"Heute stehen wir phantastisch da, weil das Preis-Leistungsverhältnis der deutschen Waren hervorragend ist", sagte der Präsident des Ifo Instituts Hans-Werner Sinn auf dem AWK (Bild: RWTH Aachen).

Der Boom in Deutschland ist investitionsgetragen, analysierte Professor Sinn auf dem Aachener Werkzeugmaschinen Kolloquium. Heute investieren die Banken nur noch wenig im Ausland, die Kredite an deutsche Firmen sprudeln.

Gunnar Knüpffer

AACHEN. Warum wächst Deutschland so stark? Weil hier zu Lande wieder investiert wird. Zu diesem Ergebnis kam Ifo-Chef Professor Hans-Werner Sinn auf dem Aachener Werkzeugmaschinen Kolloquium. Zu dem Wirtschaftswachstum im Jahr 2010 von 3,6 % trugen Bruttoinvestitionen in Höhe von 1,7 Prozentpunkten bei.  Exporte und Importe zusammen machten dagegen nur 1,3 Prozentpunkte des Wachstums aus.
Banken und Versicherungen haben nach der Analyse von Sinn derzeit einen gewaltigen Anlagenotstand. Aufsichtsräte würden nach der Finanzkrise nicht mehr riesige Investments im Ausland genehmigen, zum Beispiel für den spanischen Häuserbau. „Die Finanzinstitute wissen nicht wohin mit dem Geld“, sagte Sinn, „daraus entsteht der deutsche Boom.“
Diese Situation sei entstanden, obwohl die Banken in der Wirtschaftskrise massiv Eigenkapital verloren haben und in Folge dessen auch weniger Kredite vergeben können. Auch haben sich die Bilanzsummen der Kreditinstitute verringert, beispielsweise bei der Deutschen Bank von 2,3 Billionen Euro auf 1,5 Billionen Euro. Obwohl weniger Kredite vergeben werden, würde sich das nur aufs Ausland auswirken und nicht aufs Inland, sagte der Ifo-Chef. Das zeigt auch die Ifo-Kredithürde, die seit Monaten kontinuierlich sinkt.
In den vergangenen Jahren gab es die spiegelbildliche Entwicklung in Deutschland. Zwischen 2002 und 2010 wurde hier zu Lande von Firmen, Staat und Haushalten eine Summe von 1 622 Mrd Euro angespart. Davon floss jedoch nur rund ein Drittel in Investitionen. „Sie werden in der Geschichte kaum eine Volkswirtschaft finden, die nur ein Drittel ihrer Ersparnisse zu Hause investiert“, sagte Sinn. Die Investitionsquote betrug nur 5 % des Nettoinlandsprodukts, in Estland lag diese im Vergleich bei 21,5 %.
Der Löwenanteil der deutschen Ersparnisse floss ins Ausland: 1 067 Mrd Euro; davon der größte Teil  in einer Größenordnung von 800 Mrd Euro anonym über die Finanzmärkte. Das wenigste waren Direktinvestitionen.
Im Durchschnitt der Jahre 1995 bis jetzt liegt Deutschland auf der OECD-Skala bei seiner Investionsquote unter allen entwickelten Ländern am niedrigsten. „Kein Wunder, dass das Land nicht mehr gewachsen ist“, folgerte Sinn. Wachsen könne man nur, wenn man investiere und die Produktionskapazität ausweite. Diese Zahlen würden von der Politik nicht kolportiert, die Öffentlichkeit kenne sie nicht.
In der Phase der Flaute habe Deutschland die Löhne kaum noch gesteigert, auch die Preise der Produkte seien kaum noch gestiegen, berichtete Sinn: Deutschland hatte die niedrigste Inflationsrate im Euroraum. Die anderen Länder seien munter davongelaufen, das habe Deutschland geholfen: Die Bundesrepublik hat handelsgewichtet real abgewertet um 21 % relativ zu anderen europäischen Ländern, haben Volkswirte errechnet. Das erkläre den Exportboom, sagte der Ifo-Chef.
Aber es sei ein Ergebnis der Flaute: „Hätten wir nicht die Massenarbeitslosigkeit gehabt, hätten wir nicht die Schröderschen Reformen gehabt, die den impliziten Mindestlohn des deutschen Sozialsystems über seine Lohnersatzleistungen gesenkt haben, hätten wir nicht die Löhne nach unten hin ausgespreizt, würden wir die Folgen in dieser Form nicht erreichen können“, meinte der Wirtschaftsforscher. Es sei aus der Not heraus eine Anpassung gewesen, der sich die deutsche Volkswirtschaft unterziehen musste.
„Heute stehen wir phantastisch da, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis der deutschen Waren hervorragend geworden ist“, sagte Sinn. „Ich glaube, uns steht eine goldenen Dekade bevor, weil wir unser eigenes Geld investieren.“ Das Kapital, das zuvor ins Ausland exportiert wurde, bleibe vermehrt in Deutschland.
Eine Veränderung der Situation werde dann eintreten, wenn die Gewerkschaften wieder höhere Löhne fordern und die Menschen sich auf Grund von höherer Kaufkraft wieder mehr Import-Produkte leisten. Das würde auch die Position der europäischen Länder verbessern, die derzeit Probleme haben. Risiken für die deutsche Wirtschaftsentwicklung dürften nur entstehen, wenn die europäischen Rettungsprogramme zu groß dimensioniert seien und die EZB Geld für die Bezahlung von Importrechnungen zur Verfügung stelle.