BERLIN (Dow Jones/ks)–”Das Gegenteil ist der Fall”, erklärte IMK-Ökonomin Sabine Stephan, die Autorin der am Donnerstag veröffentlichten Studie. So sei das Wachstum in Deutschland im Durchschnitt des vergangenen Jahrzehnts zum Beispiel deutlich schwächer ausgefallen als in Frankreich.

Unter dem Strich habe Deutschland mit seiner Fokussierung auf den Export “die Wachstumschancen einer stärker binnenwirtschaftlichen Ausrichtung nicht genutzt”, konstatierte Stephan. “Bei einer Stärkung der binnenwirtschaftlichen Nachfrage würde Deutschland weiterhin von den Chancen des Außenhandels profitieren, könnte aber zugleich seine Abhängigkeit vom Ausland deutlich reduzieren”, erklärte die IMK-Forscherin.

Die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen 15 Jahren laut der Erhebung “eine Sonderentwicklung in Europa genommen”. Der deutsche Außenhandel sei enorm gewachsen – zwischen 1995 und 2008 um 136%. Besonders stark zugenommen habe der Austausch von Waren und Dienstleistungen mit den Staaten Osteuropas und mit China. Die Exportquote, der Anteil der Ausfuhren am deutschen Bruttoinlandsprodukt, habe sich zwischen 1995 und 2008 von 24% auf 47% fast verdoppelt. Trotz seiner Größe sei Deutschland damit mittlerweile ähnlich stark in den internationalen Handel verwoben wie typischerweise kleine Länder, etwa die Niederlande oder Österreich.

Die Analyse des deutschen Außenhandels zeige auch, dass sich die deutschen Ausfuhren weitaus stärker entwickelt hätten als die Importe: Während die Exporte zwischen 1995 und 2008 um 159% zugenommen hätten, seien die Einfuhren lediglich um 114% gestiegen. “Vor allem seit der Jahrtausendwende wuchs der deutsche Exportüberschuss sprunghaft”, erklärte das IMK. Zwischen 2000 und 2008 habe er sich um mehr als das 20-fache von 7,3 Mrd Euro auf 166 Mrd Euro erhöht.

Für ihre Studie hat Stephan die Außenhandelsdaten des Statistischen Bundesamtes der Jahre 1995 und 2008 miteinander verglichen. Zusätzlich dazu analysierte die Expertin den Angaben zufolge das Krisenjahr 2009. Demnach expandierte der deutsche Außenhandel bis 2008 um durchschnittlich 6,9% pro Jahr und wuchs damit weitaus kräftiger als die Wirtschaft insgesamt, die im Jahresmittel um 1,6% zulegte.

Drastisch erhöht habe sich der so genannte Offenheitsgrad der deutschen Wirtschaft, ein Maß für die außenwirtschaftliche Verflechtung, die die Summe der Exporte und Importe ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt setzt: Von weniger als 50% im Jahr 1995 sei er auf fast 90% im Jahr 2008 gestiegen. Die außenwirtschaftliche Orientierung lasse Deutschland aktuell von der starken Dynamik im Welthandel profitieren, sie mache aber zugleich verwundbar für außenwirtschaftliche Schocks, betonte Stephan.