Demnach mussten die Autobauer bis Mitte Oktober allein auf dem Referenzmarkt USA über 47,9 Millionen Pkw (inklusiver leichter Nutzfahrzeuge) in die Werkstätten beordern. Damit verstärkt sich ein Negativtrend. CAM-Leiter Professor Stefan Bratzel erklärt: "Innerhalb von weniger als zwei Jahren mussten allein in den Vereinigten Staaten mehr als 93 Millionen Fahrzeuge wegen sicherheitsrelevanter Mängel repariert werden."

Die Rückrufquote – also die Zahl der zurückgerufenen Autos im Verhältnis zu den Neuzulassungen – erreicht im Jahr 2016 (Januar bis Oktober) in den USA 340 Prozent. Zum Vergleich: 2015 lag diese Quote bei 262 Prozent. Bratzel: "Damit waren in den letzten zehn Monaten fast dreieinhalb Mal mehr Fahrzeuge von Rückrufen betroffen als im gleichen Zeitraum im US-Markt verkauft wurden." Ohnehin lag die Rückrufquote bereits in acht der letzten zehn Jahre bei über 100 Prozent. Ein Großteil der zurückgerufenen Modelle bezieht sich entsprechend auf weiter zurückliegende Baujahre.

Nicht nur Takata schuld

Mehr als 86 Prozent der sicherheitsrelevanten Produktmängel am Fahrzeug betrafen in den ersten zehn Monaten des Jahres 2016 den Insassenschutz. "Dafür verantwortlich waren jedoch nicht nur defekte Airbags des japanischen Zulieferers Takata", so Bratzel. Vielmehr habe dieser Skandal eine Art Dominoeffekt ausgelöst, der zu einer grundsätzlichen Überprüfung der Insassenschutzeinrichtungen führte. Und das brachte weitere Mängel zum Vorschein.

Darüber hinaus ist Bratzel überzeugt, dass die sicherheitsrelevanten Mängel nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Hinzu komme nämlich eine große Anzahl stiller Rückrufe oder auch Serviceaktionen. Die sind aber in den offiziellen Zahlen nicht enthalten.

Bratzel fordert Umdenken

Weiter heißt es in der CAM-Studie: Das Risiko großer Rückrufaktionen ist durch marken- und modellübergreifende Plattform- und Gleichteilestrategien sowie globalen Produktionsnetzwerken erheblich gestiegen. Gleichzeitig akzeptieren die Kunden sicherheitsrelevante Mängel an Fahrzeugen in den wichtigen Automobilmärkten immer weniger.

Das Qualitätsmanagement vieler OEMs hinkt laut Bratzel teilweise den veränderten globalen Produktsicherheitsanforderungen hinterher. Deshalb fordert der Autoexperte ein Umdenken: "Vor dem Hintergrund veränderter Entwicklungs- und Produktionsbedingungen sind proaktive und vorsorgende Produktqualitätsstrategien notwendig." Eine umfassende und langfristige Kosten- / Nutzenbetrachtung müsse dabei im Mittelpunkt stehen.