Die Wirtschaftsstimmung in der Eurozone hat sich im Juni wider Erwarten leicht aufgehellt. Der am Dienstag von der Europäischen Kommission veröffentlichte Sammelindex zur Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung stieg auf 98,7 Punkte von 98,4 im Vormonat.

BRÜSSEL (Dow Jones/ks)–Volkswirte hatten dagegen einen Rückgang auf 98,0 erwartet. Für die gesamte Europäische Union (EU) wurde für den Indikator ein nahezu unveränderter Stand von 100,1 (Vormonat: 100,2) Punkten berichtet.

Der Sammelindex zur Wirtschaftsstimmung umfasst die Einschätzung von Industrie, Bauwirtschaft und Dienstleistungsgewerbe sowie das Verbrauchervertrauen und die Entwicklung des Einzelhandels in der EU.

Dabei traten innerhalb der EU deutliche Unterschiede zutage: So stieg der für Deutschland ermittelte Index um 0,4 Punkte auf 106,2 Zähler. In Italien erhöhte er sich um 1,4 Punkte auf 97,2 Zähler. In Spanien zog der Index der Wirtschaftsstimmung um 2,3 Punkte auf 90,0 an, allerdings hatte er dort im Mai auch auf einem der niedrigsten Niveaus im Euroraum gelegen. Dagegen brach der Index in Frankreich um 2,3 Punkte auf 96,6 ein. Noch stärker fiel der Rückgang in Großbritannien mit minus 3,0 Punkten auf 99,4 Zähler aus.

“Alles in allem zeigen die Zahlen, dass die von der Staatsschuldenkrise ausgehende Panik nachlässt”, interpretierte Carsten Brzeski von ING die Daten. “Nach einem beeindruckenden zweiten Quartal wird die Eurozone nun in ruhigeres Fahrwasser kommen. Allerdings werden die wachsenden Unterschiede (innerhalb Europas) der Politik noch einige Zeit Kopfschmerzen bereiten.”

Auch die Commerzbank wies auf nach wie vor große Unterschiede zwischen EU-Staaten hin. Zwar sei in den meisten Euro-Peripherieländer die Wirtschaftsstimmung im Juni gestiegen, “an den Spannungen innerhalb der Euro-Wirtschaft ändert sich hierdurch aber wenig. Die EZB steht weiter unter Druck, bei ihren geldpolitischen Entscheidungen auf die Krisenländer Rücksicht zu nehmen”, sagte Commerzbank-Ökonom Christoph Weil.

Nach Auffassung von Moody’s Economy.com ist “die wirtschaftliche Erholung noch nicht selbsttragend und immer noch gefährdet”. Ferner könnten die Sparanstrengungen vieler Regierungen Europas zur Reduktion ihrer Haushaltsdefizite dem Wachstum und dem Binnenhandel in Europa schaden, sagte Analyst Enam Ahmed. Der von der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgestellte 750 Mrd Euro-Fonds habe die Angst vor einem Übergreifen der griechischen Haushaltskrise auf andere Staaten nicht verschwinden lassen.

Die Zuversicht der Industrie in der Eurozone ist mit minus 6 Punkten auf dem Niveau des Vormonats geblieben, während Volkswirte im Mittel eine Eintrübung auf minus 7 erwartet hatten. Der Kommission zufolge blieben die Produktionserwartungen in der Industrie stabil, obwohl der Auftragseingang günstiger eingeschätzt wurde. In der gesamten Union trübte sich das Industrievertrauen auf minus 6 von zuvor minus 5 ein, was mit pessimistischeren Produktionserwartungen begründet wurde.

Beim Verbrauchervertrauen für den gemeinsamen Währungsraum, das 20% des Gesamtindex ausmacht, wurde nach dem kräftigen Rückgang im Mai für Juni eine leichte Verbesserung auf minus 17 (Vormonat: minus 18) berichtet. Damit wurde erwartungsgemäß die Vorabschätzung bestätigt. Nach Angaben der Kommission schwächten sich die Sorgen der Verbraucher über die Entwicklung am Arbeitsmarkt ab und die allgemeine Wirtschaftslage wurde positiver beurteilt. Für die gesamte EU stagnierte der Index des Verbrauchervertrauens bei minus 15 Zählern.

Der Stimmungsindex für den Einzelhandel blieb im Juni im Euroraum mit minus 6 gegenüber dem Vormonat unverändert, während der Index für den Dienstleistungssektor auf plus 4 (plus 3) stieg. Der Index für die Bauwirtschaft sank auf minus 30 (minus 28) Punkte.

Beim Industrievertrauen wurde für Deutschland eine Verbesserung auf plus 2 (minus 1) berichtet, während für Frankreich ein Rückgang auf minus 16 (minus 11) ausgewiesen wurde. Während das Verbrauchervertrauen in Deutschland mit minus 9 unverändert blieb, trübte es sich in Frankreich auf minus 22 (minus 21) ein.

Die Zuversicht im Finanzdienstleistungsbereich, die im Sammelindex nicht berücksichtigt ist, ging im Euroraum der Kommission zufolge um einen Punkt zurück. In der gesamten EU sackte sie um sieben Punkte ab.