Durch den Verkauf großer Unternehmensteile des Konzerns will der neue ThyssenKrupp-Chef Heinrich

Durch den Verkauf großer Unternehmensteile des Konzerns will der neue ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger die Verschuldung des Konzerns reduzieren (Bild: ThyssenKrupp).

Von Martin Rapp, Dow Jones Newswires

FRANKFURT/DÜSSELDORF (Dow Jones/ks)–Der Konzern soll durch Verkäufe von Bereichen radikal verkleinert werden; das Edelstahlgeschäft und große Teile der Automobilzulieferer stehen zum Verkauf. Mit der Entschlackung soll auch die drückende Schuldenlast reduziert werden – damit der Konzern dann wieder wachsen kann.

Am späten Donnerstagabend hatte das Essener DAX-Unternehmen nach einer außerordentlichen Vorstandssitzung die Pläne bekanntgegeben. Insgesamt sollen Bereiche mit einem Umsatz von 10 Mrd Euro verkauft werden – am Ende stünde ein um knapp ein Viertel geschrumpfter Konzern. Im abgelaufenen Geschäftsjahr hatte ThyssenKrupp knapp 43 Mrd Euro erlöst.

An der Börse werden die Pläne gefeiert. Die Aktie legt in der Spitze um fast 10% zu und notiert am Freitagnachmittag bei 32,30 Euro. Michael Shillaker, Analyst bei Credit Suisse, spricht euphorisch von “Revolution statt Evolution”. Die Maßnahmen würden “deutliche Werte für die Aktionäre freisetzen”.

Am drastischsten wird der Führungswechsel bei der Edelstahlsparte deutlich. Auch Hiesingers Vorgänger Ekkehard Schulz, der seit der Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999 an der Konzernspitze stand, hatte noch bis 2009 versucht, für das von schwankenden Nickelpreisen und unter Überkapazitäten leidende Geschäft einen Partner zu finden.

Nach erfolgloser Suche entschloss sich ThyssenKrupp dann, den Bereich in Eigenregie weiterzuführen. Der Konzern baute zuletzt für 1,4 Mrd Dollar in ein neues Werk in den USA. In Deutschland soll der Standort in Düsseldorf-Benrath geschlossen werden, in Krefeld werden 240 Mio Euro investiert. Seit einem Jahr schreibt das lange Zeit defizitäre Segment wieder schwarze Zahlen und Schulz sagte zuletzt im November, dass der Bereich im Jahr für 300 Mio bis 400 Mio Euro Gewinn gut wäre.

Jetzt also nimmt ThyssenKrupp einen neuen Anlauf. Für die Sparte, die im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von fast 6 Mrd Euro erzielte, würden nun alle Optionen für eine Weiterführung der Geschäfte außerhalb des Konzerns geprüft, hieß es. Wie das gehen könnte, hat im Januar der Wettbewerber ArcelorMittal vorgemacht: Der weltgrößte Stahlkocher hat sein Edelstahlgeschäft in Aktien gestückelt und an seine Aktionäre verteilt.

Für Hermann Reith, Analyst bei der BHF-Bank, ist die Entscheidung zur Edelstahl-Abspaltung die “wichtigste und überraschendste”. Er schätzt, dass dadurch ein Wert von 2 Mrd Euro gehoben werden könnte. Auch Ingo-Martin Schachel von der Commerzbank rechnet mit Blick auf die Marktbewertung der ehemaligen ArcelorMittal-Tochter Aperam oder von Outokumpu aus Finnland mit deutlichem Potenzial.

Der Edelstahl wäre der größte Bereich im Rahmen der geplanten Verschlankung, den ThyssenKrupp abgeben würde. Dazu kommen verschiedene Automobilzulieferer, die zusammen den Angaben zufolge 2,2 Mrd Euro im Jahr erlösen. Betroffen sind ein Eisengussproduzent in den USA, ein Hersteller von maßgeschneiderten Karosseriebauteilen sowie das Federn- und Stabilisatorengeschäft.

Außerdem plant ThyssenKrupp die Zusammenlegung der Fahrwerk-Geschäfte der Bilstein-Gruppe und der Presta Steering. Aus dem Zusammenschluss gehe ein Unternehmen mit etwa 2,2 Mrd Euro Umsatz und rund 6.500 Mitarbeitern hervor. Für die neue Gesellschaft will der Konzern alle Optionen und insbesondere eine strategische Partnerschaft prüfen.

Der Verkauf der Metallumformung an die spanische Gestamp-Gruppe und die Käufersuche für den Industriedienstleister Xervon gehen indes weiter. Betroffen sind von dem Gesamtprogramm rund 35.000 der etwa 177.000 Beschäftigten. Analyst Shillaker rechnet mit Verkaufserlösen zwischen 5 Mrd und 8 Mrd Euro.

Damit könnte Hiesinger die Nettoverschuldung, die Ende 2010 bei knapp 6 Mrd Euro lag, abbauen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hatte dem Konzern während der Wirtschaftskrise den Status eines besonders guten Schuldners aberkannt. Das verteuert die Aufnahme von Fremdkapital und das Unternehmen will schnellstmöglich den sogenannten “Investment Grade” wiedererlangen.

Beobachter hatten von Hiesinger erwartet, dass er den Schwerpunkt eher weg vom traditionellen Stahlgeschäft verlagern würde, welches in den vergangenen Jahren mit Milliarden-Investitionen ausgebaut worden war. Doch dafür braucht der ehemalige Siemens-Manager den nötigen Spielraum. Diesen soll die Radikalkur schaffen. Am 13. Mai, an dem eine Pressekonferenz angekündigt wurde, wird Hiesinger dann sicher nicht nur sagen müssen, was er nicht will.