Die "Blue Card" zur Anwerbung von Fachkräften von außerhalb der EU sollte nach einem Vorschlag von

Die "Blue Card" zur Anwerbung von Fachkräften von außerhalb der EU sollte nach einem Vorschlag von BA-Vorstand Raimund Becker auch hochqualifizierten Flüchtlingen zugutekommen. - Bild: Bundesagentur für Arbeit

Es scheint paradox: Während Deutschland zunehmend an einem Fachkräftemangel leidet, strömen monatlich tausende Flüchtlinge ins Land, die selbst bei hoher Qualifikation kaum Chancen am deutschen Arbeitsmarkt haben.

Dabei könnte es nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit (BA) eine recht einfache Lösung geben: Die “Blue Card” zur Anwerbung von Fachkräften von außerhalb der EU sollte nach einem Vorschlag von BA-Vorstand Raimund Becker auch hochqualifizierten Flüchtlingen zugutekommen. Diese Flüchtlinge sollten mit ihren Familien aus dem Asylverfahren herausgehen können und über die Blue Card den Status der zugewanderten Fachkraft erlangen, schlug Becker gegenüber der ‘Rheinischen Post’ vor.

Denn unter den Flüchtlingen befänden sich Hochqualifizierte wie Ärzte und Ingenieure. Diese hätten zwar die Möglichkeit, eine sogenannte Blue Card zu beantragen, mit der Fachkräfte aus Drittstaaten eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis erhalten. Aber: “Um einen solchen Antrag zu stellen, müssten sie nach deutschem Recht zunächst zurück in ihr Heimatland, um dort ein spezielles Visum zu beantragen”, erklärte Becker. “Wenn sie vor Krieg und Verfolgung geflüchtet sind, ist das eine absurde Vorstellung.” Die Blue Card war im August 2012 für akademische Fachkräfte aus Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union eingeführt worden.

Anforderungen der Blue Card schwer zu erreichen

Allerdings stellt sich insbesondere beim Thema Fachkräftemangel die Frage, welches Potenzial die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge tatsächlich mitbringen und welche Vorteile eine Öffnung der Blue Card-Regelungen überhaupt für den deutschen Arbeitsmarkt hätte. Der Unionsinnenpolitiker Stephan Mayer (CSU) schätzte die Gruppe von Flüchtlingen, die für eine Blue Card überhaupt infrage käme, in der ‘Rheinischen Post’ jedenfalls als “nicht sehr groß” ein.

Das dürfte nicht zuletzt an den aktuell hohen Anforderungen liegen: “Denn die Einkommenshöhen sind als Einstiegsgehalt extrem schwierig zu erreichen: Da muss eine Person mehr verdienen als ein promovierter Mitarbeiter im öffentlichen Dienst in Deutschland”, argumentiert Helen Schwenken, Professorin für Migration und Gesellschaft an der Universität Osnabrück, gegenüber tagesschau.de. Das Mindestgehalt eines “Blue Card”-Bewerbers in Deutschland liegt derzeit bei 48.400 Euro. Schwenken spricht sich deshalb dafür aus, die Einkommenshöhe bei einer solchen Regelung herunterzusetzen.

Regelungen der

Regelungen der “Blue Card” – Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Keine systematische Erfassung des Potenzials

Eine statistische und systematische Erfassung der Ausbildung und Qualifikation von Asylbewerbern erfolgt nach Auskunft des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) jedoch nicht. “Das Bundesamt befragt die Asylsuchenden jedoch im Rahmen ihrer Antragstellung auch zu den Aspekten Bildung und Ausbildung. Die Beantwortung der Fragen ist freiwillig, die durch diese Selbstauskünfte gesammelten Daten daher nicht im statistischen Sinne repräsentativ bzw. valide. Sie geben aber einen Eindruck vom Bildungshintergrund der Asylsuchenden”, erklärte eine Sprecherin des BAMF auf Anfrage von Produktion.

Bei den Asylsuchenden des Jahres 2014 ergibt sich demnach folgendes Bild: 15 % gaben an, eine Hochschule besucht zu haben, 16 % ein Gymnasium und 35 % gaben an, eine Mittelschulbildung zu haben. 11 % der Befragten gaben an, keine Schule besucht zu haben, 24 % lediglich eine Grundschule.

Ausbildung syrischer Zuwanderer über dem Durchschnitt

Überdurchschnittlich gut ausgebildet sind nach Auskunft des BAMF Flüchtlinge aus Syrien, die derzeit die größte Gruppe von Asyl-Antragstellern ausmacht. Demnach ergab eine Auswertung der zwischen dem 1. Januar 2013 und 30. September 2014 gewonnenen Daten folgendes Bild: Im Gegensatz zu anderen Herkunftsländern erklärten rund 78 % aus durchschnittlichen oder sogar guten wirtschaftlichen Verhältnissen zu stammen und eine gute Schulbildung zu haben. Rund 21 Prozent trugen vor, eine Fachhochschule oder Universität, rund 22 Prozent ein Gymnasium und rund 47 Prozent eine Grund- oder Mittelschule besucht zu haben. Nur wenige hatten keine Schule besucht.

“Dies liegt weit über den Daten vieler anderer Herkunftsländer und darf nicht auf die Gesamtgruppe aller Asylsuchenden übertragen werden. Für eine Integration dieser Gruppe, die gegenwärtig alle einen Flüchtlingsstatus in Deutschland zugesprochen bekommen, ist dies eine gute Voraussetzung, gleichwohl stellen sich auch hier Schwierigkeiten wie die Anerkennung der mitgebrachten Abschlüsse oder fehlende Deutschkenntnisse”, so die BAMF-Sprecherin.

Das Ministerium weist allerding darauf hin, dass die auf diese Weise gewonnen Daten nicht dazu geeignet sind, die Grundlage für ein Profiling im Rahmen einer Arbeitsmarktberatung zu bilden. “Hierzu wäre eine tiefergehende Erfassung der Qualifikationen erforderlich”, sagt die Sprecherin.

Karoline Kopp