VDMA, Maschinenbau, Konjuktur, noch befriedigend, Thilo Brodtmann

"Nach der Abstimmung zum Brext können wir perspektivisch Verluste bei den Lieferungen ins Vereinigte Königreich nicht ausschließen", sagte VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann im Interview mit Produktion. - Bild: VDMA

Herr Brodtmann, wie läuft das Geschäft im Maschinen- und Anlagenbau?
Es fehlen aus vielfältigen Gründen weiterhin weltweit Wachstumsimpulse für Investitionen. Niedrige Rohstoffpreise drücken auf die Investitionslaune der Rohstoffförderländer und China fällt wegen seiner wirtschaftlichen Umstrukturierung als Impulsgeber aus. All dies lastet auf unseren Geschäften.

Kompensationschancen sehen wir weiterhin in den Partnerländern der EU und in den USA, obwohl die Messlatte für den Vorjahresvergleich schon recht hoch liegt. In den ersten fünf Monaten des Jahres liegt die Produktion zwar nach vorläufigen Ergebnissen preisbereinigt 1,1 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Dennoch bleiben wir bei der Prognose, dass die Produktion im deutschen Maschinenbau – und übrigens auch die im Maschinenbau weltweit – in realer Betrachtung 2016 stagnieren wird. Insgesamt gibt es nach wie vor zahlreiche globale Risiken, die sich dämpfend auf die Investitionsgüternachfrage auswirken. Zudem können wir nach der Abstimmung zum Brexit perspektivisch Verluste bei den Lieferungen ins Vereinigte Königreich nicht ausschließen.

Welche Märkte bergen das größte Potenzial und welche das höchste Risiko?
Die Welt wird in den nächsten Jahren volatiler werden. Das bedeutet neue und immer größere Herausforderungen für die Unternehmen und die relevanten Institutionen, insbesondere im Welthandel. In der Folge besteht die Gefahr, dass Regionalisierung und Protektionismus weltweit an Bedeutung gewinnen.

Was bedeutet diese generelle Entwicklung konkret für den Maschinenbau?
Es ist in Zukunft mit einer höheren Volatilität der internationalen Währungsmärkte zu rechnen. Auch mittelständische Unternehmen müssen in Zukunft Know-how für das Management von Wechselkursrisiken aufbauen und die damit verbundenen hohen Kosten tragen.

Der Maschinenbau wird vom Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum im Ausland profitieren. Es gibt eindeutig einen positiven Effekt zwischen Wachstum des ausländischen Bruttoinlandsprodukts, Bevölkerungswachstum und Bedarf an Maschinen und Anlagen. Der Maschi­nenbau ist Lieferant zur Lösung dringlicher Herausforderungen wie Umwelt, Energie, Nahrungsmittelverknappung und Urbanisierung.

Welche Bedeutung hat Asien künftig für den Maschinenbau?
Die Bedeutung Asiens für den Maschinenbau nimmt stark zu, aber auch die ‚klassischen Märkte‘ in Europa und den USA bleiben wichtig. Allein die schiere Größe von Ländern wie China oder Indien bedeutet, dass man an ihnen nicht vorbeikommt und hier maßgebliche Marktanteile gewonnen werden müssen. Der Maschinenbau in Deutschland ist für seine Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten maßgeblich auf den Import von Vorprodukten angewiesen. Die zunehmende von Kunden geforderte lokale Wertschöpfung verstärkt diesen Trend. Es wird also in Zukunft keinen Sinn machen, die Absatz- und Beschaffungsmärkte zu trennen. Länder mit starkem Wirtschaftswachstum werden sowohl für die Maschinenexporte als auch für die Importe die Märkte der Zukunft darstellen. Es gibt beim Investitionsverhalten zunehmend eine ‚Abstimmung mit den Füßen‘. Auch die Investitionen im Maschinenbau werden in Zukunft mehr in den wichtigen Absatzmärkten selbst getätigt werden. Dies sind teilweise Staaten mit einem hohen politischen und wirtschaftlichen Risiko. Es gibt aber keine Alternative dazu.

Wie steht der VDMA zu Freihandelsabkommen?
Auch wenn multilaterale Freihandelsabkommen auf WTO-Ebene nach wie vor der Königsweg sind, ist die Europäische Union gut beraten, wenn sie ihre Anzahl von Freihandelsabkommen mit wichtigen Handelspartnern weiter ausbaut. Dies schafft auf der einen Seite zusätzliche Marktchancen für den Maschinenbau, auf der anderen Seite nimmt zumindest mittel- und langfristig der Wettbewerbsdruck auf dem heimischen Markt zu. Darauf muss sich der Maschinenbau einstellen.

Welche technologischen Trends dominieren in Ihrer Branche?
Digitalisierung und Vernetzung der Produktion, Stichwort ‚Industrie 4.0‘, sind grundsätzlich für den Maschinen- und Anlagenbau ein zentrales Thema. Beispielsweise gibt es viele neue Entwicklungen im Bereich Predictive Maintenance 4.0, hierbei geht es um intelligente Instandhaltungsstrategien.

In der Robotik und Automation steckt zudem viel technologischer Fortschritt, ebenso im Bereich Additive Manufacturing. Zugleich bleiben die Technologien für mehr Energieeffizienz ein wichtiges Thema.

Welche Schulnote geben Sie der konjunkturellen Entwicklung?
Note 3-, also ‚noch befriedigend‘.