BASEL (ilk). Die hoch verschuldeten Länder Europas sowie die USA drücken unmittelbar das mittelfristige BIP-Wachstum auch in Deutschland. „Da die USA nach wie vor etwas mehr als ein Viertel der globalen Pro­duktion absorbieren, wirkt sich eine Konsolidierung des US-Haushalts und entsprechende Nachfrage­ausfälle in einem hohen Maße negativ auf die anderen Länder aus“, so Christian Böllhoff, Geschäftsfüh­render Gesellschafter der Prognos AG. „Hinzu kommen die Konsolidierungsanstrengungen in den hoch verschuldeten Län­dern Europas.“ Den Prognos-Simulationen zufolge verringert eine Reduktion der US-Schuldenstandsquote um einen Prozentpunkt das BIP-Wachstum in den Industrieländern um knapp 0,1 Prozentpunkte. Um ein langfristig tragfähiges Verschuldungsniveau zu erreichen, müssen die USA in den nächsten Jahren ihre Schuldenstandsquote um ca. 30 Prozentpunkte reduzieren. In analoger Weise werden auch die fiskali­schen Konsolidierungen in den hoch verschuldeten Ländern der EU die globale Nachfrage spürbar dämpfen. „Dabei ist zu betonen, dass nicht die Konsolidierung selbst das Problem ist – diese ist unum­gänglich – sondern die zuvor massiv angestiegenen Schuldenstände“, erläutert Kai Gramke, Leiter der Abteilung Wirtschaft und Arbeit bei Prognos. Allerdings müsse in der Diskussion auch beachtet werden, dass ein nicht unerheblicher Teil des deutschen Wirtschaftswachstums der letzten Jahre durch die hohe Verschuldungsbereitschaft der jetzigen Krisenländer erst ermöglicht wurde, so Gramke weiter.

Um die Bedeutung dieser dämpfenden Effekte für die deutsche Wirtschaft bestimmen zu können, wurde in einem Szenario unterstellt, dass es in den vergangenen drei Jahren zu keiner massiven Verschlechte­rung der Haushaltslage in den aktuell hoch verschuldeten Industrieländern gekommen wäre. Der Ver­gleich dieses Szenarios mit unserer Referenzprognose zeigt, dass in diesem Fall das deutsche Brutto­inlandsprodukt im Jahre 2020 um – preisbereinigt – 24 Mrd Euro höher ausfiele. Kumuliert beträgt die Abweichung zur Referenzprognose im Zeitraum 2010 bis 2020 ca. 107 Mrd Euro. Dies entspricht einer Abweichung in der durchschnittlichen Wachstumsrate in diesem Zeitraum von knapp 0,1 Prozentpunkten. „Bezogen auf das Pro-Kopf-Einkommen bedeutet dies, dass im Jahr 2020 jeder Ein­wohner in Deutschland allein aufgrund des exorbitant gestiegenen Schuldenstands in zahlreichen Ländern auf ein Einkommen von 300 Euro verzichten muss. In dieser Rechnung bleiben die Effekte unbe­rücksichtigt, die sich ergeben würden, wenn es zu Kreditausfällen einzelner Länder käme“, so Gramke.

Prognos erwartet als wahrscheinlichstes Szenario, dass es in den einzelnen aktuell gefährdeten Ländern nicht zu einem Schuldenschnitt oder zu einem Staatsbankrott kommt. Vielmehr werden sich die von ex­ternen Stützungsmaßnahmen abhängigen Länder wie Griechenland bemühen, die auferlegten Sparvor­gaben umzusetzen und weiterhin Kreditmittel auf der Basis kurzfristigen Taktierens erhalten. Als real­wirtschaftliche Konsequenz wird in den verschuldeten Ländern insbesondere der Private Konsum in den nächsten Jahren stagnieren. Die geringen Wachstumsbeiträge werden hauptsächlich durch die Exporte erzielt, die durch die reale Abwertung infolge schwacher Lohn- und Preisentwicklung gepusht werden. „Griechenland und Irland beispielsweise, aber auch Großbritannien werden erst gegen Ende dieses Jahrzehnts wieder ein Niveau des reales Pro-Kopf-Einkommens aufweisen, wie sie es vor Ausbruch der Finanzkrise hatten“, erläutert Böllhoff.

Auch jenseits der Belastungen durch die hoch verschuldeten Länder, die sich unmittelbar auf die deutsche Ex­portwirtschaft auswirkt, wird die starke konjunkturelle Dynamik der deutschen Wirtschaft am aktuellen Rand in den kommenden Jahren deutlich nachlassen. Hierfür sind verschiedene Gründe auszumachen: Die aktuell hohen Zuwächse stellen auch eine technische Reaktion auf den tiefen Einbruch im Jahr 2009 dar. Im weiteren konjunkturellen Verlauf ist eine Annäherung an die längerfristige Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts zu erwarten. Dieser langfristige Wachstumspfad wird nur noch bei rund 1,0% lie­gen. Zudem laufen die weltweit als Reaktion auf die Finanzkrise ergriffenen expansiven Maßnahmen auf Seiten der Fiskal- und Geldpolitik aus. Mittelfristig (2012-2020) wird das BIP-Wachstum der Weltwirtschaft nur noch ca. 3% betragen (gegenüber 4,3% bzw. 4,0% in den Jahren 2010 und 2011). Die ent­sprechenden Prognosen für die USA und für die EU belaufen sich auf 1,8% bzw. 1,5% p.a.

Angesichts der absehbaren mittelfristigen Wachstumsschwäche vor allem der USA wird die chinesische Regierung unserer Einschätzung zufolge in den nächsten Jahren verstärkt bemüht sein, die entwick­lungsstrategische Abhängigkeit von der Auslandsnachfrage zu reduzieren und mittels struktureller
Maß­nahmen die Inlandsnachfrage zu stärken (Stützung des Privaten Konsums z.B. durch den Ausbau der sozialen Sicherungssysteme). Ein zukünftig knapperer Arbeitsmarkt wird das Wachstum des chinesi­schen Lohn- und Preisniveaus beschleunigen und damit zusätzlich die chinesischen Exporte belasten. Insgesamt rechnet Prognos damit, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt mittelfristig (2012-2020) ‘nur’ noch mit etwas über 6% p.a. expandieren wird.

Die Bedeutung der alten Industrieländer für die Weltwirtschaft wird bis 2035 deutlich abnehmen: Sie werden im Jahre 2035 nur noch knapp 30% zum weltweiten Wirtschaftswachstum beisteuern, in den letzten Jahren war es die Hälfte. „Allein der Wachstumsbeitrag Chinas fällt mit 19 % im Jahr 2035 höher aus als der der USA mit 15%. Und Indien wird 2035 für das globale Wachstum die gleiche Bedeutung aufweisen wie die Europäische Union“, so Kai Gramke. Diese Verschiebungen dürfen nicht darüber hin­weg täuschen, dass sich die Differenz zwischen den Durchschnittseinkommen in Entwicklungs- und Industrieländern weiter vergrößern wird: Zwar fällt in den ärmeren Länder bis 2035 in der Regel das Pro-Kopf-Wachstum deutlich höher aus, wegen des großen Vorsprungs der „alten“ Industrieländer im Aus­gangsniveau nimmt der Einkommensabstand aber weiter zu. So wird beispielsweise der absolute Vorsprung Deutschlands gegenüber China im Pro-Kopf-Einkommen im Jahr 2035 rund 28 000 Euro betra­gen. Im Jahr 2010 waren es knapp 25 000 Euro.