AUGSBURG (Dow Jones/rm). Wie die in Augsburg ansässige Böwe Systec AG in der Nacht auf Freitag mitteilte, wurde am Donnerstag ein Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung beim Amtsgericht Augsburg eingereicht.

Laut Böwe Systec hat die derzeit schwache Finanzstruktur die Einleitung des Insolvenzverfahrens notwendig gemacht. Der Geschäftsbetrieb solle aber ohne Einschränkungen weiterlaufen, versprach das Unternehmen. Aufträge sollten weiterhin plangemäß abgearbeitet, bestellte Maschinen ausgeliefert, Wartungs- und Service-Leistungen erfüllt und neue Aufträge entgegen genommen werden.

Böwe Systec hatte Anfang 2009 ein umfassendes Restrukturierungsprogramm eingeleitet und erzielt damit nach eigenen Angaben inzwischen deutlich bessere operative Ergebnisse. “Wir sind überzeugt, dass Böwe Systec AG auf gutem Wege der operativen Sanierung ist”, sagte Vorstandsvorsitzender Oliver Bialowons. Die positive Entwicklung der Auftragseingänge bestätige die Erholung.

Trotz des anhaltend schwierigen Marktumfelds registrierte das Unternehmen nach eigenen Angaben seit Anfang des Jahres eine wesentliche Belebung des Ordereingangs. Von Januar bis April 2010 sei der Auftragseingang verglichen mit den ersten vier Monaten 2009 um 40% auf 18,7 Mio EUR gestiegen. Der Umsatz habe bis Ende April mit 14,2 Mio EUR um 11,3% über Plan gelegen. Den Erstquartalsbericht will das Unternehmen aufgrund der aktuellen Entwicklung erst später vorlegen.

“Wir wollen den Turnaround fortsetzen und streben an, auf Basis des deutschen Insolvenzrechts, das auch eine Eigenverwaltung erlaubt, diesen erfolgreich abzuschließen”, sagte der Vorstandsvorsitzende weiter. Ziel sei es, das Unternehmen als Ganzes zu erhalten und wieder nachhaltig profitabel aufzustellen.

Vom bisherigen Großaktionär, der Wanderer-Werke AG, ist vermutlich keine finanzielle Hilfe zu erwarten. Dieser hatte Ende vergangener Woche bereits selbst die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Böwe Systec werde dadurch insbesondere in ihrem operativen Geschäft nicht beeinträchtigt, hieß es damals.

Wanderer-Werke hält eine Mehrheit von 50,1% am Aktienkapital des Augsburger Lösungsanbieters für moderne Druck- und Postverarbeitungszentren. Mit Wirkung zum 16. November 2009 waren die Stimmrechte für das gesamte Aktienpaket an die Böwe Systec Treuhand GmbH & Co KG übertragen worden.

Die Wanderer-Werke AG ist eine reine Finanzholding ohne operatives Eigengeschäft; von daher bestünden zwischen Böwe Systec und Wanderer-Werke keinerlei Leistungsverflechtungen, hatte das Unternehmen damals erläutert. Sämtliche Darlehensforderungen von Böwe-Konzerngesellschaften an die Wanderer-Werke seien bereits im Jahresabschluss 2008 vollständig wertberichtigt worden.

Im vergangenen Jahr hatte Böwe Systec weiter mit der Investitionszurückhaltung in der Investitionsgüterindustrie zu kämpfen gehabt. Zudem haben sich umfangreiche Restrukturierungsmaßnahmen und ein gruppenweites Effizienzsteigerungsprogramm erheblich auf die Geschäftskennzahlen 2009 ausgewirkt.

Der Konzernumsatz war 2009 um 13,5% auf 367,1 Mio EUR zurückgegangen. Wie bereits im Jahr 2008 wurden mehr als 60% der Konzernumsätze in der Region Nordamerika erzielt. Der Umsatz der auf dem dortigen Markt tätigen Töchter sank dabei um knapp 16% auf 224,7 Mio EUR. Der Auftragseingang belief sich auf 348,3 Mio EUR nach 419,9 Mio EUR im Vorjahr (ohne aufzugebende Geschäftsbereiche).

Der EBIT-Verlust verringerte sich auf 6,7 Mio EUR nach 23,2 Mio EUR im Vorjahr. Das Ergebnis nach Steuern aus fortzuführenden Geschäftsbereichen belief sich auf minus 25,4 (minus 54,3) Mio EUR. Die Nettoverschuldung ging auf 241,6 (270) Mio EUR zurück.

Im Jahr zuvor hatte unter anderem die Tochter Böwe Bell+Howell dem Hersteller von Kuvertieranlagen die Bilanz verhagelt. Eine Überprüfung des Unternehmenswerts der US-Tochter hatte einen Wertberichtigungsbedarf von 33,5 Mio EUR ergeben. Als Grund für die Wertberichtigung wurden damals unvorhergesehen hohe Absatzrückgänge im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise insbesondere im Hauptmarkt USA genannt.

Die gesamte Böwe-Gruppe beschäftigt rund 3.600 Mitarbeiter. Von der Insolvenz der Böwe Systec AG sind nach deren Angaben rund 600 Mitarbeiter betroffen. Der bereits laufende Restrukturierungsprozess umfasse eine weitere Personalreduzierung um 120 Mitarbeiter und sei aufgrund des konjunkturell niedrigen Umsatzniveaus erforderlich.