Die Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren für Deutschland haben sich im Mai in etwa wie erwartet eingetrübt, befinden sich aber weiterhin auf einem hohen Niveau.

MANNHEIM (Dow Jones/ks)–Wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mitteilte, sank der Index der Konjunkturerwartungen auf 45,8 Punkte von 53,0 im April. Die von Dow Jones Newswires befragten Volkswirte hatten einen Stand von 47,0 Punkten prognostiziert. Der historische Mittelwert beträgt 27,4 Punkte. Der Index der Lagebeurteilung stieg auf minus 21,6 (April: minus 39,2) Stellen. Volkswirte hatten einen Stand von minus 33,0 Zähler prognostiziert.

Nach Einschätzung des ZEW gehen die Experten trotz der aktuellen Eintrübung der Erwartungen weiterhin von einer konjunkturellen Erholung auf Sicht der nächsten sechs Monaten aus. “Diese Einschätzung dürfte nicht zuletzt durch die positiven Zahlen zum Export und der Industrieproduktion im März bestärkt worden sein”, urteilten die Konjunkturforscher. Die immer deutlicher zutage tretende Verschuldungsproblematik zahlreicher Länder sähen die Finanzmarktexperten hingegen tendenziell als Konjunkturrisiko.

“In den gesunkenen Konjunkturerwartungen mag sich die zunehmende Unsicherheit von Konsumenten und Investoren bezüglich der Konsolidierungspolitik der öffentlichen Haushalte im Euroraum und hinsichtlich der Entwicklung des Wechselkurses des Euro widerspiegeln,” kommentierte ZEW-Präsident Wolfgang Franz.

Die Konjunkturerwartungen für den Euroraum fielen im April um 8,4 auf 37,6, der Index der Lagebeurteilung legte um 3,9 auf minus 48,5 Stellen zu.

Das ZEW verweist darauf, dass sich die Indexwerte auf den vollständigen Umfragezeitraum vom 3. bis 17. Mai beziehen. Zu bemerken sei allerdings, dass sich das Meinungsbild nach Bekanntgabe des EU-Rettungspakets verändert habe. “Die Konjunkturerwartungen für Deutschland zeigen sich für den Zeitraum ab dem 10. Mai tendenziell noch stärker rückläufig: Offenbar erwarten die Finanzmarktexperten durch die Konsolidierungsmaßnahmen von europäischen Regierungen insgesamt dämpfende Effekte auf die Nachfrage, die durch die ebenfalls erwartete Abwertung des Euro und die davon ausgehenden stimulierenden Wirkungen für den Export nur teilweise kompensiert werden können”, analysiert das ZEW.

Der Anteil der befragten Analysten, die in den kommenden sechs Monaten Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) erwarten, hat deutlich abgenommen und betrug lediglich 31,1% (April: 44,6%). Dass die EZB die Leitzinsen vorerst auf den aktuell sehr niedrigen Niveaus belassen wird, nehmen nun 66,7% (55,1%) an. Der Leitzins der EZB liegt seit Mai 2009 auf dem Rekordtief von 1,00%.

Ferner meinten 58,1% (51,9%), dass die US-Notenbank die gegenwärtig erreichte Null-Linie beim Leitzins in der kommenden Zeit nicht verlassen wird. Auch für Japan und Großbritannien wird der Umfrage zufolge vorerst mit keinem Ausstieg aus den sehr expansiven geldpolitischen Strategien gerechnet.

Leicht erhöht haben sich im Mai die Erwartungen für die europäischen und US-Aktienmärkte. So gaben 44,1% (42,4%) der Befragten an, auf Sicht von sechs Monaten einen steigenden Stoxx-50-Index zu sehen. Höhere Stände beim DAX sagten sogar 49,6% (42,6%) voraus. Für den Dow-Jones-Index erwarteten 48,9% (46,5%) weitere Kursanstiege. Mit einem Rückgang der Indizes im kommenden halben Jahr rechnet ein Fünftel der Experten.

Auch hinsichtlich des Ölpreises sind die Erwartungen leicht gestiegen. Es gaben 37,3% (34,9%) der Befragten an, dass dieser in den nächsten Monaten steigen werde, 50,4% (44,2%) sagten einen unveränderten Ölpreis voraus, aber nur noch 12,3% (20,9%) einen sinkenden.