Die Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren für Deutschland sind im August auf den niedrigsten Stand seit über einem Jahr gesunken und weisen damit auf eine schwächere Konjunkturdynamik in den kommenden Monaten hin.

von Katrin Härtel, Dow Jones

FRANKFURT (Dow Jones)–Die ZEW-Lagebeurteilung schnellte nach dem kräftigen Anstieg des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im zweiten Quartal hingegen auf das höchste Niveau seit Anfang 2008. Bankvolkswirten zufolge dürfte sich das Wachstum in Deutschland zwar verlangsamen, aber weiter robust bleiben. Ein Rückfall in die Rezession wird nicht erwartet.

Wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mitteilte, sank der Index der Konjunkturerwartungen auf 14,0 Punkte von 21,2 im Juli. Der Index erreichte damit den niedrigsten Stand seit April 2009 (13,0 Punkte) und liegt deutlich unter dem historischen Mittelwert von 27,3 Punkten. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte hatten im Mittel eine Stagnation auf dem Vormonatsniveau prognostiziert, allerdings war die Prognosespanne sehr breit.

“Vor dem Hintergrund der schwächelnden internationalen Konjunkturentwicklung ist den Finanzmarktexperten die Wachstumseuphorie einzelner Branchen offensichtlich nicht ganz geheuer”, kommentierte ZEW-Präsident Wolfgang Franz die Ergebnisse. Das ZEW bezeichnete eine schwache wirtschaftliche Entwicklung wichtiger Außenhandelspartner, wie etwa den anderen Euroländern und den USA, als das größte Risiko für die deutsche Konjunktur. Das Wachstum einiger großer Volkswirtschaften – darunter die USA, Japan und China – hatte sich im zweiten Quartal zum Teil bereits massiv verlangsamt.

Die Konjunkturlage in Deutschland wurde hingegen weitaus besser beurteilt als im Vormonat. Der Index der Lagebeurteilung kletterte um 29,7 Zähler auf plus 44,3 Stellen, nachdem im Juli mit plus 14,6 Punkten erstmals seit Juli 2008 wieder ein positiver Wert verzeichnet worden war. Hier hatten Ökonomen einen Stand von plus 21,0 Zählern prognostiziert.

Grund für die optimistischere Lagebeurteilung – und auch den deutlichen Rückgang des Erwartungsindex – dürfte die dynamische Konjunkturerholung in Deutschland sein. Die deutsche Wirtschaft war im zweiten Quartal mit einer Rate von 2,2% so rasant wie noch nie seit der Wiedervereinigung gewachsen. Allerdings geht das ZEW davon aus, dass sich das hohe Wachstumstempo nicht wiederholen lässt. “Der Rückgang des Indikators deutet nun darauf hin, dass das enorme Wachstum des zweiten Quartals nicht aufrecht erhalten werden kann”, urteilten die Konjunkturforscher.

Dieser Einschätzung schlossen sich auch Bankvolkswirte an. So erklärte Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen, dass die Dynamik der deutschen Wirtschaft zuletzt so hoch war, dass die Zuwachsraten einfach nur zurückgehen können. “Allerdings bedeutet dies wohl nicht das Ende der aktuellen Aufwärtsbewegung, sondern in erster Linie eine Rückkehr zu normalen Wachstumsraten”, betonte er. Weitere Rückgänge des ZEW-Erwartungsindex seien in den kommenden Monaten möglich, da ein Vorzeichenwechsel bei der Lagebeurteilung – der im Juli stattgefunden hatte – historisch betrachtet das Startsignal für einen Abwärtstrend bei den Erwartungen gewesen sei.

Auch Postbank-Ökonomin Fabienne Riefer erwartet, “dass die deutsche Wirtschaft die jüngst an den Tag gelegte Dynamik in der zweiten Jahreshälfte nicht halten kann”. Auslaufende Effekte der Konjunkturpakete, der nachlassende Schub über die Normalisierung der Lagerbestände sowie die Sparmaßnahmen in diversen europäischen Ländern legten zwar eine künftig merklich verlangsamte Gangart der Konjunktur nahe, allerdings keine Schrumpfung. “Insgesamt dürfte das deutsche BIP in diesem Jahr wohl um mehr als 3% zunehmen”, sagte Riefer.

Ein etwas stärkeres Wachstum der deutschen Wirtschaft im laufenden Jahr von 3,5% erwartet UniCredit-Volkswirt Alexander Koch. Dafür sprächen die zuletzt positiven Konjunkturdaten sowie die niedrige Vergleichsbasis im Vorjahr – schließlich war das deutsche BIP 2009 um 4,7% eingebrochen. Anzeichen für ein abruptes Ende der Konjunkturerholung oder Hinweise auf einen drohenden Rückfall in die Rezession seien nicht auszumachen, auch wenn die Wachstumsdynamik sich zum Jahresende hin und im kommenden Jahr “beträchtlich” verlangsamen dürfte. “Der ifo-Index wird in der kommenden Woche dahingehend weitere Informationen liefern”, fügte Koch hinzu.