehr wettbewerbsfähige deutsche Wirtschaft wird hierdurch neue Impulse erhalten”, erwartete Rösler. “Die gefestigte Binnennachfrage wird ebenfalls zur Stabilisierung beitragen.”

Ifo-Volkswirt Klaus Abberger sah in den Ergebnissen der Befragung “klare und deutliche Anzeichen einer Abkühlung” der konjunkturellen Situation. “Ich denke, dass die Abkühlung stärker ausfällt, als man noch im Frühjahr gedacht hat, einfach weil sich das internationale Umfeld doch schwieriger darstellt”, sagte der Ifo-Ökonom. “Man stellt sich auf eine Abkühlung ein, aber nicht auf ein Katastrophenszenario”, betonte er aber auch. “Größter Unsicherheitsfaktor” sei, was passiere, wenn sich die Finanzkrise verschärfe und es zum Beispiel zu einer Insolvenz Griechenlands oder anderer Länder käme.

Bankvolkswirte äußerten sich erleichtert über den unerwartet schwachen Rückgang des Geschäftsklimas. Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, sagte: “Die Indexentwicklung stützt die Erwartung, dass das Wachstum im dritten Quartal wieder anziehen wird. Der Rückgang der Erwartungen zeigt aber auch, dass die Konjunktursorgen mit Blick auf das vierte Quartal weiterhin angebracht sind.” Die wirtschaftliche Situation sei besser als das, was derzeit in den Medien zum Teil zu hören sei. Auch lägen die Geschäftserwartungen mit 98,0 nur um 2,7 Punkte unter dem Durchschnittswert der vergangenen 15 Jahre.

ING-Volkswirt Carsten Brzeski sagte, die Entwicklung des Ifo-Index dürfte die aktuellen Rezessionssorgen zunächst dämpfen. Sie sei aber auch eine klare Warnung an die deutschen Politiker, dass ein solides Wirtschaftswachstum nicht garantiert sei. “In den nächsten Monaten könnten erneut Diskussionen über mögliche Konjunkturprogramme aufkommen”, meinte er.

Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sollte der unerwartet schwache Indexrückgang nicht den Blick dafür verstellen, dass der entscheidende Fünf-Monats-Durchschnitt dieses wichtigen Indikators seit Juli ungewöhnlich stark falle. “Dies gilt erst recht für den deutschen Einkaufsmanagerindex im verarbeitenden Gewerbe, der zuletzt auf einen Wert von 50,0 eingebrochen war. Der entsprechende Einkaufsmanagerindex für den Euroraum liegt sogar bei nur noch 48,4 Punkten und ist nicht mehr weit von Niveaus entfernt, die üblicherweise in Rezessionen zu beobachten sind”, erinnerte Krämer, der seine deutsche Wachstumsprognose von 1,5% für 2012 mit “erheblichen Abwärtsrisiken” behaftet sieht.