Die Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren für Deutschland haben sich im Oktober wie erwartet weiter eingetrübt.

von Hans Bentzien, Dow Jones

FRANKFURT (Dow Jones/ks)–Wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mitteilte, sank der Index der Konjunkturerwartungen auf minus 7,2 Punkte von minus 4,3 Zähler im September und verzeichnete damit den niedrigsten Stand seit Januar 2009. Die von Dow Jones Newswires befragten Volkswirte hatten einen Stand von minus 7,0 Punkten prognostiziert. Mit diesem Wert liegt der Indikator weiter unter seinem historischen Mittelwert von 27,0 Zähler.

Der Index, der die Einschätzungen zur aktuellen Konjunkturlage abbildet, erhöhte sich im Oktober jedoch auf plus 72,6 von plus 59,9 Punkten im September. Hier war ein schwächerer Anstieg auf plus 63,5 Zähler prognostiziert worden. Dieser Index stieg zum 17. Mal in Folge und erreichte das höchste Niveau seit September 2007. Die Konjunkturerwartungen für die gesamte Eurozone sanken im Oktober um 2,6 auf plus 1,8 Zähler. Der Indikator für die aktuelle Konjunkturlage verbesserte sich um 5,2 auf minus 1,1 Punkte.

“In der Tat zeigt sich die deutsche Wirtschaft in den jüngsten Zahlen zur Industrieproduktion und zu den Auftragseingängen robust”, kommentierte das ZEW das Umfrageergebnis. In den vergangenen Monaten habe sich die deutsche Wirtschaft mit außergewöhnlich hohen Wachstumsraten von der Wirtschaftskrise erholen können. “Der erneute Rückgang der Konjunkturerwartungen im Oktober deutet darauf hin, dass sich im Vergleich hierzu das Wachstum in den kommenden sechs Monaten abschwächen dürfte.”

Mehr als die Hälfte der Finanzmarktexperten rechne derzeit jedoch nicht mit einer Veränderung der wirtschaftlichen Lage auf Sicht eines halben Jahres. Risiken bestünden allerdings weiterhin durch die schwache wirtschaftliche Dynamik in den USA und anderen Euro-Ländern, führte das ZEW aus.

Für Carsten Brzeski hat der Rückgang der deutschen Konjunkturerwartungen zwei Dimensionen: Zum einen kämen hierin Sorgen über den Einfluss des stärkeren Euro, der öffentlichen Sparmaßnahmen und des langsamer wachsenden Welthandels zum Ausdruck, zum anderen habe der Indexrückgang aber auch einen technischen Aspekt: “Je besser die Lagebeurteilung, desto wahrscheinlicher wird ein Rückgang der Erwartungen, selbst wenn der Ausblick tatsächlich unverändert ist”, erläuterte er. Die Historie zeige, dass negative Indexstände nicht unbedingt als Vorboten eines bevorstehenden Abschwungs zu interpretieren seien.

Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen verwies darauf, dass die Stimmung in den Unternehmen derzeit noch besser sei in dem vom ZEW befragten Personenkreis mit seiner Nähe zum Finanzsektor. Während die Analysten in der Mehrzahl eher etwas skeptisch in die Zukunft schauten, sei die Stimmung bei den in der ifo-Umfrage erfassten Unternehmen weiterhin ausgezeichnet, meinte Solveen.

Allerdings erwartet er, dass sich dies am Freitag ändern wird, wenn das ifo Institut seine Zahlen für Oktober veröffentlichen wird. Denn auch wenn der Gesamtindex durchaus noch einmal leicht steigen könnte: “Die Geschäftserwartungen werden wohl fallen und damit das signalisieren, worauf der ZEW lange deutet: Auf eine langsamere Gangart der Konjunktur in den kommenden Quartalen, aber wohl kaum auf einen Absturz”, prognostiziert der Commerzbank-Volkswirt.

Aus Sicht von Alan Clarke von BNP Paribas ist von Bedeutung, dass der Anstieg der ZEW-Lagekomponente deutlicher ausgefallen ist als der Rückgang der Erwartungen. “Nachdem die Lagebeurteilung die zyklischen Hochpunkte von 1995 und 2000 bereits hinter sich gelassen hat, nehmen sie jetzt Kurs auf das 2007 verzeichnete Allzeithoch von 88 Punkten”, meinte sie.