Trotz der enttäuschenden Juli-Zahlen sehen Volkswirte die deutsche Industrie grundsätzlich weiter

Trotz der enttäuschenden Juli-Zahlen sehen Volkswirte die deutsche Industrie grundsätzlich weiter im Aufwind (Bild: Electriceye - Fotolia.com).

BERLIN (Dow Jones/ks)–Wie das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) am Dienstag auf Basis vorläufiger Daten mitteilte, haben sich die Bestellungen im Juli preis-, kalender- und saisonbereinigt um 2,8% gegenüber dem Vormonat verringert. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte hatten einen Rückgang um 1,5% erwartet. Gegenüber dem Vorjahresmonat meldete das BMWi bereinigt um die Zahl der Arbeitstage eine Zunahme der Auftragseingänge um 8,7%.

Der Rückgang im Juli erklärt sich aus BMWi-Sicht “allein” aus der schwachen Auslandsnachfrage, die sich im Vergleich zum Vormonat um 7,4% verringerte. Das BMWi weist allerdings darauf hin, dass die Auslandsorder im Vormonat Juni mit einem Plus von 13,1% “auch extrem zugenommen hatten”.

Anders als in den Vormonaten sei im Juli auch der Umfang an Großaufträgen lediglich durchschnittlich gewesen. Großaufträge schlügen sich überwiegend im Wirtschaftszweig “sonstiger Fahrzeugbau” (Flugzeuge, Schiffe, Wagonbau) nieder. “Ohne diesen Wirtschaftszweig nahmen die Auftragseingänge in der Industrie im Juli lediglich um 0,2% ab”, schrieben die BMWi-Experten.

Für Analysten der Commerzbank ist der deutliche Rückgang der Orders im Juli nicht überraschend, hatten sie doch im Vorfeld ein Minus von 3,0% prognostiziert. Einen Hinweis auf einen Einbruch sieht Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen darin aber nicht, zumal es gerade im Bereich “sonstiger Fahrzeugbau” in den vergangenen Monaten sehr hohe Auftragseingänge gegeben habe. “Somit sind die heutigen Auftragszahlen auf den zweiten Blick besser als die Gesamtzahl zunächst vermuten lässt”, kommentierte Solveen nach Veröffentlichung der Daten und fügte hinzu: “Der zugrundeliegende Trend bei den Aufträgen zeigt also leicht nach oben”. Allerdings zeige sich, dass der Aufschwung in der Industrie seit Jahresbeginn deutlich an Fahrt verloren habe.

Auch Postbank Ökonom Heinrich Bayer gibt Entwarnung: Die Abwärtsbewegung sei “vor dem Hintergrund dreier vorangegangener kräftiger Anstiege in Folge zu sehen. Es wäre damit voreilig, den aktuellen Rückgang als Beginn einer grundlegenden Schwächephase zu werten.” Vielmehr setze sich vor allem die Tendenz zu heftigen monatlichen Schwankungen fort, die in den einzelnen Segmenten noch wesentlich stärker ausgeprägt sei als bei den gesamten Aufträgen. Insgesamt befänden sich die deutschen Auftragseingänge “immer noch im Aufwärtstrend”, erklärte der Postbank-Experte und verwies auf den “sehr soliden” Zuwachs im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Auffällig ist laut BMWi, dass besonders die Nachfrage aus Ländern außerhalb der Eurozone im Juli um 10,2% zurückgegangen sei, nach einem Plus von 11,1% im Juni. Damit habe der Ordereingang hier nahezu stagniert. Im Juli gingen die Order aus der Eurozone um 3,3% zurück, während die Inlandsnachfrage um 3,6% gegenüber dem Vormonat stieg. Insgesamt verlaufe die Bestelltätigkeit aus der Eurozone und aus dem Inland im bisherigen Jahresverlauf jedoch rege, hieß es aus dem BMWi.

Der aktuelle Nachfragerückgang konzentriert sich nach BMWi-Angaben auf die Hersteller von Investitionsgütern, deren Bestellungen im Juli auf Monatssicht um 7,0% zurückgingen. Bei den Produzenten von Vorleistungsgütern erhöhten sich demgegenüber die Auftragseingänge im Juli um 2,9% und bei den Herstellern von Konsumgütern um 4,5%. “Insgesamt schwächte sich die Dynamik der Auftragseingänge in der Industrie in den letzten Monaten ab, blieb in der Tendenz aber aufwärts gerichtet”, schrieben die BMWi-Experten.

Im Zweimonatsvergleich Juni/Juli gegenüber April/Mai nahmen die Auftragseingänge in der Industrie saisonbereinigt um 1,1% zu. Die Inlandsbestellungen gingen im Zweimonatsvergleich um 3,9% zurück, was sich aber aus dem Auftragsschub durch Großaufträge im Vorzeitraum erkläre. Die Auslandsbestellungen erhöhten sich in dieser Betrachtung gestützt durch umfangreiche Großaufträge im Juni um 5,5%.

Während bei den Produzenten von Vorleistungsgütern und Konsumgütern im Juni/Juli jeweils 0,5% weniger Bestellungen als in der Vorperiode eingingen, konnten die Herstellern von Investitionsgütern 2,4% mehr Aufträge verbuchen.

Ihren Vorjahresstand übertrafen die Industrieaufträge im Juni/Juli kalenderbereinigt um 9,1%. Die Inlandsbestellungen verzeichneten binnen Jahresfrist dabei Zuwächse von 7,3%, die Auslandsbestellungen von 10,5%. Die Hersteller von Investitionsgütern erhielten in dieser Betrachtung mit plus 12,8% den stärksten Nachfrageschub. Bei den Produzenten von Vorleistungsgütern lag das Plus bei 5,0% und bei den Konsumgüterproduzenten bei 3,3%.