“Natürlich wollen wir die sich aus dem Urteil ergebenden Möglichkeiten und Implikationen auch mit unseren russischen Gesprächspartnern erörtern”, erklärte ein Siemens-Sprecher am Freitag mit Blick auf die geplante Partnerschaft mit Rosatom.

FRANKFURT (DJ/gk). Der gestrige Schiedsspruch der Internationalen Handelskammer im Streit zwischen Siemens und seinem französischen Atompartner Areva wird den Münchener Konzern nicht nur Geld kosten, sondern möglicherweise auch Auswirkungen auf die Kernenergie-Pläne des DAX-Unternehmens haben. Am Freitag hielt sich Siemens in einer ersten Stellungnahme allerdings noch eher bedeckt.

“Natürlich wollen wir die sich aus dem Urteil ergebenden Möglichkeiten und Implikationen auch mit unseren russischen Gesprächspartnern erörtern”, erklärte ein Siemens-Sprecher am Freitag mit Blick auf die geplante Partnerschaft mit Rosatom. Zunächst müsse aber das Urteil und dessen Begründung “sehr eingehend” geprüft werden. “Dies wird verständlicherweise unter Berücksichtigung der Ereignisse in Japan, des weltweiten Marktumfelds, aber auch gesellschaftlicher und politischer Aspekte erfolgen”, sagte der Siemens-Sprecher. Man werde sich dazu die Zeit nehmen, die man brauche. “Danach werden wir uns näher äußern”.

Am Vorabend hatte ein Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer (ICC) festgestellt, dass die Siemens AG ihren vertraglichen Pflichten gegenüber dem ehemaligen Kerntechnik-Joint-Venture-Partner Areva nicht in vollem Umfang nachgekommen ist. Siemens muss nun nicht nur 648 Mio Euro zuzüglich Zinsen an die Franzosen zahlen, sondern wurde auch mit einem Wettbewerbsverbot belegt, das im September 2013 ausläuft. Das ist ein gutes Stück kürzer als mancherorts befürchtet, denn Areva hatte bis zu acht Jahre Wettbewerbsverbot verlangt.

Siemens und die Franzosen hatten vor zehn Jahren ihr Atomgeschäft gebündelt, die Münchener hielten 34% an dem Gemeinschaftsunternehmen. Da Siemens nicht genug Mitsprachemöglichkeiten sah, kündigte man Anfang 2009 den Ausstieg und die geplante Zusammenarbeit mit der russischen Rosatom an. Seither stritten Siemens und Areva, man warf sich gegenseitig Vertragsbruch vor. Der DAX-Konzern verkaufte seinen Anteil dann vor wenigen Wochen an den Ex-Partner und strich dafür 1,62 Mrd Euro ein – ein Wert, den ein unabhängiger Gutachter zuvor festgelegt hatte und der vom ICC jetzt auf knapp eine Milliarde Euro reduziert wurde.

Auch wenn sich aus dem Schiedsspruch offenkundig die Chance auf ein schneller als erwartetes Comeback in der Kernenergie ergibt, ist nach wie vor unklar, ob Siemens sich nicht sogar aus dem Geschäft zurückziehen will. In den Medien hatte es angesichts der Atomkatastrophe in Japan in den vergangenen Wochen wiederholt entsprechende Andeutungen gegeben. Siemens hatte sich bislang wegen des schwebenden Areva-Verfahrens mit Blick auf die Atom-Pläne zwar bedeckt gehalten, jüngste Äußerungen von Finanzchef Joe Kaeser lassen aber zumindest auf eine wachsende Skepsis gegenüber der Technologie schließen.