BERLIN (Dow Jones/ks)–Das RWI prognostizierte einen Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,4% für 2010 und um 2,2% für 2011, nach bisherigen Prognosen von plus 1,9% bzw plus 1,7%. “In der gegenüber dem Juni 2010 um 1,5 Prozentpunkte erhöhten Prognose spiegelt sich vor allem das unerwartet kräftige Wachstum im zweiten Quartal wider”, erklärten die Essener Ökonomen. In der Grundtendenz bleibe die Expansion aber moderat. Das Institut rechnete mit sinkenden Arbeitslosenquoten und einer vorübergehend stärker ansteigenden Staatsverschuldung.
“Die deutsche Konjunktur befindet sich in einem Aufschwung, allerdings haben bisher weder Produktion noch Auftragseingänge das vor der Finanzkrise beobachtete Niveau erreicht”, betonten die Wirtschaftswissenschaftler. Die Lage sei bei weitem nicht so günstig, wie dies die jüngst überraschend starke Zunahme des BIP vermuten lasse. In den Sommermonaten habe die Industrieproduktion nahezu stagniert.
Das RWI betonte, die Unsicherheit insbesondere an den Finanzmärkten sei noch relativ hoch. “Es ist daher nicht auszuschließen, dass es dort zu erneuten Schocks kommt”, erklärten die Wirtschaftsforscher. Solche Anspannungen könnten beispielsweise dann entstehen, wenn Zweifel darüber aufkämen, dass der Großteil der Banken die neu beschlossenen Baseler Eigenkapitalanforderungen (“Basel III”) fristgerecht erfüllen könne.
Im nächsten Jahr dürfte die Inlandsnachfrage nach der Erwartung des RWI “moderat, allerdings stetig” ausgeweitet werden. Bei allmählich steigender Kapazitätsauslastung und anhaltend niedrigen Zinsen sei mit weiter zunehmenden Ausrüstungsinvestitionen zu rechnen. Auch die Konsumnachfrage dürfte leicht zum Wachstum beitragen. Der private Konsum dürfte 2011 um 0,7% steigen, nach einem Rückgang um 0,1% in diesem Jahr.
Die Baukonjunktur hingegen werde wohl durch das auslaufende Investitionsprogramm und die schlechte Finanzlage der Kommunen gedämpft werden. Von der Außenwirtschaft werde ein geringerer Wachstumsbeitrag erwartet. Die Exporte werden nach den Berechnungen des RWI 2010 um 14,9% und 2011 um 6,8% steigen, die Importe dieses Jahr um 12,7% und nächstes um 4,7%.
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt werde sich dabei voraussichtlich weiter verbessern. Das RWI erwartete einen Rückgang der Zahl der Arbeitslosen auf 3,250 Millionen im Jahr 2010 und 3,055 Millionen im Schnitt des kommenden Jahres. Der Beschäftigungsanstieg dürfte sich fortsetzen, wenn auch langsamer. Gleichzeitig sei zu erwarten, dass die Kurzarbeit bis Ende 2011 unter das Niveau vor der Rezession sinkt. Da zudem das Arbeitsangebot aus demographischen Gründen rückläufig bleiben werde, sei mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote auf jahresdurchschnittlich 7,7% in diesem und 7,3% im nächsten Jahr zu rechnen.
Die staatliche Defizitquote wird 2010 nach den Berechnungen der Essener Ökonomen aufgrund der expansiven Ausrichtung der Finanzpolitik wohl von 3,0% auf 3,9% in Relation zum BIP steigen. “Die Lage der Staatsfinanzen würde sich damit zwar weiter verschlechtern, infolge der insgesamt günstigeren Konjunktur aber deutlich weniger als bislang angenommen”, betonte das RWI. Im kommenden Jahr sei wegen des angekündigten Einschwenkens auf einen Konsolidierungskurs mit einem Rückgang der Defizitquote auf 3,0% zu rechnen.
Die Teuerung dürfte laut RWI moderat bleiben. Zwar dürften die erhöhten Rohstoff- und Energiepreise nach und nach an die Verbraucher weitergegeben werden. Bei noch schwach ausgelasteten Kapazitäten blieben die Überwälzungsspielräume in vielen Bereichen aber gering. Das RWI erwartet daher “eine nur moderate Erhöhung der Inflation” auf 1,1% in diesem und 1,5% im kommenden Jahr.
Dass Deutschland die Rezession aus heutiger Perspektive glimpflicher überstanden habe als viele andere Länder, sei auch den Weichenstellungen der Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre zu verdanken. Die Reformen des Arbeitsmarktes dürften wesentlich zu der robusten Beschäftigung beigetragen haben. Auch seien die öffentlichen Haushalte vor der Rezession in einer relativ guten Verfassung gewesen, so dass die Fehlbeträge aufgrund des Konjunktureinbruchs vergleichsweise wenig zugenommen und nicht das alarmierende Niveau anderer Länder erreicht hätten.
Auch die Weltwirtschaft habe die Finanzkrise trotz expandierender Produktion noch nicht überwunden. Die weltwirtschaftliche Produktion dürfte nach der Erwartung des Institutes dieses Jahr um 3,3% und nächstes um 2,6% steigen. “Die Finanzmärkte sind weiterhin sehr volatil, die Erholung hat sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern wieder nachgelassen”, so das RWI.