WASHINGTON (Dow Jones/rm). “Wir sehen für 2011 einen selbsttragenden Aufschwung, der eine moderate Unterstützung von der Binnennachfrage erhält”, sagte der IWF-Deutschlandexperte Helge Berger in einem Interview mit Dow Jones Newswires bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Washington. 2012 werde sich dieser Wachstumspfad fortsetzen. “Wir haben noch keine festen Erwartungen, aber wir erwarten auch keine massiven Brüche mit dem Wachstumspfad, den wir 2011 sehen.”

Das zweite Quartal dieses Jahres sei mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 2,2% stark gewesen, nicht nur aufgrund des Exports, “sondern auch, was den privaten Konsum und Investitionen angeht”, sagte der Vize-Missionschef des IWF für Deutschland. “Das dritte Quartal wird vermutlich eine Verlangsamung, aber keine radikale Abkühlung bringen”, betonte er. Der Währungsfonds sehe “Elemente einer sich verstärkenden Inlandsnachfrage”.

Die Washingtoner Organisation hatte Deutschland in ihrem am Mittwoch im Zuge der Tagung veröffentlichten Weltwirtschaftsausblick ein Wachstum von 3,3% in diesem Jahr und von 2,0% im kommenden Jahr vorausgesagt und Deutschland wegen der engen Handels- und Produktionsverflechtungen mit anderen europäischen Staaten in einer entscheidenden Position für eine eventuell günstigere Wirtschaftsentwicklung der Eurozone gesehen. Damit hatte der Fonds seine Prognose für 2010 deutlich angehoben, nachdem er im Juli noch lediglich ein Wachstum von 1,4% erwartet hatte.

“Der größte Teil dieser exorbitanten Wachstumsrevision ist technisch-mechanisch”, betonte Berger. Die Dynamik im Jahr 2011 sah er hingegen mit der Prognose noch überzeichnet. “In der Zahl für 2011 ist auf jeden Fall ein statistischer Überhang enthalten”, räumte der IWF-Beamte ein. Insgesamt sei das Risiko, dass die Entwicklung schlechter eintreffe als vom IWF erwartet, größer als die Chance auf eine günstigere Entwicklung. “Die negativen Risiken insbesondere auf der Exportseite sind etwas größer als die positiven, abhängig vor allem von der weiteren Entwicklung in den USA”, sagte Berger.

In der jüngsten Euro-Kursentwicklung sah der IWF-Experte aber keine Bedrohung für die deutschen Exporte. “Wir sehen momentan vor allem eine gewisse Volatilität beim Euro”, konstatierte er. “Von diesem Auf und Ab sollte man aber keine grundsätzlichen Veränderungen der Exportleistung erwarten.” Ganz generell gelte, dass die deutschen Exporteure weniger als andere vom Auf und Ab des Euro abhingen. Die deutschen Firmen seien “oft an Märkten aktiv und erfolgreich, in denen die Wettbewerbsfähigkeit weniger durch den Preis als vielmehr durch die Qualität der Produkte hergestellt wird”.

Beim deutschen Budgetdefizit würden 2011 bereits erste Effekte der fiskalischen Konsolidierung bemerkbar, erwartete der IWF-Experte. “Der relativ moderate und gleichmäßige Konsolidierungspfad, den sich die Bundesregierung vorgenommen hat, führt in die richtige Richtung”, betonte er. “Das gesamtstaatliche Defizit dürfte spätestens 2013 die Bedingungen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes erfüllen.”

Berger forderte von der Bundesregierung aber Reformen im Dienstleistungssektor und mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt, um das deutsche Wachstumspotenzial zu erhöhen. Im Finanzsektor verlangte er eine schnelle Lösung für die Probleme bei den Landesbanken, bei denen es so schnell wie möglich zu einer Konsolidierung kommen müsse. “Wir sind nicht fixiert auf eine bestimmte Zahl von Landesbanken, wir sind fixiert auf Banken, die ein tragfähiges, eigenständiges Geschäftsmodell haben, das sich ohne staatliche Hilfe am Markt bewährt”, hob Berger hervor.